bedeckt München 23°
vgwortpixel

Bundesparteitag:Grüne suchen ihre Stärken

Klausurtagung Grüne

Mit welchen Themen gehen die Grünen wie in die nächsten Jahre: Die Parteivorsitzenden Simone Peter (links) und Cem Özdemir.

(Foto: dpa)

Freiheit, Flüchtlinge, Waffenlieferungen - die Grünen haben sich für ihren Parteitag eine Menge Streitthemen vorgenommen. Auch die Querelen in der Führungsriege werden wohl zur Sprache kommen. Die beiden Vorsitzenden dürften froh sein, dass diesmal nicht gewählt wird.

Es ist im vergangenen Januar passiert. Und die Grünen sind total überrascht worden. Sie hatten - wie Tausende Male in ihrer Geschichte - zu einer Demo geladen. Sie hatten sich natürlich Gedanken gemacht, wie diese zu einem Erfolg werden könnte. Und sie hatten selbstverständlich die Hoffnung, dass sich ein paar tausend Menschen an dem Protestzug gegen Massentierhaltung, Gentechnik und schlechte Lebensmittel beteiligen würden. Aber dass statt der avisierten 10 000 gut 30 000 Menschen kommen würden - damit hatten sie im Traum nicht gerechnet.

Kein Wunder, dass das Konsequenzen hatte. Denn auch ohne schon bereit zu sein für neue Ideen und Wahlkampagnen, kapierte die frisch gekürte Parteispitze, dass ihr da ein Thema für die Zukunft serviert wurde. Über schlechte Tierhaltung, Fleischgroßbetriebe und Gentechnik reden die Grünen seit langem. Aber der enorme Zulauf für diese Demo an einem Samstag in Berlin zeigte ihnen, wie viel Potenzial in diesem Thema steckt.

Beim Thema Gentechnik kaum Konfliktpotenzial

Aus diesem Grund sollte auch der Grünen-Parteitag an diesem Wochenende, der erste der neuen Führung, natürlich ein bisschen vom möglichen Glanz dieses Themas abbekommen. Die Parteiführung um Bundesgeschäftsführer Michael Kellner überlegt nicht ohne Grund seit langem, wie eine wirklich groß angelegte Kampagne dazu aussehen könnte.

Und man verrät kein Geheimnis, wenn man hinzufügt, dass sich Kellner und Co. aus zwei Gründen mit diesem Thema besonders viel und gerne beschäftigen: Erstens gibt es dabei kaum Konfliktpotenzial zwischen Realos und linkem Flügel. Das ist viel wert in Zeiten wie diesen. Immerhin knabbern die Grünen auch ein Jahr nach der Bundestagswahl noch schwer an den Gründen und Konsequenzen ihrer Niederlage - auch mit heftigen Vorwürfen zwischen den Flügeln.

Und zweitens bringt das Thema genau jene Voraussetzungen mit, die man nach Einschätzung der Parteiführung für eine erfolgreiche Kampagne dringend benötigt: Man kann es sehr emotionalisieren, mit scharfer Kritik ebenso wie mit grausigen Bildern. Man hat klare Gegner, die großen Fleischfabriken sind da nur einer von vielen. Außerdem kann man es zu einem Gerechtigkeitsthema machen. Denn bislang ist gesundes Essen in Deutschland ein Luxus. Dazu hat man auch noch kluge Gesichter in den eigenen Reihen, die die Sache besonders glaubwürdig vertreten können. Ein Beispiel ist Christian Meyer, grüner Landwirtschaftsminister in Hannover.

Ihr Forum Bundesparteitag: Wo stehen die Grünen 2014?
Ihr Forum
Ihr Forum

Bundesparteitag: Wo stehen die Grünen 2014?

Freiheit, Flüchtlinge, Waffenlieferungen - die Grünen haben sich für ihren Parteitag eine Menge Streitthemen vorgenommen. Auch die Querelen in der Führungsriege werden wohl zur Sprache kommen.   Diskutieren Sie mit uns.

Und dennoch: So sehr das Thema zur Befriedung einer durchgeschüttelten Partei auch dienen kann, die Bundesdelegiertenkonferenz am Wochenende in Hamburg wird es trotz aller klugen Gedanken kaum beherrschen. Zu sehr ringt die Führung wie die Partei insgesamt mit der Frage, wer sie sein möchte nach einem Bundestagswahlkampf, der durch die Veggie-Day-Debatte besserwisserisch-belehrend und durch den schlechten Umgang mit den Pädophilie-Vorwürfen auch noch unsensibel-ignorant wirkte. Deshalb wird diesmal schon der Start in das dreitägige Treffen über das Klima untereinander entscheiden.

Die Grünen In den Klauen des Zeitgeistes
Bericht zur Pädophilie-Debatte der Grünen

In den Klauen des Zeitgeistes

Die Grünen tragen die Verantwortung für ihre unreflektierten Pädophilie-Debatten, sagt Parteienforscher Franz Walter. Die Partei habe in ihrer Frühzeit "Verrücktheiten" von Minderheiten nicht nur toleriert, sondern "veredelt". Doch er sieht auch entlastende Umstände.   Von Thorsten Denkler

Bereits am Freitag wollen die Grünen sich dem Thema Freiheit widmen - was nur eine Chiffre ist für die Frage, wie liberal und tolerant und zugleich wie gestaltend und damit auch Grenzen setzend die Partei in Zukunft in der Gesellschaftspolitik, in der Wirtschaftspolitik, in der Umweltpolitik sein möchte.

Es wird, zugespitzt, also auch um die Frage gehen, wie viel die Partei noch vom ehemaligen Spitzenkandidaten Jürgen Trittin mit seinem linken, kämpferischen Ansatz haben möchte - und wie viel vom politisch wie wirtschaftlich deutlich liberaleren Winfried Kretschmann. Nachdem ein Realo-Antrag aus Hessen erst für Ärger sorgte, soll nun ein flügelübergreifender Antrag Frieden stiften. Das Ergebnis ist freilich offen.