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Bundeskriminalamt:Drohungen und Voodoo-Zauber

Bundesweite Razzia gegen Organisierte Kriminalität

Nach der Durchsuchung eines Bordells in Hannover im April führen Polizisten Frauen hinaus. Im Fokus stand die Zwangsprostitution von Thailänderinnen.

(Foto: Ole Spata/dpa)

Die Zahl der Opfer von Menschenhandel steigt - die meisten werden sexuell ausgebeutet. Die Methoden der Täter sind drastisch.

Es war die größte Razzia in der Geschichte der Bundespolizei. Im Morgengrauen des 18. April dieses Jahres durchsuchten 1500 Beamte 62 Bordelle. Sieben Personen wurden verhaftet, der Verdacht: Menschenhandel. Sie sollen Hunderte junge Frauen und Transgender aus Thailand nach Deutschland gelockt und hier als Prostituierte ausgebeutet haben.

Die Großaktion belegt, wie aufwendig der behördliche Kampf gegen Menschenhändler sein kann - und wie groß die Zahl von deren Opfern. Schon 2017 hatten die deutschen Polizeien insgesamt 671 Opfer von Menschenhandel ausgemacht, wie aus einem am Dienstag veröffentlichten Lagebild des Bundeskriminalamts (BKA) hervorgeht. Das waren 25 Prozent mehr als noch im Jahr davor. Dabei waren 489 Menschen, fast alle von ihnen Frauen und fast die Hälfte von ihnen jünger als 21 Jahre, Opfer sexueller Ausbeutung. 180, davon 85 Prozent Männer, wurden als billige Arbeitskräfte vor allem auf dem Bau und in der Gastronomie ausgebeutet.

Das ganze Ausmaß des Problems lassen diese Zahlen jedoch nur erahnen, bilden sie doch allein ab, was die Behörden ermitteln können. Die sogenannte Dunkelziffer dürfte nach Einschätzung des Bundesfrauenministeriums noch sehr viel höher liegen. Klar erscheint aber nach den BKA-Statistiken: Die meisten Opfer sind Ausländer - unter den ermittelten Frauen, die sexuell ausgebeutet wurden, etwa 80 Prozent, unter ihnen vor allem Bulgarinnen und Rumäninnen. Unter den ermittelten Tatverdächtigen war jeder Vierte Deutscher, gefolgt von Bulgaren und Rumänen. Auch Nigerianer drängen auf den brutalen Menschenhandelsmarkt, ihre Opfer: nigerianische Frauen, laut BKA-Lagebild oft mit Voodoo-Zauberschwüren in die Prostitution getrieben. Viele Frauen werden freilich mit Drohungen, physischer und psychischer Gewalt und Ausnutzung ihrer Hilflosigkeit gefügig gemacht. Immer häufiger hören Beamte von der "Loverboy-Methode", bei der Täter jungen Frauen und Mädchen ein Liebesverhältnis vorspiegeln, um sie so emotional abhängig von sich zu machen.

Hinter dem Menschenhandel zur Ausbeutung der Arbeitskraft stehen meist Täter, die über Scheinfirmen Leiharbeiter aus Osteuropa anbieten. Das Geld, das deutsche Unternehmen zahlen, kommt dabei nur zu einem geringen Teil bei den Arbeitskräften an, Sozialabgaben werden oft gar nicht abgeführt.

Erst 2016 hat die Bundesregierung die Menschenhandelsparagrafen im Strafgesetzbuch verschärft. In den BKA-Zahlen von 2017 spielt die seither strafbare Ausbeutung von Bettlern aber kaum eine Rolle. Gar kein Verfahren gab es gegen Täter, die - oft sehr junge - Menschen ausbeuten, indem sie sie auf Einbruchs- oder Taschendiebstahlstour schicken. Und auch gegen Freier, die sich wissentlich und damit nun illegal Sex mit einem Opfer von Zwangsprostitution erkaufen, kam es 2017 nur in einem einzigen Fall zu einem Ermittlungsverfahren.