Bundeskanzlerin:Zum Heulen

Ein Flüchtlingskind weint bei einem PR-Termin von Angela Merkel, die Kanzlerin versucht Mitgefühl zu zeigen - und zieht dabei Kritik und Protest im Internet auf sich.

Von Paul Munzinger

Und dann fängt Reem an zu weinen, das Mädchen, das gerade beim Bürgerdialog "Gut leben in Deutschland" seine Geschichte erzählt hat. Die Kanzlerin merkt das. "Ach komm", sagt Angela Merkel und setzt ein mütterliches Gesicht auf. Sie geht zu ihr, streichelt ihre Wange und sagt: "Du hast das doch prima gemacht." Der Moderator der Veranstaltung mischt sich ein: "Ich glaube nicht, Frau Bundeskanzlerin, dass es hier ums Prima-Machen geht", sagt er.

Manchmal verdichten sich große Themen in einem einzigen Moment, das geschieht an diesem Mittwoch in einer Grundschule in Rostock. Es geht auf einmal um das Verhältnis von Herz und Rationalität in der Politik und was passiert, wenn der Entscheider dem Einzelfall begegnet. Und um die Frage, ob die Kanzlerin ein gutes oder kaltes Herz hat. Reem weint nicht, weil sie Lampenfieber hat. Sie weint aus Angst. Sie komme "hauptsächlich aus Palästina", hat sie erzählt, dass sie Sprachen liebt und studieren möchte. Vor vier Jahren ist die 13-Jährige über Libanon nach Deutschland gekommen. Doch die Familie hat kein Bleiberecht erhalten. "Ich bin ja jetzt hier", sagt Reem, "aber ich weiß nicht, wie meine Zukunft aussieht." Die Kanzlerin antwortet sachlich. "Politik ist manchmal hart", sagt sie, "es werden manche wieder zurückgehen müssen." Und irgendwann kommen dem Kind die Tränen. Nun hagelt es Empörung. Der Tenor der meisten Twitter-Kommentare unter #merkelstreichelt: Eine gefühlskalte Bundeskanzlerin will die Probleme wegtätscheln, die ihre Politik verursacht. Demnächst streichele Merkel "auch Altersarmut, Diskriminierung, Jugendarbeitslosigkeit und Krebs weg", bemerkt ein Nutzer spitz.

Aber war Merkel wirklich kalt und herzlos? Felix Seibert-Daiker, der den Bürgerdialog moderiert hat, nimmt die Kanzlerin in Schutz: "Sie hat menschlich reagiert auf ihre Art", sagt der Journalist, der für den Kinderkanal (Kika) arbeitet: "Natürlich hätten wir uns alle gewünscht, dass Merkel Reem in den Arm nimmt und sagt: ,Du darfst bleiben.' Aber so ist die Situation nicht."

Die Situation in Rostock war eher so: Wenn Politik auf Realität trifft, das Prinzip auf den Fall, der Verstand aufs Herz, geht es selten ohne Schrammen ab. Und gerade Angela Merkel ist für solch einen Aufprall anfällig. Sie hat das Gefühl aus ihrer Politik verbannt. Sie hat sich in der Griechenland-Krise angewöhnt, der Wut, dem Zorn, der Trauer der Griechen Fakten und Zahlen entgegenzuhalten, Emotionen der Rationalität unterzuordnen. Das hat sie hier auch getan - im Gespräch mit einer Sechstklässlerin.

Und so standen in Rostock die Tränen des Kindes und die Rationalität der Kanzlerin nebeneinander, und Merkel wirkte so hilflos und kalt wie Wolfgang Schäuble angesichts der weinenden griechischen Rentner. Ein Gutes immerhin hatte die Begegnung: Die Debatte um den Umgang mit Flüchtlingen hat nun ein Gesicht. Das von Reem, die "hauptsächlich aus Palästina" kommt.

Bundeskanzlerin: "Ach komm", sagt Angela Merkel zur weinenden Reem.

"Ach komm", sagt Angela Merkel zur weinenden Reem.

(Foto: Bundesregierung)
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB