Süddeutsche Zeitung

Bundeskanzler:Helmut Kohl sprach abfällig über Juden

Aktenfunde belegen, dass sich der Kanzler und sein Umfeld in den achtziger Jahren negativ über Juden äußerten. Wegen der Aufarbeitung der Nazi-Verbrechen fürchtete Kohl um Deutschlands guten Ruf.

In der bundesdeutschen Geschichte gibt es kaum eine politische Gestalt, die umfassender ausgeleuchtet ist als Helmut Kohl. Dieser Tage kommt dennoch eine Facette hinzu, die neu ist - und hässlich: Der langjährige CDU-Vorsitzende, Kanzler der Einheit und Co-Architekt der Europäischen Union hegte in den achtziger Jahren deutliche Ressentiments gegenüber Juden.

Wie der Spiegel zuerst berichtete, geht das aus Dokumenten hervor, die der Historiker Jacob S. Eder ausgewertet hat. Der Wissenschaftler von der Jenaer Schiller-Universität stieß bei der Durchsicht von Akten aus dem Kanzleramt, dem Auswärtigen Amt und dem Nachlass eines CDU-Parlamentariers auf entsprechende Äußerungen.

Kohl und seine Leute haben sich einerseits stets eindeutig von den Verbrechen des Nazi-Regimes distanziert, sagt Eder im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung. "Allerdings äußerte man sich im Umfeld des Kanzlers vorurteilsbeladen und negativ über Juden."

Einige "hoch problematische" Äußerungen

Kohl selbst übernahm 1983, kurz nach seiner Wahl zum Kanzler, das einschlägige Klischee, Juden instrumentalisierten die Schoa für politische Zwecke. So polterte der Kanzler gegen "führende Juden" in den Vereinigten Staaten. Diese wollten mit dem Gedenken an die Judenvernichtung im Zweiten Weltkrieg "einen moralischen Hebel ansetzen, um der amerikanischen Öffentlichkeit fortdauernd zu sagen, ihr müsst Israel auf Gedeih und Verderb unterstützen".

In die ersten Jahre seiner Kanzlerschaft fiel auch der Besuch des damaligen US-Präsidenten Ronald Reagan in Deutschland. Kohl hatte Reagan zu einer Gedenkveranstaltung auf einen Friedhof nach Bitburg eingeladen, wo amerikanische und deutsche Gefallene bestattet worden waren. Nachdem im Vorfeld bekannt geworden war, dass dort auch Kämpfer der Waffen-SS begraben sind, wuchs die Empörung diesseits und jenseits des Atlantiks.

In den USA forderte unter anderem der Holocaust-Überlebende Elie Wiesel den US-Präsidenten auf, den Besuch in Bitburg abzusagen. Reagan fuhr trotzdem hin, doch für Kohl war die Kritik an seiner Bitburg-Idee eine der "schlimmsten Kampagnen während meiner Kanzlerschaft", wie er später in seinen Erinnerungen schrieb.

Für den Protest des KZ-Überlebenden Wiesel gegen das Gedenken an den Gräbern von Hitlers Elitesoldaten hatte Kohl kein Verständnis, wie Eder belegt. Der Kanzler sprach abfällig von "Herrn Wiesel, der aus Auschwitz kam". Wiesel wurde wenig später für seinen Kampf gegen Rassismus und Gewalt mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet; im Jahr 2000 hielt er am Tag der Auschwitz-Befreiung die Gedenkrede im Bundestag.

Zu den Geschichtsverklärern in der Union gehörte Kohl jedoch nicht. Historiker Eder betont, dass der Altkanzler gewiss nicht zum rechten Rand der Union gehört. "Aber einige seiner Äußerungen in diesem Kontext halte ich für hoch problematisch."

Besonders große Sorgen bereiteten der von Kohl geführten Bundesregierung die Pläne der USA, ein Holocaust-Museum in Washington zu errichten. Der Kanzler und sein Beraterkreis sorgten sich um den Ruf der Bundesrepublik, sie fürchteten eine dauerhafte Schädigung des Deutschlandbilds in den USA. "Zum Beispiel fragte man sich, was junge Amerikaner nach einem Besuch des Museums über die Deutschen denken würden", sagt Eder.

Der Botschafter warnte vor dem Einfluss des "jüdischen Geldes"

Gerade vor dem Hintergrund des Kalten Kriegs sei dies eine brisante Frage gewesen. Dies erklärt Eder zufolge auch, warum man in einem amerikanischen Holocaust-Museum die Leistungen der Bundesrepublik gewürdigt sehen wollte.

Kohl beauftragte ausgerechnet den CDU-Bundestagsabgeordneten Peter Petersen, um auf den Gründungsrat des Holocaust-Museums im Sinne Bonns einzuwirken. Auch von dem gebürtigen Hamburger sind judenfeindliche Ansichten dokumentiert. Petersen forderte, man müsse "die einflussreichen Juden in Amerika befriedigen oder mindestens neutralisieren". Gelinge das nicht, würde das deutsch-amerikanische Verhältnis "wirksam vergiftet werden".

Petersen war in seiner Jugend glühender Anhänger der NS-Ideologie und hatte eine Nationalpolitische Erziehungsanstalt (Napola) besucht, eine der Eliteschulen, in denen das Hitler-Regime die braune Elite der Zukunft heranzüchten wollte.

Auch der damalige bundesdeutsche Botschafter in Washington, Günther van Well, vertrat offensichtlich ähnlich krude Ansichten. Der Diplomat, der zuvor während der sozialliberalen Jahre als Staatssekretär bei Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher fungierte, sprach vom Einfluss "jüdischen Geldes" im amerikanischen Wahlkampf. Juden, die den nationalsozialistischen Vernichtungswahn überlebt hatten, schmähte er als "Holocaust-Eiferer".

All die politischen Klimmzüge von Kohls Leuten gegen die entstehende Erinnerungskultur richteten nichts aus. In Washington wurde 1993 das Holocaust-Museum eröffnet, auch an fast zwei Dutzend anderen Orten in den USA wird inzwischen an die systematische Verfolgung und Vernichtung der europäischen Juden durch die Deutschen erinnert.

Die Auseinandersetzung mit der Schoa-Erinnerung in den USA hält Historiker Eder mitentscheidend für den signifikanten Wandel der Geschichtspolitik der Regierung Kohl in den neunziger Jahren. "Man musste einsehen, dass man diese Erinnerung im Ausland nicht steuern konnte", sagt der Forscher, der das Thema in seinem Buch "Holocaust Angst" behandelt.

Irgendwann kam das Einsehen im Kanzleramt

Die von Kohl und seinen Leuten befürchtete Ruf-Schädigung trat nicht ein - das Gegenteil war der Fall. Es wirkte im Inland wie im Ausland positiv, dass man in Deutschland die braune Vergangenheit mittlerweile schonungslos aufarbeitet.

Das sah man Eder zufolge irgendwann auch im Kanzleramt ein: "Man erkannte, wie wichtig eine unzweideutige Beschäftigung mit dem Holocaust für das Ansehen der Bundesrepublik im Ausland war."

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