Harms zur Grünen-Spitzenkandidatin gewählt Erfahrung schlägt Jugend

Rebecca Harms (links) hängt Ska Keller im Kampf um Listenplatzeins locker ab.

Rebecca Harms führt die Grünen in den Europawahlkampf. Auf der Bundesdelegiertenkonferenz in Dresden schwärmt sie von den Protesten in der Ukraine - und schlägt ihre junge Konkurrentin Ska Keller mit deutlichem Vorsprung aus dem Rennen.

Von Hannah Beitzer

Rebecca Harms ist gerne an vorderster Front dabei - und hat auch keine Scheu, davon zu erzählen. Ihre Rede auf der Bundesdelegiertenkonferenz in Dresden beginnt sie schwärmerisch mit "dieser Silvesternacht, als ich mit Vitali Klitschko, der Sängerin Ruslana und meinen Freunden vom Euromaidan das neue Jahr begrüßt habe." Die Freunde vom Euromaidan: Harms hat enge Kontakte zur ukrainischen Protestbewegung, spricht von der "bösen Macht in ihrer Regierung", gegen die sie vorginge. "Wir als Freiheitspartei müssen an der Seite des Euromaidan stehen", findet Harms - und erntet Applaus.

Sie prangert nicht nur Putins Russland als "Zarentum" an, das die Ukraine unter seinen Einfluss bringen wolle, sondern kritisiert auch die Politik des IOC, das gerade mit den Olympischen Spielen zu Gast in Russland ist. Die Spiele in Sotschi stünden für Größenwahn, Korruption, Missachtung der Menschenrechte und Umweltzerstörung. "Ihr Sportler könntet ein bisschen mehr Klitschko sein", fordert sie, "lasst es nicht länger zu, dass im Namen von Olympia Menschenrechte mit Füßen getreten werden."

Aktivistin der ersten Stunde

Außerdem begrüßt die Anti-Atom-Aktivistin der ersten Stunde ausdrücklich drei Bauern aus ihrer Heimat, dem Wendland, die zur Unterstützung angereist waren. "Wir Lüchow-Dannenberger haken uns gern mal unter in solchen Situationen." Die Situation ist in diesem Fall folgende: Die erfahrene Aktivistin und Europapolitikerin Harms hat junge Konkurrenz um Platz eins der Europaliste ihrer Partei. Sk a Keller, 32-jährige Europaabgeordnete, will ebenfalls die deutschen Grünen in den Wahlkampf führen.

Und sie hat Harms bereits eine empfindliche Niederlage zugefügt. Das Online-Votum "Green Primary", in dem die Grünen zwei transnationale Spitzenkandidaten ausgewählt haben, hat Keller für sich entschieden. Sicher, die Teilnehmerzahlen waren eher mau, es gab Ärger mit dem Datenschutz und Probleme, überhaupt an der Abstimmung teilzunehmen. Dennoch wirkt Harms angespannt, während sie von Energiewende, Flüchtlingspolitik und Menschenrechten redet. Einen Schwerpunkt legt sie auf den Atomausstieg, betont, dass sie "immer noch die Gorleben-Aktivistin von früher" sei.

"Mir ist bewusst, dass ich über 30 bin", sagt Harms auch - ein eindeutiger Seitenhieb auf Keller, deren Kandidatur ihre Anhänger als Chance auf einen Generationenwechsel sehen. "Nicht nur Opa für Europa" war ihr Wahlkampfslogan, als sie 2009 ins Europaparlament einzog. Da setzt Harms ihre langjährige Erfahrung als Aktivistin dagegen.

Idealistisch, aber unkonkret

Und in der Tat gelingt es Keller nicht, an die doch sehr konkreten Straßenkampf-Erlebnisse von Harms anzuknüpfen. Ihre Rede ist idealistisch, metaphernreicher als die ihrer Konkurrentin. Aber auch ein bisschen unkonkret. "Ich habe erlebt, wie Europa Grenzen sprengen kann. Echte physische Grenzen, aber auch die Grenzen in den Köpfen und den Herzen", sagt sie.

Keller betont vor allem die Politikfelder, in denen sie sich besonders auskennt, zum Beispiel Flüchtlingspolitik. "Flüchtlinge brauchen Hilfe und kein Frontex, brauchen Rechte und kein Pfefferspray", ruft sie. Auch sie betont, dass sie oft in Asylheimen und Flüchtlingslagern unterwegs sei - kann aber nicht mit so konkreten Situationen aufwarten wie ihre Konkurrentin.

Auch auf die Situation junger Menschen in Europa geht sie ein. "Sie erleben ein Europa der Perspektivlosigkeit, der Armut", beklagt sie. Man müsse diese Probleme ernst nehmen, nachhaltige grüne Jobs schaffen. Dann wird es sehr lyrisch: "Wer Europas Sterne funkeln sehen will, der muss sich auch trauen, im Dunkeln raus zu gehen."

Eigentlich wäre das das perfekte Schlusswort gewesen, doch Keller schiebt noch einen Satz hinterher. Sie verweist auf ihre bisherige Erfahrung in der Europapolitik. Das klingt arg nach Bewerberhandbuch und nimmt ihrer idealistischen Rede den Schwung. Der Applaus ist deutlich leiser als während der Rede von Rebecca Harms und auch die Ankündigung, die Kandidaten anderer Parteien "alt aussehen" zu lassen, findet hier keiner so richtig lustig.

Am Ende stimmen 477 Delegierte für Harms und nur 248 für Keller. Das ist deutlich. Die junge Europapolitikerin landet schließlich nach Sven Giegold auf dem dritten Platz.