Bundesbildungsministerin Schavan tritt zurück:Rücktritt einer Freundin

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Es ist ein bewegender Moment: Gemeinsam treten Merkel und ihre langjährige Vertraute Annette Schavan vor die Presse. Merkel hat einen Rücktritt zu verkünden. Den ihrer Bildungsministerin. Und den einer Freundin.

Von Thorsten Denkler, Berlin

Berlin, Kanzleramt. Samstag, Punkt 14 Uhr. Kanzlerin Angela Merkel und Bildungsministerin Annette Schavan treten vor die Presse. Schavan sieht müde aus. Sie ist erst gestern Abend aus Südafrika zurückgekommen. Nun stehen sie hier, die beiden CDU-Frauen, im viel zu warmen Foyer des Kanzleramtes im kalten Berlin. Schavan im dunklen lilafarbenen Blazer. Merkel trägt einen schwarzes Jacket. Sie wirken ernst, staatstragend. Es geht um wichtiges: Die Verkündigung eines weiteren Rücktritts aus der schwarz-gelben Kabinettsriege.

Einmal deuten Annette Schavans Mundwinkel sogar ein Lächeln an. Ein Lächeln zum Gruß, wenn sie unter den Journalisten das ein oder andere Gesicht erkennt. Dann wieder steht sie regungslos da, schaut auf einen undefinierten Punkt irgendwo vor sich im Foyer. Ihre Gedanken scheinen zu kreisen. Kurz zucken ihre Augenbrauen hoch, als wäre ihr gerade aufgefallen, dass es jetzt sie ist, die hier steht, um ihren Rücktritt vom Amt der Bundesbildungsministerin zu erklären.

Schavan ist lange genug im politischen Geschäft um zu wissen, dass das jetzt von ihr erwartet wird. Jetzt, drei Tage nach dem die Uni Düsseldorf ihr den Doktorgrad wegen vorsätzlicher Täuschung aberkannt hat. Wenn es stimmt, was Bundeskanzlerin Angela Merkel neben ihr gerade sagt, dann hat Schavan ihr am Freitagabend den Rücktritt angeboten. Und Merkel hat ihn angenommen. Wie hätte sie auch anders können. Und doch muss es eine surreale Situation sein für Schavan, dass sie jetzt da steht und dies tatsächlich geschieht.

Sie glaubt offenbar weiter fest an ihre Unschuld. "Ich habe weder abgeschrieben noch getäuscht", sagt sie. Und ihre Stimme ist dabei so fest, als wolle sie aller Welt beweisen, dass sie in diesem Spiel die Gute ist. Der Grund für ihren Rücktritt liegt auch nicht in der Aberkennung des akademischen Grades, der sie auf den Bildungsabschluss einer Abiturientin zurückwirft. Er liegt, so begründet Schavan es, einzig darin, dass sie jetzt gegen die Entscheidung der Düsseldorfer Professoren klagen will. "Wenn eine Forschungsministerin gegen eine Universität klagt, so ist das mit Belastungen verbunden", sagt sie. Für das Amt, für die Bundesregierung, für die Partei. "Das geht nicht. Das Amt darf nicht beschädigt werden."

Zuerst das Land, dann die Partei, "und dann ich selbst"

Zuerst das Land, dann die Partei, "und dann ich selbst", sagt Schavan. Jedes ihrer Worte soll ihr einen Abgang in Würde ebnen. Darum geht es an diesem Samstag, darum steht auch Merkel neben ihr. Das hat sie bei keinem Rücktritt getan, den es unter ihrer Kanzlerschaft gegeben hat. Röttgen hat sie rausgeschmissen, Guttenberg, Glos, Jung, sie alle haben ihre Rücktritte in ihren jeweiligen Ministerien erklärt. Solo.

Dass Merkel ihr zur Seite steht ist auch der besonderen Beziehung zwischen den beiden geschuldet. Freundschaft ist das Wort, das beide in den Mund nehmen. Ein seltenes Wort in der Politik, wenn es ernst gemeint ist. "Sehr schweren Herzens" habe sie das Rücktrittsangebot von Schavan entgegengenommen. Für einen Moment wirkt es, als falle ihr das alles schwerer, als Schavan selbst. Merkel fängt sich sofort wieder, als sie Schavan als "die anerkannteste und profilierteste" Forschungspolitikerin im Land lobt.

Hier geht es nicht um die persönliche Beziehung der beiden zueinander. Hier geht es um Macht und Politik. Da sind solche Entscheidungen zuweilen nötig. Trotz der menschlichen Härte, die das für zwei Menschen bedeutet, die sich als Freundinnen begreifen.

Merkel nennt auch noch die Nachfolgerin, als Schavan ihr vorerst letztes Wort als Bildungsministerin im Kanzleramt gesprochen hat. Johanna Wanka wird es, die noch amtierende Forschungsministerin in Niedersachsen. Merkel trägt diese Personalie vor, als würde sie zum hundertsten Mal die Menüfolge für ein abendliches Bankett verlesen. Jetzt schon Schavans Nachfolge zu kommunizieren ist wichtig, weil es die Debatte vom Rücktritt ablenken kann. Merkel will Handlungsfähigkeit unter Beweis stellen. An Tagen wie diesen aber dürfte ihr schmerzlich bewusst werden, dass auch sie den Gesetzen des politischen Geschäfts unterliegt.

Dann gehen sie. Wortlos. Angespannt. Fragen sind nicht zugelassen. Schavan wird jetzt weiterkämpfen. Um ihre wissenschaftliche Reputation, um ihre Glaubwürdigkeit. Der Erfolg ist ungewiss. Es wird ein schwerer Weg werden.

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