Bürgerversicherung:Lauterbachs Lebensprojekt

Bürgerversicherung: Karl Lauterbach, 54, vertritt die SPD seit 2005 als Abgeordneter im Bundestag. Seit 2013 ist er Fraktionsvize der SPD. Sein Markenzeichen: die Fliege.

Karl Lauterbach, 54, vertritt die SPD seit 2005 als Abgeordneter im Bundestag. Seit 2013 ist er Fraktionsvize der SPD. Sein Markenzeichen: die Fliege.

(Foto: Kay Nietfeld/AFP)
  • Der Sozialdemokrat und Mediziner Karl Lauterbach setzt sich seit Jahren für eine Bürgerversicherung ein.
  • Mit dieser will die SPD das System aus gesetzlicher und privater Krankenversicherung ersetzen.
  • Die Union sträubt sich gegen Lauterbachs Pläne. Trotzdem will die SPD das Thema in den Koalitionsverhandlungen diskutieren.

Von Christoph Hickmann und Kristiana Ludwig, Berlin

Bei Karl Lauterbach ist mal wieder die Zeit stehen geblieben, er ist darüber nicht begeistert. Es ist früher Nachmittag an einem Freitag im Januar, kurz nach eins, aber die Uhr am Handgelenk des Bundestagsabgeordneten Lauterbach zeigt halb zwölf. "Da habe ich mir einmal im Leben eine teure Uhr gekauft, von Glashütte, für 800 Euro", klagt er an seinem Tisch in einem Kaffeehaus in Berlin-Mitte. "Und die bleibt immer wieder stehen."

Die stehen gebliebene Zeit: Eigentlich ist das gar kein schlechtes Bild, wenn man etwas über den Sozialdemokraten, Professor, Mediziner und Gesundheitsökonomen Karl Lauterbach, 54, erzählen will. Außerhalb der SPD ist er vor allem als Mann mit der Fliege bekannt, der in Talkshows sitzt und den Deutschen im Sommer Tipps für gesundheitsschonendes Grillen gibt. Doch letztlich kämpft Lauterbach noch immer für dasselbe ernsthafte Anliegen wie auch schon vor eineinhalb Jahrzehnten, ohne dass er der Realisierung bislang großartig nähergekommen wäre: das Projekt einer Bürgerversicherung, mit der die SPD das System aus gesetzlicher und privater Krankenversicherung ersetzen will.

Die Bürgerversicherung war selbst in der SPD nahezu in Vergessenheit geraten

In dieser Woche steht es wieder auf der Tagesordnung. Als eine von drei inhaltlichen Zusatzforderungen für die Koalitionsverhandlungen hat der SPD-Parteitag vor eineinhalb Wochen beschlossen: "Wir wollen das Ende der Zwei-Klassen-Medizin einleiten", unter anderem durch eine "gerechtere Honorarordnung" für Ärzte. Das wäre nichts anderes als der Einstieg in die Bürgerversicherung, schließlich wäre es so für Ärzte weniger lukrativ, Privatpatienten zu behandeln. Dass Union und SPD darüber überhaupt verhandeln wollen, darf man als Erfolg für Lauterbach werten. Unabhängig davon, ob etwas herauskommt.

Denn zwischenzeitlich war das Thema selbst in der SPD nahezu in Vergessenheit geraten. Einst hatte sie die Bürgerversicherung als Reformprojekt propagiert, doch in den jüngsten Wahlkämpfen spielte sie kaum eine Rolle. Nun, Anfang 2018, sitzt Lauterbach vor seinem Kaffee und sagt in seinem an einen rheinischen Leierkasten erinnernden Lauterbach-Tonfall: "Ich glaube, diesmal gibt es eine echte Chance, einen irreversiblen Einstieg in die Bürgerversicherung zu schaffen." Und: "Das jetzige System der Krankenversicherung schadet." Privatversicherte bekämen Behandlungen, die medizinisch keinen Sinn machten, gesetzlich Versicherte warteten viel zu lange auf Termine beim Facharzt. "Zu Uni-Spezialisten dringen sie meist nie vor."

Es fallen einem nicht viele Beispiele ein, bei denen ein Politiker so mit einem Projekt verbunden ist. Volker Beck von den Grünen vielleicht, der stets für die Gleichberechtigung Homosexueller kämpfte und im vergangenen Jahr, kurz vor seinem Ausscheiden aus dem Bundestag, die Ehe für alle feiern konnte. "Ich habe vor 15 Jahren das Konzept in der Rürup-Kommission erarbeitet und den Begriff der Bürgerversicherung damals eingeführt", sagt Lauterbach. "Das lief komplett gegen den Zeitgeist, der ja neoliberal war. Auch die SPD war davon nicht unberührt geblieben."

Die Union sträubt sich gegen Lauterbachs Pläne

Außerhalb der Partei ist der Widerstand nach wie vor groß. Die Union sträubt sich gegen Lauterbachs Pläne, ihre Gesundheitspolitiker warnen vor einer "Bürgerversicherung durch die Hintertür". Und Ärzteverbände wie Versicherungskonzerne protestieren schon mal präventiv. Als möglichen Kompromiss hat der geschäftsführende CDU-Gesundheitsminister Hermann Gröhe angeboten, Landärzten bessere Honorare zu zahlen, um Praxen in abgelegenen Regionen attraktiver zu machen. Doch Lauterbach ist das nicht genug. Ihm geht es um ein neues System.

"Mein Grundantrieb ist die Frage, welche Krankheiten mit sozialen oder anderen vermeidbaren Ursachen zu tun haben, also diejenigen häufiger treffen, denen es materiell schlechter geht", sagt er. "Diese Ungerechtigkeiten will ich beseitigen." Das darf man ihm schon deshalb abnehmen, weil er so konstant bei seinem Anliegen bleibt. Und weil er das Ansehen des Professors mit eigenem Institut gegen den Status eines einfachen Abgeordneten getauscht hat, ohne bislang über den Posten eines stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden hinauszukommen. "Ich bin in die Politik gegangen, weil ich gemerkt habe, dass die Publikationen, die ich zu diesem Thema früher geschrieben habe, keinen Politiker auch nur im Ansatz interessierten", sagt er.

Lauterbach: "Früher bin ich viel arroganter gewesen"

Unterhalb dieser Ebene allerdings ist Lauterbach durchaus variabel in seinen Positionen und Einschätzungen. Man weiß auch nie so genau, ob es die vielen Studien, die er bei jeder Gelegenheit zitiert, tatsächlich alle gibt - oder ob der jeweils zitierte Beleg nicht doch eher dem Kopf des Professors entsprungen ist. Um der rheinischen Faktenkanonade gewachsen zu sein, muss man tief in der Materie stecken, sonst kann es einem gehen wie vor Jahren Kurt Beck. Als der damalige Parteichef in einer SPD-internen Sitzung das Wort "Gesundheitsfond" auf einen Flipchart schrieb, sagte ihm Lauterbach, er solle erst einmal lernen, wie man Fonds richtig schreibe. Also mit s. Heute sagt Lauterbach, so etwas würde er nicht mehr machen. "Früher bin ich viel arroganter gewesen."

Und wenn es diesmal wieder nichts wird? Wenn er der Bürgerversicherung nicht mal ein Schrittchen näherkommt? Dann wird er wohl trotzdem weitermachen - und die Ergebnisse in seinem Sinn zu deuten wissen. "Eigentlich habe ich die halbe Schlacht um die Bürgerversicherung schon gewonnen", sagt er schon mal vorab. "Schließlich steigen die Mitgliederzahlen bei den privaten Versicherungen nicht mehr." So kann man das auch sehen.

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