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Rathäuser in Deutschland:Unter Männern

Das historische Rathaus von Erftstadt (rechts) war eine Trutzburg der Männer, die hier lange die Geschicke der Stadt südwestlich von Köln lenkten. Im neuen Rathaus (oben) wird nun bald eine Frau das Sagen haben.

(Foto: Stadt Erftstadt, Florian Monheim/Mauritius, Werner Otto/imago)

Bürgermeisterinnen gibt es wenige, nicht nur in Nordrhein-Westfalen, wo am Wochenende Kommunalwahl ist. Das Bundesfamilienministerium beklagt Rollenstereotype und Traditionen, die Frauen von Spitzenpositionen fernhalten.

Von Hannah Beitzer und Thomas Hummel

Erftstadt liegt im Rhein-Erft-Kreis, hat etwa 50 000 Einwohner und wählt - wie die meisten Städte und Gemeinden in Nordrhein-Westfalen - am kommenden Sonntag ein neues Stadtoberhaupt. Eines steht jetzt schon fest: Dieses Stadtoberhaupt wird eine Frau sein. In Erftstadt treten im Wahlkampf um das Bürgermeisteramt gleich fünf Frauen gegeneinander an. Die CDU nominierte die 40-jährige Verwaltungsfachwirtin Carolin Weitzel, die SPD die parteilose bisherige Baudezernentin der Stadt, Monika Hallstein. Die FDP schickte die ehemalige Bundestagsabgeordnete Gabriele Molitor in den Wahlkampf, die Grünen Stefanie Bethmann. Und dann gibt es noch die 39-jährige parteilose Hauptschullehrerin Rebecca Ewald.

Normal ist das auch im Jahr 2020 nicht. Der Bürgermeister, der sagt, wo es im Ort langgeht, das Gesicht der Stadt - es ist in den allermeisten Fällen nach wie vor ein Er. Frauen sind in der Kommunalpolitik unterrepräsentiert, vor allem in den höchsten Ämtern. In Nordrhein-Westfalen sind bisher nur knapp neun Prozent aller Stadt- und Gemeindeoberhäupter weiblich. Nach der Studie "Women in Politics - Local and European Trends" vom Rat der Gemeinden und Regionen in Europa aus dem Jahr 2019 steht in nur 11,4 Prozent aller deutschen Kommunen eine Frau an der politischen Spitze. Damit liegt Deutschland noch unter dem europäischen Durchschnitt von 15 Prozent.

Darauf, dass sich das mit der Zeit von alleine ändert, sollte man sich nicht verlassen. Das zeigt zum Beispiel das "Gender-Ranking deutscher Großstädte" der Heinrich-Böll-Stiftung von 2017, das Schlüsselpositionen in der Kommunalpolitik untersucht. Der Anteil der Oberbürgermeisterinnen in Städten mit mehr als 100 000 Einwohnern ist demnach von 2008 bis 2017 von 17,7 Prozent auf 8,2 Prozent eingebrochen. Das Fazit der Studie: "Je höher die Machtpositionen, desto weniger Frauen haben offensichtlich Zugang dazu."

Dass es im Osten mehr weibliche Vertreter gibt, ist nur ein Klischee

Die Süddeutsche Zeitung hat mit fünf Bürgermeisterinnen und drei Oberbürgermeisterinnen über ihren Werdegang gesprochen. Sie kommen aus unterschiedlichen Parteien, aus Städten und aus Landgemeinden, junge Frauen sind ebenso unter ihnen wie Politikerinnen, die bereits auf Jahrzehnte im Geschäft zurückblicken können. Es sind glühende Befürworterinnen einer Frauenquote unter ihnen und entschiedene Quoten-Gegnerinnen. Alle beklagen sie, dass Frauen insgesamt in der Kommunalpolitik zu wenig vertreten sind - und ihr Anteil mit zunehmendem Einfluss der Posten abnimmt.

Das Gender-Ranking der Heinrich-Böll-Stiftung bestätigt den Eindruck der Bürgermeisterinnen. Während von den Stadträten noch etwa 34 Prozent Frauen waren, so waren es bei den Ausschuss- oder Fraktionsvorsitzenden jeweils nur etwa 23 Prozent. Einige Erkenntnisse des Rankings überraschen wenig. Die beste Frauenquote aller Parteien haben die Grünen, nämlich 50 Prozent. Es folgen die Linken (44,4 Prozent) und die SPD (37,3 Prozent).

Andere Ergebnisse hingegen widersprechen gängigen Klischees. Zum Beispiel dem, dass es Frauen im Osten Deutschlands in Männerpositionen leichter haben. Die Spitzenreiter des Gender-Rankings - Erlangen, Trier und Frankfurt am Main - liegen allesamt in den sogenannten alten Bundesländern. In den östlichen Bundesländern sind insgesamt weniger Frauen in Kommunalparlamenten vertreten als in den West-Bundesländern. Das liegt der Untersuchung zufolge vor allem daran, dass hier Parteien stark sind, die nicht auf eine Quotierung ihrer Mandate achten: die CDU, die FDP und die AfD. Insbesondere das Erstarken der AfD habe zu einer Verringerung des Frauenanteils in den Kommunalparlamenten geführt, schreiben die Autorinnen und Autoren.

Das Bundesfamilienministerium nennt mehrere Gründe für den anhaltend niedrigen Frauenanteil in Stadt- und Gemeinderäten, aber auch unter Bürgermeistern und Landräten. Ein wichtiger Grund seien die Rahmenbedingungen in der Politik. Sitzungen und wichtige politische Termine fänden oft abends oder am Wochenende statt, eine Kinderbetreuung gebe es selten. "Auch kann eine männlich dominierte Sitzungskultur Frauen abschrecken", schreibt das Ministerium in einer Stellungnahme. Um eine solche Kultur zu ändern, reiche es nicht, wenn es nur einzelne Frauen in Sitzungen gebe, erfahrungsgemäß sei für einen echten Kulturwandel eine Quote von mindestens 30 Prozent Frauen erforderlich.

Ein parteiübergreifendes Netzwerk bietet Workshops und Vorträge an

Das Familienministerium sieht hier vor allem die Parteien in der Pflicht. Sie müssten sich bemühen, Frauen für das politische Engagement zu begeistern und es ihnen auch ermöglichen. Seit 2009 gebe es etwa das Helene-Weber-Kolleg, das erste bundesweite und parteiübergreifende Netzwerk für mehr Frauen in der Kommunalpolitik, das unter anderem Workshops und Vorträge für interessierte Frauen anbietet. "Ein wichtiger Punkt, der Frauen von Spitzenpositionen in der Politik abhält, sind Rollenstereotype und Traditionen, die zwar im Umbruch, aber immer noch wirksam sind", heißt es aus dem Ministerium.

Von hartnäckigen Stereotypen berichten auch einige der Bürgermeisterinnen, die die SZ befragt hat. Sie erzählen aber auch von den Menschen, die sie ermutigt und gefördert haben, die ihnen zu einer Laufbahn verholfen haben, die sie für sich selbst vielleicht gar nicht gesehen hätten. Und nicht zuletzt wünschen sie sich, dass sich gerade junge Frauen mehr zutrauen und sich häufiger denken: Was der kann, kann ich schon lange.

© SZ vom 08.09.2020
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