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Bürgerkrieg in Syrien:Fluchthelfer vor Gericht

Sie sollen Hunderte Syrer nach Deutschland geschleust haben: In Essen stehen sechs Männer vor Gericht, die von syrischstämmigen Bürgern Geld bekommen haben sollen, um die Flucht ihrer Verwandten zu organisieren. Doch sie passen nicht so recht ins Klischee.

Der Neffe war jung, stark - und er sollte zum Militär. Auch die Rebellen wollten ihn als Kämpfer. "Ich bekam einen Anruf aus der Heimat", sagt der Syrer Fadhil Sheikmus, der seit etwa zehn Jahren in Niedersachsen lebt und Schlachtmaschinen reinigt. "Mir war klar: Wenn ein Neffe in Syrien bleibt, wird er entweder selbst zum Mörder oder er wird umgebracht. Aus Angst haben wir alles getan, um ihn da rauszuholen." Pause. "Ganz ehrlich, was hätten wir sonst tun sollen?" Die Familie sammelte also Geld für Schleuser, und die brachten den Neffen zu den Verwandten in Deutschland.

Oder Nashmiya Isaa, die auch aus dem Nordosten Syriens stammt. Ihr Mann war mal in Haft, weil er politisch aktiv war. Die Lage daheim war schlecht: "Kein Wasser, kein Strom, Hunger" sagt sie. Krieg eben. Zwei Schwestern sowie viele Cousinen und Cousins leben in Deutschland. Ein Schleuser regelte den Fall. "Ich bringe dich zu deiner Familie nach Dortmund", sagte er.

Wie lange die Fahrt dauerte, weiß sie nicht mehr. Sie schlief im Auto. Hält sie es für gerecht, dass der Schleuser danach in Deutschland ins Gefängnis kam? "Ich entscheide das nicht. Ich kann nur sagen: Er hat mich sicher zum Haus meiner Familie nach Dortmund gebracht. Er hilft und bekommt dafür Geld."

Ein Taxifahrer, ein Dachdecker und ein Bauingenieur vor Gericht

Zwei Geschichten über Krieg, Flucht - und Kriminalität. Schleusungskriminalität. Seit Juli werden diese Geschichten im Saal 101 des Landgerichts Essen verhandelt. Sechs Angeklagte standen anfangs vor Gericht: Darunter ein Taxifahrer aus Paris, ein syrischer Dachdecker aus Griechenland und ein Bauingenieur aus Essen.

Sie sollen 270 Syrer nach Deutschland geschleust haben. Das hat eine Ermittlungsgruppe der Bundespolizei in einer der aufwendigsten Schleuser-Ermittlungen der vergangenen Jahre mit monatelangen Telefonüberwachungen und Observationen herausgefunden. Fast alle Flüchtlinge stellten danach Antrag auf Asyl.

Den Angeklagten drohen hohe Haftstrafen. Gegen etwa vierzig in Deutschland lebende Syrer wird zudem ermittelt, weil sie den Schleusern Geld für die Flucht ihrer Verwandten bezahlt haben.

Zwei Verfahren wurden in dem Prozess abgetrennt. Ein geständiger syrischer Taxifahrer, ein Kleinschleuser also, der in der Regel für rund 800 Euro Landsleute von Paris nach Deutschland gebracht hatte, erhielt vorige Woche für elf Schleusungen zwei Jahre und zehn Monate Haft. Spätestens da war klar, was den anderen Angeklagten drohen kann, denen bis zu 31 Schleusungsfälle vorgeworfen werden. Der Vorsitzende Richter sprach von einem "Motivbündel" aus finanziellen Beweggründen und dem Wunsch, Flüchtlingen zu helfen. Bei den Schleusern habe es einen "hohen Organisationsgrad" und eine "bandenähnliche Struktur" gegeben.