Bürgerkrieg in Syrien:Alle gegen alle

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Bürgerkrieg in Syrien: Ein syrischer Soldat mit einem Maschinengewehr in der von Christen bewohnten Stadt Maalula

Ein syrischer Soldat mit einem Maschinengewehr in der von Christen bewohnten Stadt Maalula

(Foto: AFP)

Übrigens: Während die Diplomaten überall auf der Welt über syrisches Giftgas diskutieren, herrscht im Land weiter Krieg, der täglich viele Leben kostet. Ob Assad nun seine Chemiewaffen abgibt oder nicht, ob die USA ihn angreifen oder nicht, am Status quo wird niemand etwas ändern können - oder wollen.

Ein Kommentar von Sonja Zekri, Kairo

Der Krieg bleibt aus, vorerst. Die USA können Syrien nicht bombardieren, solange Russland bei seinem Verbündeten in Damaskus an der Übergabe der Chemiewaffen arbeitet. Groß ist die Erleichterung. Amerika und Russland sind sich plötzlich so nahe wie lange nicht, der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen bekommt Auftrieb. Auch für Angela Merkel fällt bestimmt etwas ab. Bundeskanzler kommen mit vermiedenen Kriegen besser zurecht als mit geführten.

Nur: Es wird ja bereits Krieg geführt in Syrien, und das mit internationaler Beteiligung. Tschetschenen, Afghanen, Deutsche - sie alle sind im Einsatz, meist unter der schwarzen Flagge der Islamisten. Es ist ein Krieg, dessen Bilder unerträglich waren, lange bevor die zuckenden Sarin-Opfer die Welt entsetzten.

Gewiss, in einer idealen Welt würde die Chemiewaffen-Frage einen politischen Prozess eröffnen. Russland und Amerika würden an einem Strang ziehen. In Damaskus würden die schlimmsten Schlächter - vor allem Präsident Assad und sein Bruder Maher - gegen eine konziliantere Führung ausgetauscht. Die Exil-Opposition in ihren Istanbuler Hotels würde dies ebenso akzeptieren wie die Kämpfer in Homs und Hama. Ernsthafte Verhandlungen brächten schließlich eine Einigung. Am Ende würden sich alle verbünden und die Dschihadisten vertreiben. Das sind sehr viele Konjunktive. Man hat schon von Völkern gehört, die in einen Krieg stolpern, aber in einen Frieden?

Nichts ändert sich

Wahrscheinlicher ist, dass das Töten weitergeht, wenn auch ohne Chemiewaffen. Assad ist als Verhandlungspartner der Weltgemeinschaft überraschend rehabilitiert. Je länger die Gespräche über seine Senfgas-Depots dauern, desto schwieriger wird es, ihn wieder abzustoßen. Seine Scud-Raketen und Kampfflugzeuge kann er inzwischen weiter fliegen lassen. Nichts ändert sich.

Eine solche Änderung möchte außer ein paar Millionen Syrern eigentlich auch niemand; nicht durch die Chemiewaffen-Debatte und nicht durch einen Militärschlag. Da waren die Erläuterungen von US-Präsident Barack Obama dankenswert deutlich: Ein Militärschlag solle auf keinen Fall einen Regimewechsel nach sich ziehen, vielmehr gehe es darum, internationale Standards zu verteidigen und Amerikas Worten Taten folgen zu lassen, vor allem mit Blick auf das iranische Atomprogramm. Nach zweieinhalbjähriger Debatte über ein westliches Engagement in Syrien ringt sich also der Westen zu etwas Einsatz durch. Nur mit Syrien hat er nichts zu tun.

Bittere Stimmung in Syrien

Entsprechend bitter ist die Stimmung unter den Assad-Gegnern. Sie hatten Vorbereitungen getroffen, um einen Militärschlag auszunutzen. Ein einziges Mal wollten auch sie mit Luftunterstützung operieren, Boden gutmachen, den ihnen das Regime abgenommen hat. Aber nun spotten sie erbittert, Obama solle nach seinem Kongress doch auch noch das syrische Parlament befragen, eine Assad-hörige Schwatzbude.

Andererseits nützt es wenig, sich die befreiende Wirkung eines Militärschlages herbeizuträumen. Jede Armee, die syrischen Boden betritt, müsste nicht nur gegen Assads Soldaten kämpfen, sondern auch gegen ein Milizenheer. Sie hätte bald die aufständischen Dschihadisten gegen sich und würde die Wut der jetzt Verfeindeten auf sich ziehen. Die Zerstörung wäre noch größer - und das finale Ringen der Anhänger und Gegner Assads auf den Abzug der fremden Truppen vertagt.

In Kantone zerfallen

In Syrien herrscht nicht nur ein Stellungskrieg, sondern auch ein Bruderkrieg. Gotteskrieger und Freie Syrische Armee, Syrer und Ausländer, Araber und Kurden ringen um Boden. Das Land ist in Kantone zerfallen zwischen Assad, seinen Gegnern und den Kurden. Der Hass zwischen den Konfessionen entlädt sich in Pogromen. Wer sich in dieses Minenfeld wagt, muss mit einer sehr großen, diplomatisch breit verankerten Streitmacht einmarschieren. Oder gar nicht.

Amerika plant höchstens winzige Schläge. So ist der Umweg über die Chemiewaffen-Verhandlungen das Beste, was Washington passieren konnte. Der Status quo bleibt erhalten, bis jemand eine bessere Idee hat oder alle Beteiligten müdegekämpft sind. Nicht Regimewechsel ist das Ziel, sondern Einhegung des Konflikts. Selbst dies ist schwierig. Libanon, Irak und Jordanien wanken unter der Wucht des Syrien-Krieges, und Israel bleibt eine schwer berechenbare Größe. Schon einmal, vor gut einem Jahr, gab es Hoffnungen auf eine politische Lösung für Syrien, unterstützt durch den Sicherheitsrat. Die Initiative endete mit dem Rücktritt des zermürbten Vermittlers Kofi Annan. Er könne den Frieden nicht mehr wollen als die Beteiligten, sagte Annan damals. Daran hat sich nichts geändert.

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