Süddeutsche Zeitung

Bürgerkrieg in Kolumbien:"Es wird noch einmal viele Tote geben"

Lesezeit: 5 min

Das Nein beim Referendum über den Friedensvertrag in Kolumbien ist mehr als eine Niederlage für Präsident Santos. Für das Volk könnte es fatale Folgen haben, sagt ein Beobachter, der die Farc getroffen hat.

Interview von Karin Janker

Am Sonntag hat sich eine knappe Mehrheit des kolumbianischen Volkes gegen den Friedensvertrag zwischen der Regierung und den Farc ausgesprochen. Die Gegner des Vertrags, allen voran Ex-Präsident Uribe, kritisieren die Strafnachlässe für die Guerilleros und deren geplante politische Beteiligung. Um das Abkommen zu retten, muss nun nachverhandelt werden. Momentan befindet sich das Land in einem "Schwebezustand", den Präsident Santos als "sehr risikoreich und gefährlich" bezeichnet. Auch Sicherheitsexperten dringen auf eine schnelle Lösung: Tausende Farc-Kämpfer ohne juristische Sicherheit und Zukunftsperspektiven seien ein unkalkulierbares Risiko.

SZ: Sie leben als Beobachter des Friedensprozesses in Kolumbien, auf Ihrem Blog haben Sie kürzlich von einem Guerilla-Treffen berichtet, wo Sie mit Kämpfern der Farc gesprochen haben. Sind die Truppen nach jahrzehntelangem Konflikt kampfesmüde?

Stephan Kroener: Als müde habe ich die Farc überhaupt nicht erlebt, eher als erstaunlich disziplinierte und strukturierte Institution. Die Kämpfer und Scharfschützen haben mir in Caquetá relativ kühl davon erzählt, wie sie Menschen erschossen haben. Oder die Frauen, dass sie mehrmals abtreiben mussten. Das ist eine Vorschrift, wenn man in die Farc eintritt: keine Kinder zu bekommen. Die Frauen sagten, das sei eben der Preis, den sie für ihre Revolution zahlen müssten. Auf der anderen Seite beschreiben die Kämpfer, die eigentlich einfache Bauern sind, auch, wie ihnen die Farc ermöglicht habe, lesen und schreiben zu lernen. Für diese Menschen war die Guerilla wie eine Familie, die sie aufgenommen und ihnen Chancen eröffnet hat. Chancen, die ihnen ein aus ihrer Sicht nicht vorhandener Staat verwehrt.

Am Sonntag hat sich eine Mehrheit der Kolumbianer überraschend gegen den bereits unterzeichneten Friedensvertrag zwischen Farc und Regierung ausgesprochen. Steht das Land jetzt unter Schock?

Ich habe eine Frau am Sonntag weinend aus dem Wahllokal gehen sehen. Sie sagte, sie sei überglücklich, dass sie endlich für den Frieden stimmen konnte. Die kriegsgeplagten Kolumbianer, die auf Frieden gehofft hatten, wurden durch den Ausgang des Plebiszits erneut traumatisiert. Mit diesem Ergebnis hatte niemand gerechnet. Die Menschen hier wissen gerade nicht, wie es weitergehen soll. Einerseits gilt der Friedensvertrag mit den Farc, den beide Seiten bereits unterzeichnet haben. Andererseits hat die Volksabstimmung, die seinen Rückhalt in der Bevölkerung demonstrieren sollte, Santos in ein Dilemma gebracht.

Zur Person

Stephan Kroener promoviert zum Friedensprozess in Kolumbien und recherchiert zurzeit in Bogotá. Nebenbei schreibt er einen Blog über das Leben in Kolumbien und den Friedensprozess. Als Freiwilliger arbeitete er zwei Jahre für die Internationalen Friedensbrigaden (peace brigades international, pbi) und begleitete gefährdete Menschenrechtsverteidger in Kolumbien. Für pbi ist er außerdem als Länderkorrespondent tätig.

Worin besteht dieses Dilemma?

Juristisch war der Friedensvertrag eigentlich bereits gültig. Santos wollte ihn nur noch politisch absegnen lassen durch ein Referendum. Und jetzt steht das gesamte Abkommen auf der Kippe.

Warum ist die Strategie des kolumbianischen Präsidenten nicht aufgegangen?

Er war sich sicher, dass die Bevölkerung für den Friedensvertrag stimmen würde, wenn dieser bereits unterzeichnet ist und sich Regierung und Farc geeinigt haben. Aber das Gegenteil war der Fall: Santos' Erzfeind, der frühere Präsident Uribe, machte Stimmung gegen das Abkommen mit den Farc, es mache den Guerilleros zu viele Zugeständnisse. Aber die meisten Punkte, die Uribe kritisiert, wie die Amnestie oder dass Ex-Guerilleros finanzielle Unterstützung erhalten sollen, um sich ein ziviles Leben aufzubauen, wurden über mehrere Jahre hinweg ausgehandelt. Es wird schwierig sein, daran zu rütteln.

Die Wahlbeteiligung am Plebiszit war mit 37 Prozent sehr gering. Sind die Menschen verunsichert?

Für die geringe Beteiligung an der Abstimmung gibt es mehrere Gründe. Zunächst ist das Meldewesen in Kolumbien recht kompliziert. Man kann nur dort abstimmen, wo man gemeldet ist, viele leben aber Tagesreisen von ihrem ursprünglichen Meldeort entfernt. Außerdem hat der Friedensvertrag vielleicht manche abgeschreckt: 300 Seiten in Bürokraten-Sprache. Die Mühe, das alles zu lesen, wollte oder konnte sich so gut wie niemand machen. Und dann dachten viele Menschen auch, der Frieden ist ohnehin schon beschlossen, warum sollte ich da noch abstimmen? Alles in allem kann man sagen: Santos hat sich verkalkuliert.

"Die Guerilleros haben Angst, in ihre Dörfer zurückzukehren"

Es könnte nicht nur Santos' politische Karriere gefährden, sondern auch das ganze kolumbianische Volk teuer zu stehen kommen, wenn nun der Konflikt mit der Guerilla wieder aufflammt. Wie stehen die Chancen für Frieden?

Nach dem Plebiszit schlechter als zuvor. Die Guerilla-Kämpfer, die sich momentan in ihren Lagern im Dschungel verstecken, könnten die Volksabstimmung als ein Signal verstehen, dass große Teile der Bevölkerung sie entweder tot oder im Gefängnis sehen wollen. Das macht es ihnen schwerer, die Waffen niederzulegen. Vor allem die unteren Ränge der Guerilleros, die nicht in die Politik gehen können, sondern in ihre Dörfer zurückkehren müssen, haben Angst.

Wie hat sich der Krieg auf die Dörfer und die Bevölkerung ausgewirkt?

Während die Menschen in den Großstädten den Krieg vor allem aus dem Fernsehen und den Zeitungen kennen, haben viele von denen, die auf dem Land leben, den Konflikt direkt und hautnah miterlebt. Es gibt Familien, in denen ging ein Sohn zu den Farc, der andere schloss sich der Gegenseite, den Paramilitärs, an. Wenn nun Ex-Paramilitärs und Ex-Guerilleros als Nachbarn zusammenleben sollen, wird auch ein Friedensvertrag nicht helfen. Das Misstrauen gegenüber der jeweils anderen Seite ist enorm. Ich fürchte, es wird noch einmal viele Tote geben.

Die Farc werden ihre Strukturen vermutlich nicht einfach so auflösen, auch nach einem Friedensschluss nicht. Wie ließe sich eine solche Organisation befrieden?

Die Farc wollen sich zwar entwaffnen, aber nicht demobilisieren, sondern den ideologischen Kampf als politische Partei weiterführen. Ein Plan der Anführer ist es, die Strukturen ins zivile Leben zu überführen, also beispielsweise gemeinsam Agrarprodukte zu produzieren, diese zu verkaufen und den Gewinn zu teilen. Die Farc sind vor allem in den ländlichen Gebieten so etwas wie ein Ersatz für einen funktionierenden Staat. Das ist ein Teufelskreis: Die Farc sagen, wir werden hier gebraucht, weil der Staat die Regionen vernachlässigt. Und der Staat hält sich von den Gebieten fern, weil dort die Farc aktiv sind.

Das klingt, als wäre Kolumbien politisch und wirtschaftlich noch nicht stabil genug für den Frieden.

Aber es gibt auch keine Alternative dazu. Die Menschen in den ländlichen Gebieten, die vom Konflikt am meisten betroffen sind, haben am Sonntag mehrheitlich für den Friedensvertrag gestimmt. Ihnen war das politische Gezänk zwischen Uribe und Santos egal. Uribe sagt, er spreche für die Opfer, aber die wollen einfach, dass der Krieg endlich aufhört. Allein in diesem Jahr wurden bereits mehr als 50 Menschenrechtsaktivisten in Kolumbien getötet. Zu 80 Prozent gehen diese Taten auf das Konto von neo-paramilitärischen Gruppen, nicht auf das der Farc.

Für seine Bemühungen um den Frieden ist Präsident Santos im Gespräch um den Friedensnobelpreis. Hätte er ihn verdient?

Santos hat in den vergangenen Jahren sicherlich viel dafür getan, dass jetzt ein Frieden zwischen Guerilla und Regierung tatsächlich in greifbare Nähe gerückt ist. Aber in seiner Rolle als früherer Verteidigungsminister hatte er auch die Verschärfung des Konflikts und Menschenrechtsverbrechen mit zu verantworten. Es gibt die Überlegung, den Nobelpreis Santos und dem Farc-Anführer Rodrigo Lodoño Echeverri, genannt Timoschenko, gemeinsam mit fünf Opfern des Konflikts zu verleihen. Das wäre eine Versöhnungsgeste, die auch auf Uribe einwirken könnte. Würde der Oligarchen-Sprössling Santos den Preis allein erhalten, würden sich die Opfer zu Recht übergangen fühlen.

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