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Bürgerdialog nach Ausschreitungen:Kretschmer dreht die Stimmung im Raum

Michael Kretschmer bleibt ruhig, Zwischenrufer weist er in die Schranken. "Sie brauchen hier nicht so rumschreien", sagt er oder einfach nur: "Langsam." Eine Demonstration, in der Hitlergrüße gezeigt würden, sei keine friedliche Demo, erklärt er geduldig. "Und jeder Angriff aus einer unangemeldeten Demo ist einer zu viel." Am Ende hat er die Damen in der Runde soweit, dass sie ihm applaudieren, er hat es geschafft, Herr der Lage zu bleiben, die Stimmung im Raum zu drehen, ohne den Anwesenden nach dem Mund zu reden.

Unten, im Hauptsaal hat sich eine riesige Traube um den Tisch von Innenminister Roland Wöller gebildet. Sein Kopf ist rot, er schwitzt. Vor Erregung zitternde Hände sind in der Luft. Die Fragen sind kaum zu hören, nur die Antworten des CDU-Ministers. Zu Flüchtlingen: "Wir haben jetzt mit der Einrichtung von Ankerzentren begonnen, damit die nicht einfach so untertauchen können." Zur Polizei: "Wir stellen mehr ein, verbessern die Ausbildung, die Ausrüstung." Es gibt viel ausgestoßene Luft und viel Kopfschütteln.

Bei Integrationsministerin Petra Köpping, die für Geflüchtete zuständig ist, sitzt nur eine kleine Gruppe. Menschen, die sich engagieren. Die erzählen, dass "ihr Walid" jetzt bei ihnen lebt, nicht in der Wohngruppe, weil die jungen Flüchtlinge dort sich selbst überlassen werden. Köpping hört sich das alles in Ruhe an, notiert, verspricht Einzelfälle zu prüfen.

Am Buffet kann sich die Dame, die am Anfang "Schande" rief, nicht entscheiden: Frischkäseschnittchen oder Laugenbrezel? Dann gründet sie mit einer Rentnerin im grünen Jäckchen, einem Bild-Reporter und dem SPD-Politiker Dirk Panter eine eigene Gesprächsgruppe. Es geht wild durcheinander: "Wir sollen nach Tunesien in den Urlaub und die flüchten von dort", sagt die Rentnerin. "Ich bin für die eine Schlampe, wenn ich Hotpants trage", sagt die Frau. Und in der Schule würden die sich ja auch nicht benehmen. Die, die, die. Dirk Panter versucht die Kontrolle über das Gespräch zu gewinnen, lenkt es auf Bildungspolitik, auf die Verkleinerung der Klassengrößen.

Es ist kurz vor 21 Uhr. Die Luft im Saal ist dünn. Ein sanftes Kling-Klang aus den Lautsprechern läutet das Ende des Abends ein. Aus dem Gebrüll ist Gemurmel geworden.

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