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Bürgerbeteiligung am Tempelhofer Feld:Erst mal nur mit den Hochinteressierten arbeiten

Und mittendrin Tilmann Heuser, der zwischen Politik und Bürgern vermitteln soll. Er erfüllt diese Aufgabe mit stoischer Gelassenheit. Ist er denn zufrieden mit der Zahl der Teilnehmer? "Wir haben im Winter nicht primär den Fokus auf breite Kommunikation gelegt", sagt er. In der jetzigen Phase der Beteiligung sei es zunächst sinnvoll, nur die "Hochinteressierten" zu befragen, Informationen und Vorschläge zu sammeln und vor allem auch bisherige Erfahrungen zusammenzutragen. "Häufig fängt man mit der Beteiligung schon an, bevor überhaupt die Informationen über die Erfahrungen, die es bereits gibt, für alle verfügbar sind", sagt er.

Es gibt in der alten Zollgarage Veranstaltungen zu den Themen Geschichte, Naturschutz, Sport oder eben auch allgemeine Veranstaltungen, die Verfahren und Vorgehensweise erklären. Und dann gibt es natürlich die Online-Plattform, auf der Ideen als Grundlage für den weiteren Prozess gesammelt werden sollen.

1200 registrierte Nutzer findet Heuser mehr als ausreichend. "Das Problem mit der Online-Beteiligung ist, dass sie oft auf möglichst hohe Nutzerzahlen ausgerichtet sind - aber dann hat man eigentlich kein Konzept, was man mit den vielen Nutzern macht." So sei es zum Beispiel wichtig, Themen zu bündeln. Was bringt es zum Beispiel, wenn Tausende Menschen Tausende Vorschläge einstellen - und davon sind 500: Wir brauchen mehr Sitzbänke. "Wir haben ja auch viel mehr Besucher auf der Seite als registrierte Nutzer." Besucher, die dann zum Beispiel sehen: Ah, das Thema Sitzbänke ist schon drin, da gibt es schon einen Konsens.

190 Vorschläge, viele zum Thema Sport

Zurzeit sind etwa 190 Vorschläge online, viele davon behandeln die Themen Freizeit und Sport. Sehr aktiv sind die Kite-Surfer, die sich auf dem Tempelhofer Feld treffen. Auch die Stadtteilgärten, die es auf dem Feld schon länger gibt oder jene, die an die historische Bedeutung des Feldes als ehemaliges Arbeitslager und Flughafen der Luftbrücke erinnern wollen. Aber die meiste Zustimmung hat ein anderer Vorschlag: ein Harald-Juhnke-Weg, "nicht gerade, sondern S-förmig - Harald hätte den Gag gemocht".

Sehr heftig sind die Diskussionen nicht, die dort stattfinden. Es gebe ja bereits eine Grundlage für die Gestaltung des Tempelhofer Feldes, über die in der Bevölkerung ein breiter Konsens herrsche, sagt Heuser: das im Mai per Volksentscheid durchgesetzte Gesetz "100 Prozent Tempelhof".

In diese Richtung argumentiert auch Daniel Reichert vom Verein "Liquid Democracy", der die Plattform für die Online-Beteiligung erstellt hat. "Auch im politischen Prozess ist es ja so, dass die Legislative entscheidet: Was wollen wir eigentlich? Und dann geht der Auftrag an die Verwaltung, also die Exekutive." Die Legislative, das sind in seinem Beispiel die vielen Berliner, die sich gegen eine Bebauung des Tempelhofer Feldes ausgesprochen haben, die Exekutive wären dann die "Hochinteressierten", die Heuser nun mit dem Online-Dialog und den Veranstaltungen in der alten Zollgarage ansprechen will.

Beteiligungsverfahren sind nicht repräsentativ

Dabei bleiben soll es nach der Vorstellung Heusers allerdings nicht. Im April will er mit Themenwerkstätten beginnen, die Online-Vorschläge mit denen von den Veranstaltungen verknüpfen und vor allem raus aufs Feld gehen. Denn, das beweisen alle Studien: In allen Formen der Beteiligung, egal ob online oder in Themenwerkstätten, gibt es bestimmte Gruppen, die besonders stark vertreten sind. Und Gruppen, die hinten runterfallen.

Migranten zum Beispiel, die mit der Sprachbarriere zu kämpfen haben, berufstätige Eltern mit kleinen Kindern, die einfach keine Zeit haben, ihre Abende in der alten Zollgarage zu verbringen oder vor dem Computer zu sitzen und lange Online-Diskussionen zu verfolgen. "Die müssen wir direkt auf dem Tempelhofer Feld ansprechen", sagt Heuser. Auch Kontakt zu Moscheen in der Nachbarschaft und zu Schulen will er aufnehmen.

Natürlich könne nicht jede Gruppe in jedes Thema mit derselben Intensität eingebunden werden - und das sei ja auch gar nicht gewünscht. "Nicht jeder interessiert sich für jedes Detail des Naturschutzes." Da sei es einfach wichtig, einen Überblick zu geben, damit die Leute wissen: Es kümmern sich andere, die sich damit auskennen.

Fehlt es in Berlin an Diskussionskultur?

In Berlin, das findet Heuser, fehle es in Sachen Beteiligung manchmal noch schlicht an der richtigen Diskussionskultur. Und damit meint er ausdrücklich nicht nur den Umgang der Politik mit den Bürgern sondern auch die Bürger selbst. In Friedrichshain-Kreuzberg zum Beispiel eskalieren regelmäßig Treffen zum Thema: Wie umgehen mit den Dealern im Görlitzer Park? Flüchtlingsaktivisten attackieren da jene Anwohner, denen ein bisschen weniger Drogenhandel vor der Tür lieb wäre. "Das geht natürlich nicht, dass andere Meinungen niedergebrüllt werden, anstatt dass man sich die Positionen der anderen einmal anhört", sagt er.

Niedergebrüllt wird auf dem Tempelhofer Feld niemand mehr - nach der aufgeheizten Stimmung, in der im vergangenen Jahr die Volksbefragung stattfand, ist das vielleicht schon der größte Erfolg.

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