Bündnis 90/Die Grünen Die stillen Stars der zweiten Reihe

Britta Haßelmann (m) und Michael Kellner (2.v.r.) im November auf dem Weg zu den Jamaika-Sondierungen.

(Foto: Michael Kappeler/dpa)

Bei den Grünen dreht sich alles um die nächste Führungsspitze. Dabei gibt es zwei Persönlichkeiten, die in den vergangenen Jahren noch wichtiger waren: Britta Haßelmann als Chefpsychologin und Michael Kellner als Dompteur.

Von Stefan Braun

Wann kommt Robert Habeck? Wird Annalena Baerbock gewählt? Was wird aus Cem Özdemir? Und wie geht es mit Simone Peter weiter? Seit Wochen dreht sich bei den Grünen alles um die Frage, wer die Partei in die Zukunft führen wird. Das ist ohne Zweifel in Ordnung, weil wichtig.

Aber es ist - mit Blick auf Vergangenes und Kommendes - nicht die ganze Geschichte. Denn im Schatten einer in den vergangenen Jahren immer wieder sehr umstrittenen Führung , dem Quartett aus Partei- und Fraktionschefs, haben sich zwei Grüne unermüdlich für einen inneren Frieden engagiert, ohne den der Laden auseinander geflogen wäre.

Gemeint sind Britta Haßelmann und Michael Kellner. Sie ist seit mehr als vier Jahren parlamentarische Geschäftsführerin der Fraktion; er ist Bundesgeschäftsführer und so etwas wie der Amtschef der Parteizentrale. Sie wurde gerade mit gut 85 Prozent wieder gewählt; er darf in Hannover auf ein ähnliches Ergebnis hoffen.

Was solche Zahlen bei den Grünen bedeuten, zeigt ein Vergleich zu den Ergebnissen der alten und neuen Fraktionschefs. Katrin Göring-Eckardt und Anton Hofreiter haben bei ihrer Wiederwahl gerade mal gut sechzig Prozent erhalten.

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Dass Haßelmann mehr Zustimmung bekommen hat, und die Zahl auch bei Kellner höher liegen dürfte, hat einen guten Grund. Wie keine anderen Grünen haben die beiden in der vergangenen Legislaturperiode ausgleichend gewirkt, in Konflikten vermittelt und sind bei persönlichen Großbaustellen auch manchem zur Seite gesprungen, der schwer angeschlagen war.

Ausgleichend wirkten sie immer dann, wenn es zwischen Fraktionschefs und Parteiführung knirschte, weil sich das Quartett nicht auf eine Linie verständigen wollte. In Konflikten vermittelten sie, wenn - was oft vorkam - die beiden Parteivorsitzenden nicht mehr miteinander sprechen oder gar zusammen auftreten wollten.

"Auffangbecken für alle Psychosen"

Menschlich zur Seite standen sie (in diesem Fall vor allem Haßelmann) beispielsweise einem Volker Beck, der mit harten Drogen erwischt worden war - und darüber beinahe zerbrochen wäre. Kein Wunder, dass Haßelmann für ein Talent mittlerweile besonders berühmt ist: Sie gilt als "Auffangbecken für alle Psychosen", wie es ein erfahrener Grünen-Politiker ausdrückt.

Was despektierlich klingen könnte, ist als Lob gemeint. Denn so schön das Amt als Mitglied des Bundestags sei kann - mancher und manche kämpfen heftig damit, dass sie oft in der Öffentlichkeit und fast immer in direkter Konkurrenz stehen.

Noch wichtiger ist beim Blick auf Haßelmann und Kellner allerdings, dass sie nicht dazu neigen, in schweren Zeiten den Kopf einzuziehen und auf die Chefs zu verweisen. Das kann man bei Haßelmann beobachten, die sich zuletzt ins Gefecht mit der AfD stürzte; man kann es aber auch bei Kellner studieren, der selbst in den dunklen Momenten des letzten Bundestagswahlkampfs (und davon gab es einige) kein böses Wort über schlechte Auftritte verlor, sondern sich immer wieder aufrappelte und sich der nächsten Herausforderung stellte.

Was schon in normalen Zeiten eine besondere Qualität ist, wurde noch besonders herausgefordert, nachdem Simone Peter und Cem Özdemir, die beiden bisherigen Parteivorsitzenden, für sich beschlossen hatten, kein Wort mehr miteinander zu sprechen. Kellner, der Dompteur - das war das Bild, das viele in diesen Momenten mit nach Hause nahmen.

Nun sind Politiker wie Haßelmann und Kellner ohnehin eher selten. Noch außergewöhnlicher aber wird das Ganze, wenn man weiß, dass beide bis heute unterschiedlichen Flügel der Partei angehören. So pragmatisch sie ihre Arbeit machen, so deutlich zeigt sich in Debatten ihre unterschiedliche Herkunft.

Haßelmann, die in diesem Jahr 57 wird, ist diplomierte Sozialarbeiterin und arbeitete fünfzehn Jahre in einem Bielefelder Selbsthilfeverein. Sie hat Menschen betreut, die vom Absturz bedroht sind - pragmatisch, leidenschaftlich, auch psychologisch. Sie stammt im besten Sinne von der Basis und wirkt bis heute politisch ziemlich geerdet. Ihre Heimat sind von jeher die Realos gewesen.

Zu den Grünen kam sie 1989, im Jahr 2000 wurde sie Landeschefin in Nordrhein-Westfalen und konnte hautnah studieren, wie es sich gemeinsam mit einem Wolfgang Clement und später einem Peer Steinbrück regierte. Übrig geblieben ist davon bis heute die harte Erkenntnis, dass auch vermeintlich näher stehende Parteien verdammt unangenehm sein können.

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Im Bundestag sitzt sie seit 2005, erste parlamentarische Geschäftsführerin ist sie seit 2013. Ihre große Leidenschaft war bislang, die Rolle des Parlaments gegenüber der Regierung zu stärken, und das auch durch eine Aufwertung der Debatten und Fragestunden. Mit dem Einzug der AfD aber hat sich ihr Fokus verschoben. Nun will sie das Parlament auch im Bündnis mit anderen Parteien gegen alle Anwürfe und Diffamierungen durch die Rechtspopulisten verteidigen.

"Freundlicher Riese" mit Erfahrung auf dünnem Eis

Für Michael Kellner, 40, dürfte das derzeit auch eine große Motivation sein. Gleichwohl ist er aus einer ganz anderen Ecke zu den Grünen gekommen - und gehört immer schon dem linken Flügel an. Politisiert wurde er als Schüler durch einen den Bürgerrechtlern eng verbundenen Pfarrer in Gera. Als Student gründete er in Potsdam die Grüne Hochschulgruppe und lernte bei einem Auftritt früh Jürgen Trittin kennen. Der inspirierte ihn offenbar so sehr, dass er sich schon ein Jahr nach seinem Parteieintritt 1997 in den Bundestagswahlkampf gegen Helmut Kohl stürzte - und ziemlich aus der Nähe erleben konnte, wie sich ein Wahlsieg so anfühlt.

Dass Niederlagen auch zum Geschäft gehören, konnte er ebenfalls früh studieren. Schon 1999 und dann noch einmal 2004 war er mit dabei, als die brandenburgischen Grünen bei den Landtagswahlen vergeblich gegen die Fünf-Prozent-Hürde ankämpften. Mit gerade mal 600 Mitgliedern in einem Flächenland wie Brandenburg um Wähler ringen - auch das hat den "freundlichen Riesen", wie ihn manche nennen, früh geprägt.

Vielleicht haben ihn deshalb im Frühsommer 2017 halt auch besondere Sorgen geplagt, als die Grünen im Wahlkampf gegen einen gefährlich schlechten Trend kämpfen mussten. "Damals habe ich gemerkt, wie dünn das Eis ist, auf dem wir uns bewegen", hat Kellner jüngst mal gesagt - und dabei kein bisschen gelächelt. Es ist ein Erlebnis, das er nicht mehr vergessen wird, auch wenn der damalige Parteitag, für den er als Geschäftsführer besondere Verantwortung trug, kein Reinfall, sondern als ein Ort der Selbstvergewisserung für den Wahlkampfendspurt enorm wichtig wurde.

Nach all dem ist es wenig verwunderlich, dass Haßelmann und Kellner in den letzten Wochen auch für die erste Reihe im Gespräch waren. Haßelmann in der Fraktion und Kellner für die Parteispitze. Dass sie es beide nicht knallhart versucht haben, hat mit einer besonderen Qualität zu tun: Der auch selbstkritischen Einschätzung der eigenen Stärken und Schwächen. Beide sind rhetorisch gut, aber keine Helden. Und beide können offenbar akzeptieren, dass andere womöglich ganz vorne noch mehr bewirken können.

Hinzu kommt freilich noch etwas: Haßelmann wie Kellner mangelt es an dem sonst so weit verbreiteten "Ich-muss-immer-weiter-nach-oben"-Drang. Um wirklich ganz nach oben zu kommen, ist dieses Ehrgeiz-Gen eigentlich unverzichtbar. Diese Art der Zurückhaltung spricht allerdings dafür, dass die beiden dort, wo sie sind, genau richtig sind. Ohne solche Mitstreiter nämlich sind Chefs, Vorsitzende und Präsidenten sehr schnell auf verlorenem Posten.