Kennen Sie Maj Sjöwall und Per Wahlöö? Das war ein schwedisches Autorenpaar, das zwischen 1965 und 1975 gemeinsam zehn Kriminalromane schrieb, mit Martin Beck als Ermittler. Sjöwall/Wahlöö gelten als Vorbilder von Henning Mankell, Håkan Nesser, Liza Marklund, Stieg Larsson und wie sie alle heißen. Ich liebe Sjöwall/Wahlöö, weil sie witzig waren und Staatsanwälte schon mal „Bulldozer Olsson“ tauften; und weil das Ganze eben vor 50 bis 60 Jahren spielte – man wird in ihren Büchern nicht von Handys, KI und Make-America-Great-Again belästigt. Wenn Martin Beck Amtshilfe aus den USA benötigte, schickte er ein Telegramm (für jüngere Leser: Das ist keine Messenger-App).
Ich erzähle das, weil gerade Urlaubszeit ist, und Urlaubszeit ist Lesezeit. Am Ufer des Neusiedler Sees las ich – vermutlich zum achten Mal – den Sjöwall/Wahlöö-Krimi „Das Ekel aus Säffle“, bis mir ein Freund eine SMS schickte: Ich solle doch nicht „immer bloß Schweden-Krimis und skurrile Bücher aus Wien“ (damit meinte er Patrick Holzapfels „Hermelin auf Bänken“) lesen, sondern auch mal Philosophisches. Er empfehle Montaigne. Das klang besserwisserischer, als es war. Der Freund wollte mir Gutes tun, und deshalb kaufte ich in einem Antiquariat in Graz, wohin wir in diesen Ferien weiterzogen, das kleine, dicke Buch „Michel de Montaigne. Essais.“ Ich las rein und verstand einigermaßen, was der Philosoph uns sagen will, aber das würde hier zu weit führen.
Womit wir bei Herbert Kickl wären. Kickl hat ja Philosophie studiert, das heißt: Er hat angefangen, Philosophie zu studieren, das Studium allerdings abgebrochen. Dass er das Anspruchsvolle nicht scheut, das muss der FPÖ-Chef aber schon manchmal demonstrieren, zum Beispiel in der Bibliothek des Parlaments in Wien. Diese habe ich während der Österreich-Tour auch besucht, und dort stehen sehr exponiert Bücher, die von führenden Politikern empfohlen werden. Jeder und jede durfte fünf nennen. Kickl wählte „Die Elenden“ von Victor Hugo, Hegels „Wissenschaft der Logik I“, Rousseaus „Bekenntnisse“, Kants „Kritik der reinen Vernunft“ und Schillers „Die Verschwörung des Fiesco zu Genua“. Wenn er das alles gelesen hat, warum dichtet er dann selbst bloß niederschwellige (und niederträchtige) Slogans wie „Daham statt Islam“ oder „Mehr Mut für unser Wiener Blut – zu viel Fremdes tut niemandem gut“?
Die Dritte Nationalratspräsidentin Doris Bures (SPÖ) empfahl in der Bibliothek auch Belletristik, unter anderem „Unterleuten“ von Juli Zeh. Den Vogel schoss der Klubobmann der ÖVP ab, August Wöginger. Neben der „unterschätzten Republik“, ein Buch, das ein Journalist geschrieben hat, wählte er vier Werke von anderen ÖVP-Politikern, von Wolfgang Schüssel, Andreas Khol, Alois Mock und Josef Pühringer. Man fragte sich, ob er keine anderen Bücher liest, ob er sich bei seiner Partei lieb Kind machen will oder ob er sich auf seinen Job besonders gut vorbereiten wollte. Vielleicht hat er seinen Mock oder seinen Schüssel ja achtmal gelesen.
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