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Buchautoren Merz und Clement:Deutschland, ein Fall für zwei

Von ihren Parteien geschmäht machen Wolfgang Clement und Friedrich Merz jetzt gemeinsame Sache: Ihr Buch soll Deutschland retten.

Um endlich die ungeschminkte Wahrheit über Deutschland und Europa zu erfahren, geht es erst mal in den Keller. Im Untergeschoss einer Berliner Buchhandlung füllen sich nach und nach die Sitzplätze. Erwartet werden zwei Männer, denen die Gäste offenbar zutrauen, das Land zu retten - wenn sie nur die Macht dazu hätten. Es sind der ehemalige CDU-Fraktionschef Friedrich Merz und der einstige Superminister und NRW-Ministerpräsident Wolfgang Clement.

Friedrich Merz, Wolfgang Clement, Reuters

Friedrich Merz (links) und Wolfgang Clement sind aus dem Amt - und haben erkannt, was Deutschland fehlt.

(Foto: Foto: Reuters)

Beide hatten in den vergangenen Jahren einige Probleme, sich mir ihren Wahrheiten in ihren jeweiligen Parteien durchzusetzen. Merz verließ, 2002 von Merkel als Fraktionschef entmachtet, im vergangenen Jahr die aktive politische Bühne und schied freiwillig aus dem Bundestag aus. Clement trat im Herbst 2008 aus der SPD aus, nachdem er von der Partei gerügt worden war. Er hatte im Hessen-Wahlkampf 2008 empfohlen, nicht die SPD zu wählen.

Die beiden haben zusammen ein Buch geschrieben: Was jetzt zu tun ist - Deutschland 2.0. Es gehört in die lange Reihe von Ex-Politiker-Büchern, die - kaum aus dem Amt - endlich erkannt zu haben glauben, was dem Land so alles fehlt.

Alte Forderungen vor dankbarem Publikum

Ein warmer Applaus empfängt die beiden, als sie die enge Bühne betreten. Hier sind Menschen gekommen, die später ihre Fragen an die Autoren einleiten werden mit: "Ich habe Sie immer sehr geschätzt und schätze Sie immer noch", oder: "Ich muss sagen, ich verehre Sie beide." Es gibt undankbareres Publikum.

199 Seiten Buchseiten haben Clement und Merz aus Sorge über die Republik vollgeschrieben: Deutschland - und noch mehr Europa - fehlt die Führung, das ist das Kernproblem. Daraus ergibt sich auch schon die Lösung für fast alle Probleme: Deutschland - und noch mehr Europa - braucht Führung.

Es gibt natürlich noch ein paar andere Hinweise in dem Buch, etwa die alte Forderung, die Zahl der Bundesländer zu verkleinern, 8 statt 16 sollen es künftig sein. Oder ein modernes Zuwanderungsrecht für Deutschland zu entwickeln, was immer das heißen mag.

Dennoch, der Verleger ist sich sicher, dieses Buch sei derart bedeutungsvoll, dass es "ins Leben eingreifen wird". Das ist dann selbst der Wirtschaftsjournalistin Ursula Weidenfeld zu viel. Sie ist Herausgeberin des Buches und moderiert die kleine Runde. "Da habe Sie die Latte ja sehr hoch gelegt", sagt sie. Womit sie wohl recht hat.

Die Suche nach den eigenen Fehlern ist mühsam

Große Erkenntnisgewinne sind von dem Buch nicht zu erwarten. Das lassen schon die Einlassungen der Protagonisten erahnen. Merz etwa analysiert messerscharf die derzeitige Lage in Bezug auf die griechische Finanzkrise. Jetzt, mit sechs Wochen Abstand zur Fertigstellung des Buches, sehe er sich bestätigt, dass "wir es mit einer krisenhaften Zuspitzung zu tun haben". Ach was!, möchte man da ausrufen.

Merz gesteht immerhin, dass er mit dem heutigen Wissen nicht noch einmal der Aufnahme Griechenlands in die Europäische Währungsunion zustimmen würde. Weidenfeld hakt nach, dass doch schon damals bekannt war, dass Griechenland seine Finanzdaten frisiere.

Merz mag so was nicht: "Ich habe ja gesagt, dass es ein Fehler war", erwidert er schmallippig. Und guckt dabei die Moderatorin an, als frage er sich, auf welcher Seite die eigentlich stehe. Allerdings: Jetzt Griechenland nicht zu helfen, gehe auch nicht. Darüber zu streiten sei eine "akademische Debatte", sagt Merz.

Auf die Frage welche Fehler denn Clement in seiner politische Laufbahn gemacht habe, reagiert der Ex-Minister launisch: "Ich suche verzweifelt nach meinen Fehlern", scherzt er. "Es ist mühsam." Na, vielleicht so viel: Er habe zu spät erkannt, dass Deutschland nicht mehr die Bildungsnation Nummer eins sei. Alleine war er mit dieser Erkenntnis auch nicht.

Ansonsten vertreten beide, was sie immer vertreten haben. Die Hartz-Reformen waren richtig, gar "in toto ein Erfolg", sagt Clement. Merz bedauert, dass die CDU ihre als neoliberal verschrienen Leipziger Beschlüsse nicht umgesetzt habe.

"Ich leide auch ein Stück an meiner Partei", sagt Merz. Wäre er noch aktiv, würde er deutlicher als bisher versuchen, die Partei vor dem Glauben zu bewahren, "die SPD links überholen zu können, ohne dafür abgestraft zu werden".

Beide treten nicht zum ersten Mal gemeinsam auf. Und die Tatsache, dass sie ein gemeinsames Buch geschrieben haben, ohne sich darüber heillos zu zerstreiten, lässt die Frage aufkommen, warum sie nicht einfach eine eigene Partei gründen, eine Clement/Merz-Partei vielleicht. Ihr Buch wäre dann das Wahlprogramm.

Clement erklärt, dafür sei er zu alt. Merz will davon nichts wissen. Er glaube nach wie vor an die integrierende Kraft der Volksparteien. Wird er stattdessen irgendwann wieder mitmischen, wenn Merkel und Co. die Macht eines Tages abgeben müssen? Zu alt wäre er dann sicher nicht.

Im Moment sei das kein Thema, sagt Merz, aber er "schließe nicht aus, dass ich meine Entscheidung eines Tages korrigiere". Ein Friedrich Merz in Wartestellung also. Seine innerparteilichen Gegner können das offenbar gerne als Drohung auffassen.