Buch über Washingtons Politzirkus:„Hier sitzt das Geld, also bleiben die Leute hier“

Mehrmals weist Leibovich darauf hin, dass sich sieben der zehn wohlhabendsten Bezirke der USA rund um Washington befinden. Denn obwohl es zur üblichen Strategie gehört, als aktiver Politiker über den "Sumpf" in Washington zu schimpfen, den man selbst "trockenlegen" werde, flüchten die Polit-Ruheständler in der Stadt am Potomac. "Hier sitzt das Geld, also bleiben die Leute hier", diktiert der republikanische Ex-Senator Trent Lott dem Reporter in den Block.

Diese Zitate und Beschreibungen machen auch dem deutschen Leser verständlich, wieso gewisse Reformen wie strengere Kontrollen der Banken oder mehr Auflagen für Energieunternehmen in Washington einfach nicht vorankommen. Ausführlich porträtiert das Buch Kurt Bardella, den überehrgeizige Presseprecher eines republikanischen Abgeordneten. Dass er als staffer für einen konservativen Politiker nahezu rund um die Uhr arbeitet, hat nichts mit seiner politischen Überzeugung zu tun - er habe eben kein Jobangebot von einem Demokraten bekommen. Bardellas Selbstbeschreibung: "Ich bin vor allem Opportunist."

Noch etwas macht Bardella zu einem typischen DC-Bewohner: Er blickt ständig auf sein Smartphone und wartet sehnsüchtig auf den Newsletter "Playbook", den Mike Allen von Politico jeden Morgen verschickt - 365 Tage im Jahr. "Mikey" (ein Porträt lesen Sie in diesem Blog-Beitrag) stellt die wichtigsten Artikel des Tages zusammen, gibt Gerüchte weiter und vermeldet die Geburtstage von mehr oder weniger wichtigen Leuten. "Playbook" sei das Washingtoner Gegenstück zu Facebook, sagt Politico-Chef Jim VandeHei: Bei beiden ist derjenige am erfolgreichsten, der die meisten Leute kenne. Kompetenz und Integrität sind da eher nebensächlich.

Wie gut Mark Leibovich den elitären Washingtoner politisch-medialen Komplex kennt, zeigt ein Hinweis auf der Buchrückseite: "Es gibt kein Personenregister. Die Akteure, die wissen wollen, wie sie dargestellt werden, müssen es also lesen." Denn normalerweise hat in DC niemand Zeit, ein ganzes Buch zu lesen - stattdessen wird im Register geblättert und einzig die Passage gelesen, in der man vorkommt.

Es dauerte nur wenige Tage, bis die Washington Post im Internet ein "unautorisiertes Personenverzeichnis" veröffentlichte, um die Neugier und Klatschsucht der Polit-Nerds zu befriedigen. Dem Verkaufserfolg von "This Town" hat dies womöglich noch geholfen: In der aktuellen Bestseller-Liste rangiert es auf Platz 2 der Sachbücher.

Der Autor twittert unter @matikolb.

Linktipps: Mark Leibovichs Porträt des überehrgeizigen Politfunktionärs Kurt Bardella ist unter dem sprechenden Titel "Wie man in Washington gewinnt" nachzulesen. Eine sehr lesenswerte Reportage des NYT-Korrespondenten über den Washingtoner Politbetrieb und das Wahlkampfspektakel 2012 erschien im vergangenen Sommer.

© Süddeutsche.de/joku/bavo
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