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Buch über Verena Becker:Blaupause für den Fall Becker

Im Fall Schmücker sieht Kraushaar die Blaupause für den Fall Becker. Die damals blutjunge Berliner Telefonistin, die von den Anarchos der "Schwarzen Hilfe" zur "Bewegung 2. Juni" gewechselt war und wegen eines Bombenanschlags in Haft saß, soll wie alle anderen Inhaftierten im Gefängnis Besuch vom Berliner Verfassungsschutz bekommen haben, der linke Militante anwerben wollte.

Wenn damals also ein gewiefter Verfassungsschützer eine verwirrte, junge Fanatikerin traf, da war doch alles möglich, oder? Michael ("Bommi") Baumann, der einst in einem langen schwarzen Ledermantel und mit Knarre für die Bewegung unterwegs war, lässt sich von Kraushaar zitieren: Er vermute, Becker sei bereits in ihrer ersten Haftzeit im Sommer 1972 vom Staatsschutz angeworben worden. Beweise werden dafür nicht geliefert. Das ist die Folie für alle folgenden Verschwörungstheorien.

Mit der Frage, ob die ehemalige Terroristin Becker, die 1977 nach einer Schießerei in Singen festgenommen wurde, davor heimlich mit der Staatsmacht kooperiert hat, haben sich in den vergangenen Jahren auch diverse Behörden beschäftigt. Im August 2007 teilte die Berliner Senatsverwaltung für Inneres - Abteilung Verfassungsschutz - der Bundesanwaltschaft mit, in ihren Unterlagen gäbe es keinen Hinweis auf eine solche Zusammenarbeit. Ende 2008 erklärte das Kölner Bundesamt für Verfassungsschutz, in der Zeit von 1972 bis 1980 habe es eine solche Zusammenarbeit nicht gegeben. Von 1981 an hat dann, das ist amtlich, Becker mit der Staatsmacht kooperiert. Im Jahr 1983 wurde sie aus der RAF ausgeschlossen.

In Stasi-Unterlagen fand sich ein Hinweis, der von Kraushaar auch zitiert wird. Becker werde seit 1972 von westdeutschen Behörden "bearbeitet bzw. unter Kontrolle gehalten" - also doch? Die Birthler-Behörde hat die Unterlagen gesichtet und dann Karlsruhe mitgeteilt, diese beiden Begriffe meinten im Sprachgebrauch des Ministeriums für Staatssicherheit keineswegs eine Zusammenarbeit mit Behörden. Kraushaar findet die Feststellung unglaubwürdig. Warum? Die Bundesanwälte haben auch den für die Eintragung zuständigen ehemaligen Stasi-Mitarbeiter vernommen. Der erklärte, die Stasi habe keine Kenntnis von einer solchen Zusammenarbeit gehabt.

Wer empfänglich für Theorien über große Verschwörungen und die perfekte Konspiration ist, wird in den Dementis der Behörden den Beleg für den Verdacht finden. Gegen solche Paranoia ist kein Kraut gewachsen. Als weiteres Indiz für die unheimliche Liaison gilt Kraushaar ein Satz aus einer Haftverfügung Beckers: "Den Beamten des Bundeskriminalamts - Abteilung TE - ist es gestattet, die Beschuldigte jederzeit zu sprechen und zwecks Ermittlungshandlungen auszuführen."

Das klingt, als hätten die Terror-Ermittler zu ihr einen besonderen Zugang gehabt. Akten aus anderen Verfahren zeigen, dass es sich um eine seit Jahrzehnten vom Ermittlungsrichter des Bundesgerichtshofs verwendete Formel handelt, die auch heute noch gilt. In einer Haftverfügung des BGH aus dem September 2008 heißt es fast gleichlautend: "Die mit den Ermittlungen beauftragten Beamten des Bundeskriminalamts sind berechtigt, den Beschuldigten jederzeit zu sprechen und zwecks Ermittlungshandlungen auszuführen."

Höchst verdächtig ist nach Meinung des Politikwissenschaftlers, dass Behörden falsche Angaben über die Haftstationen der Becker gemacht hätten. Statt, wie angegeben, in der Frauenhaftanstalt Frankfurt-Preungesheim sei Becker in Stammheim inhaftiert gewesen und habe dort Kontakt zur früheren RAF-Terroristin Gudrun Ensslin gehabt. Sollte sie "die zweite Führungsfrau aus der RAF-Spitze aushorchen?"

Die Antwort erscheint simpel: Die Behörden befürchteten damals bei Verena Becker Suizidgefahr. Deshalb wurde sie mit anderen Gesinnungsgenossinnen zusammengelegt. Der Autor tanzt mit den Verdächtigungen einen heißen Tango, und wer ihm dabei folgen will, muss zwangsläufig ins Straucheln geraten. Für diese Art von Logik gibt es niemals den richtigen Gegenbeweis, weil die amtliche Mitteilung nur eine neue, noch raffiniertere Form der Desinformation ist. So irrlichtert der Verdacht weiter durch das Buch.

© SZ vom 14.10.2010/segi
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