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Buch über Rassismus:Wie Bücher, Filme und TV-Serien rassistische Vorstellungen verbreiten

Ibram X. Kendi: Gebrandmarkt. Die wahre Geschichte des Rassismus in Amerika. Aus dem Amerikanischen von Susanne Röckel und Heike Schlatterer. Verlag C.H. Beck München 2017, 604 Seiten, 34 Euro. E-Book: 28,99 Euro.

Eine Stärke des Buches liegt darin, dass Kendi den jeweils populärsten Büchern, Filmen und TV-Serien viel Raum widmet und darlegt, wie diese rassistische Vorstellungen ins öffentliche Gedächtnis einbrannten. So sorgte "Onkel Toms Hütte" 1852 für viel Empathie für das Leid der Sklaven, doch im Roman waren sie intellektuell unterlegen und auf "weiße Retter" angewiesen. In den Achtzigerjahren sollte die TV-Serie "Die Bill Cosby Show" die schwarze Familie rehabilitieren. Ihr Erfolg, gerade unter Weißen und der schwarzen Mittelschicht, erklärt sich auch damit, dass die Familie Huxtable den Eindruck erweckte, dass Rassismus durch Strebsamkeit überwunden werden könne. Dieses Konzept der "Verbesserung durch Selbstverbesserung" hält sich seit Jahrhunderten, doch alle schwarzen Vorbilder lösen kein Umdenken der weißen Mehrheit aus.

Ibram X. Kendi: Gebrandmarkt. Die wahre Geschichte des Rassismus in Amerika. Aus dem Amerikanischen von Susanne Röckel und Heike Schlatterer. Verlag C.H. Beck München 2017, 604 Seiten, 34 Euro. E-Book: 28,99 Euro.

Die Sichtweise, wonach Minderheiten sich nur mehr anstrengen müssten, ist allemal bequemer, als sich der verstörenden Realität zu stellen, die die Aktivistin Angela Davis seit einem halben Jahrhundert anprangert. Präsident Nixon verbarg seinen Rassismus hinter der Parole "Recht und Gesetz" und setzte härtere Strafen für Schwarze durch. Ronald Reagans "Krieg gegen die Drogen" sorgte dafür, die Gefängnisse mit schwarzen Männern zu füllen, und am Kurs, den Besitz der "schwarzen" Droge Crack härter zu bestrafen als den Konsum des "weißen" Kokains, hielt auch der Demokrat Bill Clinton fest.

Nicht erst Trump hat bewiesen, dass die Wahl von Barack Obama keineswegs zur "postrassistischen Gesellschaft" führte. Das Ausnahmetalent des ersten schwarzen US-Präsidenten sorgte nicht zu einem Umdenken in der Mehrheitsgesellschaft - und Obama selbst festigte mit Appellen an schwarze Väter, sich besser um ihre Kinder zu kümmern, tief verankerte Vorurteile, die statistisch nicht belegbar sind. Obama ist eines von vielen Beispielen, an dem Kendi unerbittlich zeigt, dass fast alle Antirassisten ebenso unbewusst "rassistische Ideen" vertreten, wie Afroamerikaner es tun. "Viele Amerikaner wissen gar nicht, dass sie Rassisten sind und falsche Vorstellungen haben", sagte Kendi kürzlich der US-Website The Undefeated. Sich selbst nimmt er dabei schon im Vorwort des Buches nicht aus - und jeder Leser wird sich ertappt fühlen.

Leseprobe

Einen Auszug aus dem Buch stellt der Verlag auf seiner Internetseite zur Verfügung.

Im Schlusswort schreibt der Wissenschaftler, der derzeit in Washington, D. C., lehrt und an der American University ein "Zentrum für antirassistische Forschung" aufbaut, dass Fakten nur wenige Menschen umstimmen werden: Jeder kann wissen, dass die Finanzkraft eines weißen US-Haushalts dreizehnmal größer ist als jene eines schwarzen Haushalts und Afroamerikaner fünfmal häufiger im Gefängnis landen als weiße Männer. Die dahinterstehenden Strukturen, so folgert Ibram Kendi, werden sich erst ändern, wenn die Abschaffung von Diskriminierungen den Politikern Vorteile bringt. So war Abraham Lincoln während des Bürgerkriegs bereit, die Sklaverei abzuschaffen, weil er so die Union retten konnte.

An die Antirassisten in aller Welt hat Kendi eine Botschaft: Engagiert euch lokal, Verbesserungen sind möglich. Und die Schwarzen fordert er auf, nicht nur zu protestieren, sondern eines zu verinnerlichen: "Das Einzige, was an Schwarzen nicht stimmt, ist der Gedanke, dass etwas mit ihnen nicht stimmt."

Ibram X. Kendi: Gebrandmarkt. Die wahre Geschichte des Rassismus in Amerika. Aus dem Amerikanischen von Susanne Röckel und Heike Schlatterer. Verlag C.H. Beck München 2017, 604 Seiten, 34 Euro. E-Book: 28,99 Euro.

© SZ vom 23.10.2017

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