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Buch über Merkel:Ansichten einer Wutbürgerin

Vom Diamanten zur Murmel: In ihrem neuen Buch will Cora Stephan die Fehler der "dreiwettertaft-coiffierten" Angela Merkel offenbaren - entlarvt sich am Ende aber nur selbst.

Lena Jakat, Berlin

Die roten Locken sitzen perfekt, als Cora Stephan auf dem Podium Platz nimmt, fast möchte man sagen "dreiwettertaft-coiffiert". Das ist genau das äußerliche Attribut, an dem die Publizistin den politischen Wandel Angela Merkels festmacht - vom "funkensprühenden Rohdiamanten" zur "stumpfen Murmel". Auf mehr als 200 Seiten hat Stephan, einst bekennende Merkel-Wählerin, in Angela Merkel - Ein Irrtum ihrer wütenden Enttäuschung über die Regierungszeit der Kanzlerin Luft gemacht.

Buchvorstellung 'Angela Merkel. Ein Irrtum'

Groß ist der Andrang, als Cora Stephan ihr Buch Angela Merkel - Ein Irrtum vorstellt. Zuletzt war Stephan vor allem als Anne Chaplet mit Kriminalromanen erfolgreich.

(Foto: dpa)

Als Laudator ist Gabor Steingart, Chefredakteur des Handelsblatts, gekommen. Er spricht der Bundeskanzlerin seinen Dank dafür aus, Cora Stephan derart enttäuscht zu haben, dass diese endlich wieder zur "Sachbuchfeder" griff.

Dieses Buch mag vieles sein, sachlich jedoch ist es sicherlich nicht. Es ist vor allem die persönliche Frustration der Autorin, die sie über den Leser auskippt. Sie tut es in einer wütenden Polemik, die mehr ermüdet als amüsiert.

Der Satz "Angie ist Tina geworden" - Tina steht dabei für "there is no alternative" - einmal schmunzeln lassen; als Leitmotiv und Dauer-Schenkelklopfer taugt das Akronym allerdings nicht.

Stephans Grundvorwurf lautet also: Merkel, die früher einer typischen DDR-Bürgerrechtlerin glich, bei der man "fürchten musste, dass sie gleich die Klampfe hervorholen und zu singen beginnen würde", hat sich korrumpieren lassen vom politischen System, ist von der mutigen Reformerin zur blassen Opportunistin geworden.

Das, so Stephans Vorwurf, gelte vor allem beim Thema Sozialstaat: "Und ganz Deutschland liegt wieder unter der warmen Decke des beschützenden Staates. Heim zu Mutti", schreibt Stephan. Dieser "Gefühlssprech", dem sich nun auch die Kanzlerin unterworfen habe, sei ein "probates Mittel", um "das Wahlvolk in eine einsichtige Herde demütig blökender Schafe zu verwandeln".

Es ist ein Buch, "das aus Empfindungen spricht", wie Laudator Steingart ganz richtig sagt. Und so könnte man die Widersprüchlichkeit von Stephans Argumentation ja vielleicht irgendwie noch hinnehmen: Dass sie einerseits Kollegen verteufelt, die das Aussehen der frühen Merkel kritisierten, sich aber zugleich selbst derart an ihrem aktuellen Äußeren abarbeitet. Dass sie den (linken) "Meinungsmainstream" verteufelt, gleichzeitig aber den Stuttgart-21-Gegnern revolutionäres Potential zuspricht. Dass sie der Bundeskanzlerin vorwirft, den Sozialstaat aus wahltaktischen Gründen zu umarmen, und zugleich für ihre Einkommensgruppe Steuersenkungen fordert.

"Wir reden in diesem Buch genauso wie Thilo Sarrazin über die tatsächlichen Verhältnisse", sagt die Autorin bei der Vorstellung ihres Buches. "Wir müssen ab und an mit Statistiken und Zahlen operieren." Es mag der wütenden Verve des Schreibens geschuldet sein, dass solche Belege in Stephans Buch völlig fehlen. Etwa, wenn die Autorin an der Seite Sarrazins die "Wirklichkeit" der "Einwanderung in soziale Systeme" anprangert oder wenn sie sich über das durchaus umstrittene Vorpreschen der Kanzlerin in Sachen Klimapolitik auslässt und behauptet: "Mittlerweile nehmen die begründeten Zweifel an der menschengemachten 'Klimakatastrophe' zu."

Wer die Unschlüssigkeit der Argumentation und die mindestens mutigen Behauptungen hinnimmt, kann vielleicht auch noch darüber hinwegsehen, dass die Autorin bisweilen völlig unnötig fast am rechten Rand hinunterrutscht: Wenn sie etwa Wärmedämmung als "Burka für das Haus" bezeichnet, die man den Gebäuden "auf Kosten ihrer Schönheit" antue. Wenn sie den "Zauber, den Tradition, Rituale, Selbstfeier vermitteln können" heraufbeschwört und Mut zu "vaterländischen Vokabeln" fordert. Wen es bei solchen Formulierungen schaudert, ist zweifellos Teil des von Stephan verteufelten, elitären "Meinungsmainstreams".

So bleibt zuletzt der Ton. Laudator Steingart, ganz seiner Aufgabe entsprechend, lobt: Anders als Sarrazin, dessen gesprochener Tonfall bisweilen schwierig sei, gehe Stephan mit "problematischen Gruppen" - damit meint er beispielsweise Hartz-IV-Empfänger und Muslime - "respektvoll" um, ebenso mit der Kanzlerin. Nun hat es selten ein Buch gegeben, das sich abseits wörtlicher Zitate so freimütig der Anführungszeichen bediente: In Cora Stephans Wutbuch gibt es keine Menschen mit Migrationshintergrund sondern nur "mit Migrationshintergrund", keine Bedürftigen, sondern nur "Bedürftige".

Spiegel-Hauptstadtchef Dirk Kurbjuweits Äußerungen zu den Wutbürgern nennt Stephan "eine ziemlich abgestandene Analyse", einen "irgendwie gestrig wirkenden Wutschrei eines auch nicht mehr ganz jungen Berliner Redakteurs". Ebenso respektvoll begegnet Stephan der Kanzlerin und ihrer "There-is-no-alternative"-Rhetorik - wenn sie ihr auf dem Gipfel der Frustration attestiert: "Das, mit Verlaub, ist totalitär." Und setzt noch eins drauf: "Lauert unter dem apricotfarbenen Kostüm die fahle Leiche der DDR?" Es gibt vieles, was man an Angela Merkels Kanzlerschaft kritisieren kann - wie das zuletzt auch ein gewisser Dirk Kurbjuweit in seinem Buch getan hat. Aber, auch bei allem Verständnis für den Hang zur politischen Unkorrektheit: Totalitär?

Immer wieder in ihrem Buch, und auch auf der Vorstellung im Haus der Bundespressekonferenz kritisiert Stephan den "gewalttätigen Meinungsmainstream", der Meinungen wie die von Thilo Sarrazin und auch von ihr ausschließt, fordert einen Streit der Standpunkte. Aber was nach der Lektüre von Angela Merkel - Ein Irrtum bleibt, ist keine politische Position. Was bleibt, ist der Frust einer Endfünfzigerin, die "keine Vermummten" mag, "egal ob die dafür eine Religion brauchen, oder nicht", einer "schlichten Steuerzahlerin", die sich "fragt, warum man nicht gleich hartzen geht".

Steingart bezeichnet das Buch als "notwendige Zumutung für die Kanzlerin". Er hat recht: Es ist eine Zumutung, allerdings auch für den Leser.

© sueddeutsche.de
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