Britischer Regierungschef Gordon BrownPremier ohne Mumm und Fortune

Lesezeit: 4 Min.

Gordon Brown steckt nach etlichen Pannen im Umfragetief - die Briten werfen ihm Charakterschwäche und politische Kehrtwenden vor

Wolfgang Koydl

SZ bei Google bevorzugen

Es kann nicht gut um Premierminister Gordon Brown stehen, wenn die Zeitungen ihn den Steve McLaren der britischen Politik nennen. Doch anders als der Regierungschef hatte der glücklose Trainer der englischen Fußballnationalmannschaft immerhin 18 Monate Zeit, bevor eine zunehmend wütende Fan-Gemeinde nach einer Serie peinlicher Pannen und Niederlagen seinen Kopf forderte. Brown hingegen ist nicht einmal ein halbes Jahr im Amt - und die Wähler fragen sich zunehmend irritiert, wie lange sie ihn noch erdulden müssen.

Eine Antwort auf diese Frage deutete der Regierungschef in seiner jährlichen Rede vor dem britischen Industriellenverband an. So oft betonte er die Notwendigkeit "langfristiger Reformen", dass Beobachtern in Westminster nur eine logische Schlussfolgerung blieb: Brown plant offensichtlich, die Parlamentswahlen bis zum letztmöglichen Zeitpunkt im Mai 2010 hinauszuschieben. Bis dahin, so hofft er, würden sich die dunklen Wolken am politischen und wirtschaftlichen Horizont verzogen und eitlem Sonnenschein Platz gemacht haben.

Im September sah dies noch anders aus: So selbstsicher führte die Labour-Partei unter ihrem Führer Brown in allen Meinungsumfragen, dass vorgezogene Neuwahlen in diesem Jahr als so gut wie sicher galten. Doch der allzeit übervorsichtige Premier zuckte zurück, als die Umfragen Sympathieeinbußen andeuteten. Heute dürfte er über diesen Akt der Risikoscheu froh sein: Denn wenn jetzt gewählt würde, könnten die Konservativen unter David Cameron bereits den Einzug in die Downing Street Nummer 10 vorbereiten.

Notorischer Frühaufsteher

Browns tiefer Absturz in der Wählergunst begann genau mit der Absage der Wahl: Da erwies sich der Nachfolger Tony Blairs, der mit dem Versprechen einer ehrlicheren und transparenteren Politik angetreten war, als mindestens ebenso unaufrichtig wie sein Vorgänger. Denn niemand nahm ihm seine Zusicherung ab, dass die schlechten Umfrageergebnisse seine Entscheidung nicht beeinflusst hätten. Jeder wusste, dass Brown gekniffen hatte, und dass er noch nicht einmal den Mumm hatte, dies zuzugeben.

Seitdem ist alles schiefgegangen, was für eine Regierung schiefgehen kann. Peinliche Finanzkrisen, eklatante Inkompetenz, himmelschreiende Widersprüche, blamable Ministerschelte durch den Regierungschef und noch nie erlebte Attacken ehemaliger hoher Offiziere auf die Regierung bescherten Zeitungsredaktionen im Tagestakt neue, süffige Schlagzeilen.

Hinzu kam, dass sich alle vor der Amtsübergabe geäußerten Sorgen angesichts Browns Charakterschwächen zu bestätigten schienen: Er reagiert mimosenhaft auf jede Form der Kritik, er schiebt Fehlschläge auf willkürlich gewählte Sündenböcke ab, er redet sich - eine Todsünde in der britischen Politik - mit mangelnder Erfahrung als Premier heraus, er vertraut ausschließlich auf einen kleinen Beraterzirkel, und er versucht möglichst viele Details der Regierungsarbeit persönlich zu kontrollieren.

Brown ist ein notorischer Frühaufsteher, und deshalb widerfährt es Kabinettskollegen häufig, dass sie bereits zu Dienstbeginn eine E-Mail des Premiers mit detaillierten Anweisungen vorfinden. Das erklärt die Zahl schwindelerregender Kehrtwendungen, welche zahlreiche Minister aus Browns sogenanntem "Kabinett aller Talente" pirouettengleich absolviert haben. Sicherheitsminister Lord West revidierte seine Meinung zur Untersuchungshaft für Terrorverdächtige binnen einer Stunde um 180 Grad - nachdem Brown ihn auf ein Wort ins Amt gebeten hatte.

Außenminister David Miliband erhielt das Manuskript einer programmatischen Europa-Rede mit dicken roten Strichen aus der Downing Street zurück: Der Premier hatte Kern-Passagen einfach gestrichen. Peinlich für den Minister war nur, dass das Manuskript schon an die Presse gegangen war. Über Lord Malloch-Brown, den auf Browns speziellen Wunsch ins Außenamt berufenen Juniorminister, wurde gestreut, dass er eigentlich eine "Belastung" sei; und Sportminister Gerry Sutcliffe erfuhr zu seinem Leidwesen zu spät, dass der Regierungschef seine Ansichten über "obszön" hohe Fußballergehälter nicht teilte.

Aber auch Brown selbst vollführt halsbrecherische Spitzkehren. Eine ganze Reihe von Maßnahmen, die unter seinem Vorgänger beschlossen worden waren, will er nun wieder aufheben. Dazu gehören unter anderem die Zulassung von Super-Casinos oder die grenzenlose Trinkfreiheit in Pubs. Wähler wundern sich über solche Meinungsumschwünge: War Brown denn nicht Mitglied jener Regierung, die diese Beschlüsse gefasst hatte? Oder hatte er sich nicht getraut, seinen Widerspruch anzumelden?

"Er hat seine alten Gewohnheiten aus dem Finanzministerium nach Nummer 10 verpflanzt", beobachtete eine Spitzenbeamtin die Wandlung vom Schatzkanzler zum Premierminister. "Er kann nicht aus seiner Haut. Der größte Teil der Regierung weiß nicht, was er vorhat. Da hat sich nichts verändert. Er wartet mit allem und jedem bis zur letzten Minute. Auch da hat er sich nicht verändert. Und er kann keinen Widerspruch ertragen. Auch hier keine Veränderung." Matthew Taylor, Blairs Strategiechef, formulierte es vorsichtig: "Es ist noch zu früh um zu sagen, dass Browns Amtsführung autoritär ist." Viel weitsichtiger war da das Satire-Magazin Private Eye. Schon im Sommer fand es für Brown das Alter Ego des "Supreme Leader", eines Despoten kommunistisch-totalitären Zuschnitts.

Bei den Jungen unbeliebt

Die Charakterschwächen werden deshalb so konturenreich ausgeleuchtet, weil sie sich zu einer beispiellosen Serie von Fehlern und Missgriffen gesellen. Am Montag trat der Generalsekretär der Labour-Partei zurück. Peter Watt räumte seinen Posten, weil ein Spender der Partei über Mittelsmänner 400 000 Pfund (etwa 560 000 Euro) gegeben und damit gegen die Vorschriften verstoßen hatte. Watt sagte, er habe davon gewusst.

Erst vergangene Woche musste Finanzminister Alistair Darling indirekt zugestehen, dass er keine sofortige und vollständige Rückzahlung von 24 Milliarden Pfund (35 Milliarden Euro) an Steuermitteln garantieren könne, mit denen die Krisenbank Northern Rock gerettet wurde. Einen Tag darauf musste er sich für den Verlust der Daten von 25 Millionen Briten durch eine ihm unterstehende Behörde entschuldigen.

Sechs ehemalige Stabschefs griffen die Regierung und den Premier an, weil sie zu wenig für die Streitkräfte täten. Fast schon vergessen war da ein nur eine gute Woche zurückliegender Skandal: Das Innenministerium hatte 5000 illegal Eingewanderten Jobs zugeschanzt. Einer war sogar für Browns Dienst-Jaguar verantwortlich.

Innerhalb weniger Wochen hat Labour den Kompetenzvorsprung in Wirtschaftsfragen verspielt. Nach Umfragen liegen Regierung und Opposition hier gleichauf; im September lag Labour noch mit zwölf Prozentpunkten vor den Torys. Fast jeder zweite Brite glaubt, dass Brown als Krisenmanager nichts taugt, und vor allem die Jungen sehen in ihm einen Mann von gestern: Von den 25 bis 34-Jährigen würden nur 35 Prozent Brown ihre Stimme geben; 52 Prozent wünschen sich Cameron als Premier.

Browns Kabinett hat die Pannenserie als Ausrutscher verteidigt, die jeder Regierung widerfahren könnten. Doch selbst wenn dies zutrifft, kann es nicht über eine für Labour bedauerliche Tatsache hinwegtäuschen: Diese Regierung und ihr Premier haben den Ruf der Unverletzlichkeit verloren, den sie während der Amtsjahre von Tony Blair aufgebaut hatten.

"Blair war von einem magischen Anti-Magnetismus in Fragen von Schuld umgeben", beschrieb die Times den Unterschied zwischen beiden Männern und listete "Rückgrat, Charme und Überzeugungskraft" als Eigenschaften auf, welche Blair im Gegensatz zu seinem Nachfolger besaß. "Die Eisenspäne wurden abgestoßen und flogen in alle möglichen Richtungen, nur nicht in seine. Aber Brown hat etwas, das sie anzieht."

© SZ vom 27.11.2007/grc - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

SZ Stellenmarkt
:Entdecken Sie attraktive Jobs

In anspruchsvollen Berufsfeldern im Stellenmarkt der SZ.

  • Medizin, Gesundheit & Soziales
  • Tech. Entwicklung & Konstruktion
  • Consulting & Beratung
  • Marketing, PR & Werbung
  • Fahrzeugbau & Zulieferer
  • IT/TK Softwareentwicklung
  • Tech. Management & Projektplanung
  • Vertrieb, Verkauf & Handel
  • Forschung & Entwicklung
Jetzt entdecken

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: