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EU-Austritt:Was die Brexit-Wirren für Briten in Deutschland bedeuten

Berliner nehmen Anteil an London-Attentat

Viele Briten hätten gerne den deutschen Pass, das würde alle Probleme lösen.

(Foto: Jörg Carstensen/dpa)

Das Austrittsabkommen mit der EU sollte eigentlich alle Fragen klären. Doch viele Briten tun sich in Deutschland trotzdem schwer bei der Suche nach Jobs, Wohnungen oder Bankkrediten.

Von Thomas Hummel

Brian Cook lebt seit 29 Jahren in Deutschland. Er ist verheiratet mit einer Deutschen, die Kinder sind heute 20 und 22 Jahre alt. Als sich die Familie vor einem Jahr in Paderborn ein Haus kaufen wollte, sagte die Bank die Finanzierung ab. Der Grund: Brian Cook ist Brite. Der Immobilienmakler habe ihn angerufen und ihm mitgeteilt, die Bank befürchte, er könnte abgeschoben werden. Dem Institut sei deshalb das Risiko zu hoch.

Bis vor zwei Jahren hat Brian Cook in Deutschland für die britische Armee gearbeitet. Als Ex-Staatsdiener bezieht er nun eine Rente, die aber nicht ausreicht. Deshalb begab sich der 46-jährige Mechatroniker auf Arbeitssuche, in seiner Sparte werden Fachkräfte oft händeringend gesucht. Zweimal schien alles klar zu sein, bis jemand bemerkte, dass er einen britischen Pass hat. "Sie haben gesagt, es könnte sein, dass ich mal ins Ausland muss und keiner weiß, ob das künftig noch geht oder ob ich ein Visum brauche", erzählt Cook. Die Jobs hat er nicht bekommen. Dem Brexit sei Dank.

Nach dem Wahlsieg der Konservativen Partei um Premierminister Boris Johnson ist der Austritt Großbritanniens aus der EU am 31. Januar inzwischen beschlossen. Daran schließt eine Übergangsphase bis mindestens Ende 2020 an, währenddessen sich für Bürger und Unternehmen nichts ändert und die Regierungen einen Vertrag über die künftigen Beziehungen aushandeln wollen. Es gilt nun das 535 Seiten lange Austrittsabkommen, in dem auch der künftige Status der in der EU lebenden Briten definiert wird. Da jedoch kaum ein Mensch die Zeit hat, sich in die Details einzulesen, sorgt die Ungewissheit seit Monaten für Turbulenzen im Leben vieler Briten.

"Wir hören häufiger von Diskriminierungen", erzählt Daniel Tetlow, Gründer der Gruppe "British in Germany", die sich unter dem Schirm von "British in Europe" seit dem Brexit-Referendum 2016 um die Interessen und Sorgen der in der Europäischen Union lebenden Briten kümmert. Das sind etwa 1,2 Millionen, davon in Deutschland rund 120 000. Bei Jobsuche, Wohnungssuche, Bankgeschäften, Handyverträgen oder Versicherungsangelegenheiten erleben britische Bürger bisweilen ärgerliche Überraschungen.

"Schleichender Diskriminierungsprozess" auf offizieller Ebene

Emily Dreyfus, 31, suchte in Berlin eine Wohnung und fand auch eine. Schön gelegen im Stadtteil Schöneberg, für die Doktorandin an der Universität erschwinglich. Doch dann gab es Ärger. Erst sollte sie einen finanziellen Bürgen präsentieren, doch am Ende reichte auch der nicht. Dreyfus sagt, die Hausverwaltung habe ihr mitgeteilt, es sei ihr zu riskant, einer Britin die Wohnung zu vermieten. "Das war extrem unfair", klagt sie.

Emily Dreyfus spricht von einem "verstörenden Umkehrmoment" für die Briten etwa in Berlin. Bislang habe man sich voll integriert gefühlt in die Gesellschaft, doch seit dem Brexit-Referendum werde man subtil ausgegrenzt. Nicht von den deutschen Mitbürgern, denen das relativ egal sei, wie sie glaubt. "Aber auf offizieller Ebene", also wenn es um Verträge und Rechte geht. Sie spricht von einem "schleichenden Diskriminierungsprozess".

Dabei ist das schlimmste Szenario für die Briten in der EU abgewendet, denn es wird keinen Brexit ohne Deal geben. Dieser hätte alles infrage gestellt, bis hin zur Aufenthaltsgenehmigung. Und selbst wenn sich die Regierung Johnson und die EU nicht auf einen neuen Handelsvertrag einigen, die Bürger sind davon nicht mehr betroffen. In Artikel 23 des Austrittsabkommens steht, dass die Briten die gleichen Rechte behalten, wie Staatsangehörige des EU-Landes, in dem sie leben.

Der britische Botschafter in Deutschland, Sir Sebastian Wood, führt in einer Videoansprache aus, dass alle Landsleute weiterhin arbeiten und studieren dürfen, sowie Zugang zum Gesundheitssystem haben. Ihre Rentenansprüche seien garantiert und sie dürfen auch nahe Familienangehörige nachholen. Wood erwähnt aber auch Details, die noch zu klären sind: Etwa die Frage, ob weiterhin schulische und berufliche Qualifikationen anerkannt werden. Außerdem, ob Briten innerhalb der EU ungehindert reisen, arbeiten und leben dürfen. Bislang steht nur fest, dass sie in dem Land bleiben dürfen, in dem sie zum Ende der Übergangsphase leben. "Ich weiß, dass diese Aspekte für viele wichtig sind", erklärt Wood.

"Wir sind überwältigt von der Solidarität der Deutschen mit uns"

Wer kann, hat deshalb einen schlauen Ausweg genommen: die deutsche Staatsangehörigkeit. Wer diese bis zum Ende der Übergangsphase beantragt, die Voraussetzungen erfüllt und die umfangreichen Tests besteht, der darf zusätzlich seinen britischen Pass behalten und profitiert dann von den Vorteilen beider Welten. Daniel Tetlow, der in Berlin lebt, schätzt, dass etwa ein Drittel der Briten in Deutschland bis Ende 2019 einen deutschen Pass erhalten haben. Einige Ämter etwa in Berlin mussten Personal anwerben, um den Ansturm zu bewältigen. "Das ist beispiellos", sagt Tetlow. Er glaubt, hier bilde sich eine neue Identität von britischen Europäern im Kontrast zu der sehr nach innen gerichteten Politik in London.

Zudem ergab eine Umfrage, die Tetlow und sein Co-Autor Daniel Auer im Auftrag der Universität Oxford in Berlin und dem dortigen Wissenschaftszentrum WZB durchgeführt haben, einen weiteren Trend: Dankbarkeit. "Wir sind überwältigt von der Solidarität der Deutschen mit uns", betont Tetlow. Auf persönlicher Ebene erlebten die britischen Bürger keinerlei Schadenfreude, sondern im Gegenteil oft Hilfe und Unterstützung. Erst wenn es um Verträge oder Geld geht, wird es mitunter kompliziert.

Brian Cook hätte auch gerne den deutschen Pass, das würde alle Probleme lösen. Doch die Behörden erklärten ihm, er habe als Angestellter der britischen Armee bis 2017 offiziell gar nicht in Deutschland gelebt. Für die Einbürgerung sind aber acht Jahre Aufenthalt im Land vorausgesetzt. Trotz dieser für Cook absurden Erkenntnis, kaufte er mit seiner Frau schließlich ein Haus in Hameln, von drei Banken sprang eine im letzten Moment wieder mit dem Brexit-Argument ab. Da war die Familie schon eingezogen.

"Das hat uns viele Kopfschmerzen bereitet, das war eine echte Achterbahnfahrt", berichtet er. Die anderen Banken übernahmen schließlich die Kredite, auch einen Job fand er in Hameln bei einer amerikanischen Firma. Doch diese schloss ihren Standort Ende des Jahres. Jetzt schreibt Brian Cook wieder Bewerbungen.

© SZ.de/cck
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