Brigitte Böhnhardt im NSU-Prozess:"Sie waren so lieb zueinander"

NSU Prozess

Zeugin im NSU-Prozess: Brigitte Böhnhardt

(Foto: dpa)

Für sie bleibt er "der Kleine": Die Mutter von Neonazi Uwe Böhnhardt berichtet im NSU-Prozess, wie ihr Sohn durch den Unfalltod des Bruders traumatisiert wurde - und sich anschließend immer öfter mit Uwe Mundlos traf. Als sie die Beziehung ihres Sohnes zu Beate Zschäpe als "kuschelig" bezeichnet, wirkt die Angeklagte ergriffen.

Aus dem Gericht von Annette Ramelsberger und Tanjev Schultz

Es ist eine schwierige Situation für Brigitte Böhnhardt. Sie sitzt da im riesigen Gerichtssaal des Oberlandesgerichts München und soll privateste Dinge berichten. Richter Manfred Götzl will wissen, wie ihr Sohn Uwe als Kind war, und was ihn besonders bewegt hat.

Es geht um jenen Mann, der später mit seinen Freunden Beate Zschäpe und Uwe Mundlos laut Anklage den NSU gegründet und vermutlich zehn Menschen erschossen hat. Für die Mutter ist Uwe Böhnhardt immer "der Kleine" geblieben, das aufgeweckte Kind, das von seinen Brüdern geliebt wurde. Mehr will sie eigentlich nicht sagen.

"Warum erfahre ich so wenig von Ihnen?", fragt Richter Götzl. "Weil mir nicht klar ist, was das mit diesem Prozess zu tun hat. Wen interessiert das wirklich?", fragt Mutter Böhnhardt zurück. "Das Gericht interessiert das", sagt Götzl. "Nicht weil ich Ihnen zusetzen will, sondern um ein Bild von Ihrem Sohn zu bekommen. Er spielt eine wesentliche Rolle in diesem Verfahren. Und dafür ist die Familie ganz wichtig."

Die Anwältin von Beate Zschäpe geht dazwischen und regt an, die Öffentlichkeit auszuschließen, weil es um so private Dinge gehe. Doch Götzl findet den Zeitpunkt dafür noch nicht erreicht. Mit jeder Zeugenaussage sei eine gewisse Belastung verbunden, entgegnet er. "Gut, dann kürzen wir die Sache ab, ich werde aussagen, was auch immer auf mich zukommt", sagt Frau Böhnhardt. Sie hat Angst, dass ihr Familienleben in der Öffentlichkeit ausgebreitet wird.

Ein Satz veränderte ihr Verhältnis zur Polizei

Und dann erzählt sie, wie ihre drei kleinen Jungs miteinander aufwuchsen, wie sehr Uwe vor allem seinen großen Bruder Peter geliebt habe. Und wie dann Peter, der Große, mit 17 tödlich verunglückte. Die ganze Familie war traumatisiert, vor allem Uwe, "der Kleine". Und die Familie fühlte sich schon damals von aller Welt verlassen. Die Polizei hatte sie nicht einmal vom Tod des Sohnes unterrichtet.

Der Unfall wurde auch nie aufgeklärt. "Man hatte keine Zeit und keine Lust das aufzuklären", sagt Brigitte Böhnhardt. Ein Satz der Polizei habe sich bei ihr eingebrannt: "Wir haben noch anderes zu tun, als die Eltern eines toten Jungen zu benachrichtigen." Und dann sagt Brigitte Böhnhardt: "Vielleicht rührt mein gestörtes Verhältnis zur Polizei daher."

"Ich dachte immer, der spinnt"

Kurz nach dem Tod des Bruders brachen die Leistungen des Kleinen ein. Uwe begann über die Stränge zu schlagen. Und er suchte sich ältere Freunde, im Alter seines verstorbenen Bruders. Und dann kam immer öfter Uwe Mundlos zu ihnen nach Hause - so lange, bis die Eltern Böhnhardt immer eindringlicher deutlich machten, dass sie dessen rechtsradikale Einstellungen verurteilten.

Dann klingelte Mundlos nur noch unten an der Haustür. "Wenn Uwe klingelte, zog sich unser Sohn an und ging runter. Sie entzogen sich der Diskussion", sagt Frau Böhnhardt. "Ich dachte immer, der spinnt", fährt sie fort. Mundlos war auch der Erste, der sich rechts gekleidet habe. Sie habe gehört, der Großvater von Uwe Mundlos habe die Nazizeit glorifiziert. "Über was haben Sie mit Uwe Mundlos gesprochen?", fragt Götzl.

"Ich habe ihn gefragt, wie er zu diesen Überzeugungen kommt", sagt Brigitte Böhnhardt. "Er schweifte ab in die Geschichte, war sehr belesen. Kann mich erinnern, dass er gesagt hat: 'Frau Böhnhardt, ich hör jetzt auf mit Ihnen zu diskutieren.'"

Mundlos sei intelligenter gewesen als ihr Sohn, sagt Frau Böhnhardt, ihr Uwe habe zu Uwe Mundlos aufgesehen. "Das soll nicht heißen, dass ich Uwe Mundlos die Schuld an der Entwicklung unseres Sohnes gebe. Unser Uwe war da schon ein junger Erwachsener, er hätte jederzeit Nein sagen können."

Wie sei das Verhältnis von Beate Zschäpe zu ihrem Sohn gewesen? "Das kann ich mit einem Wort beschreiben: kuschelig. Sie waren so lieb zueinander." Beate Zschäpe sei die erste feste Freundin ihres Sohnes gewesen. "Ich dachte, er sei in guten Händen", sagt die Mutter. Zschäpe sei in die Familie integriert gewesen, habe an Feiern der Böhnhardts teilgenommen. Sie habe auch nie über rechtes Gedankengut geredet, sich auch nicht rechts gekleidet.

Beate Zschäpe blickt bei den Worten von Frau Böhnhardt ergriffen. Man hat das Gefühl, sie muss sich sehr beherrschen.

© Süddeutsche.de/ratz/mati/bbr
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