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Brexit:Brexit - Was im Fall der Fälle passiert

Brexit, oder kein Brexit. Das ist die Frage.

(Foto: AFP)

Welche Folgen hat ein Brexit? Werden Guinness teurer und britische Gurken krummer? Und wird Frankfurt dann das neue London? Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Ein Brexit hätte ernste Folgen - auch solche, über die sich vor allem die britischen Gurkenbauern freuen würden. Von Guinness über TTIP bis Schwarzer Freitag: Was passiert genau, wenn die Briten der EU den Rücken zuwenden?

1. Droht Panik an den Börsen?

Der Tag nach dem Referendum ist ein Freitag. In der Geschichte gab es schon viele Kursstürze am letzten Arbeitstag der Woche, sie blieben jeweils als "Schwarzer Freitag" in Erinnerung. Um das zu verhindern, hat die Bank of England einen Notfallplan entwickelt. Die Notenbank steht bereit, mit viel Geld gegenzusteuern. Denn die Frage ist: Wie stark stürzt der Kurs des Britischen Pfunds ab? Wie reagiert der Euro? Und was ist mit den Aktien britischer Firmen? Die Europäische Zentralbank (EZB) hat die großen Banken in der Euro-Zone aufgefordert, Notfallszenarien durchzuspielen.

2. Wie führt der Weg aus der EU?

Ein Teil der Antwort findet sich in Artikel 50 des EU-Vertrages. Dort ist das Recht auf Austritt aus der EU geregelt. Die Verhandlungen über die Scheidung sollen demnach höchstens zwei Jahre dauern. Einer Verlängerung müssten alle Staaten zustimmen. In den Verhandlungen geht es erst einmal nur darum, die vielfältigen Verflechtungen zu entwirren. Die Verhandlungen über die künftigen Beziehungen, etwa über einen Zugang der Briten zum EU-Binnenmarkt, könnten sehr viel länger dauern.

3. Was kostet ein Brexit die Briten?

George Osborne, Schatzkanzler des Vereinigten Königreichs, hat das vorsorglich ausgerechnet. 201 Seiten hat die Studie des Finanzministeriums, der entscheidende Satz lautet: Großbritannien geht es nach einem EU-Austritt "auf Dauer schlechter, und zwar um 4300 Pfund im Jahr für jeden Haushalt". Die Briten haben keinen kostenlosen Zugang mehr zum Binnenmarkt. Das trifft fast alle Branchen - und kostet Arbeitsplätze.

4. Was kostet ein Brexit die EU?

Erst mal nichts. Irgendwann fehlt natürlich der britische Beitrag zum EU-Haushalt. London hat im Jahr 2014 - das sind die aktuellsten Zahlen - mehr als elf Milliarden Euro überwiesen. Das Vereinigte Königreich ist nach Deutschland, Frankreich und Italien der größte Nettozahler.

5. Droht der EU eine Kettenreaktion?

Das befürchtet man in Brüssel. In mehreren Mitgliedstaaten wollen Rechtspopulisten raus aus der EU - etwa in den Niederlanden die Partei der Freiheit von Geert Wilders und in Frankreich der Front National von Marine Le Pen. Moderatere EU-Skeptiker werden schauen, wie die Brexit-Verhandlungen laufen. Gelingt es den Briten, Vorteile einer Mitgliedschaft - wie den Zugang zum Binnenmarkt - zu erhalten, dürfte sie das ermuntern, denselben Weg zu fordern. Deshalb raten viele nach einer Leave-Entscheidung zu Härte gegenüber Großbritannien.

6. Kann Schottland in der EU bleiben?

Nein. Selbst wenn sich die Mehrheit der Schotten gegen den Brexit ausspricht und es danach zur Trennung vom Vereinigten Königreich käme, müsste das unabhängige Schottland einen Aufnahmeantrag nach Artikel 49 des EU-Vertrages stellen. Danach würde es Jahre dauern.

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7. Können die Briten noch mal wählen?

Theoretisch ja. Für die EU kommt es rechtlich nicht auf das Referendum an, sondern auf eine offizielle Mitteilung aus London. Jede britische Regierung dürfte sich aber an das Ergebnis gebunden fühlen. Einfach neu abstimmen zu lassen, wird wohl keiner wagen.

8. Kommen ohne die Briten die Vereinigten Staaten von Europa?

Die Briten waren stets Bremser, wenn es um eine EU-Vertiefung ging. Aber nicht die einzigen. Gegen mehr Machtverlagerung nach Brüssel wird es weiter Widerstand geben.

9. Was ändert sich für EU-Bürger?

Nicht viel. Das Vereinigte Königreich gehört weder zum Schengen-Raum noch zur Euro-Zone. Wer nach Großbritannien reist, muss jetzt schon einen Ausweis vorzeigen und Euro in Pfund wechseln.

10. Wird die EU ohne Briten sozialer?

Fest steht: Die stärkste marktliberale Stimme verschwindet. Bislang war Großbritannien der Gegenpol zum französischen Etatismus. Das war Deutschland ganz recht; Bundeskanzlerin Angela Merkel ist zwar für die soziale Marktwirtschaft, im Zweifel aber für mehr Privatwirtschaft als für mehr Staat. Verbündet sich Paris noch stärker mit Rom und Madrid, wird es für Berlin schwieriger werden, sich etwa gegen eine EU-weite Arbeitslosenversicherung zu stemmen.

11. Was passiert mit dem Euro?

Wie sagte ein Brite in Brüssel? "Seid froh, dann habt ihr uns Pfund-Fetischisten los und könnt die Euro-Zone vertiefen." Das wird so schnell nicht kommen: Viele Euro-Staaten sind misstrauisch.

12. War's das jetzt mit TTIP?

Ohne Großbritannien fehlt so etwas wie der europäische Brückenkopf in die USA. Die Briten sind seit jeher den Amerikanern verbunden - und dem Freihandel. Sie haben weniger starke Schutzbedürfnisse als andere Staaten in der EU.

13. Kommt die europäische Armee?

Die Briten haben immer vor Parallelstrukturen zur Nato gewarnt. Die EU verlöre in Großbritannien eine starke Militärmacht, könnte im Verteidigungsbereich aber stärker zusammenarbeiten. Die europäische Armee bleibt jedoch in sehr weiter Ferne.