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Brexit-Referendum:"Europa braucht einen Tritt in den Hintern"

Seit sieben Uhr stimmen die Briten über den Brexit ab. Tom, Luise und Conor sind unter den Ersten am Wahllokal. Von großen Träumen, alten Sehnsüchten und dem Wetter über London.

Sein Regenschirm leuchtet von Weitem in den Farben Großbritanniens. Weiß, Blau und Rot. Tom Yarrow trägt Gummistiefel dazu. Sein gelblicher, durchaus ungepflegter Vollbart passt zu der rauen Gegend hier: Tower Hamlets, östlich der Londoner City. Jack the Ripper soll hier sein Unwesen getrieben haben. Heute leben viele Muslime in dem Bezirk. Aus Pakistan vor allem. Frauen gehen vollverschleiert und in männlicher Begleitung die Straßen entlang. Seit etwa zehn Jahren haben außerdem auch die Hipster den Bezirk entdeckt.

Es ist ein verregneter Donnerstagmorgen, kurz nach sieben Uhr. Die Wahllokale haben gerade aufgemacht. Ein denkwürdiger, ein historischer Tag: Die Bürger Großbritanniens stimmen darüber ab, ob sie in der Europäischen Union bleiben wollen. Kommt es zum gefürchteten Brexit, wird die EU in eine tiefe Krise stürzen. Eine Krise, von der sie sich vielleicht nicht mehr erholt.

Tom läuft zu seinem Wahllokal in der John-Scurr-Grundschule, Cephas Street. Es regnet immer noch wie aus Eimern. Er nimmt sich die Zeit. Tom geht zum ersten Mal seit Jahrzehnten überhaupt wählen. Ein notorischer Nichtwähler eben. Schon damals hat er nicht mitgemacht, als sein Land 1975 das erste Referendum über die Mitgliedschaft zur damaligen Europäischen Gemeinschaft abhielt.

Und jetzt, warum ausgerechnet jetzt? Weil es eine Chance sei, ganz viel auf einmal wieder geradezurücken. Tom, ein ehemaliger Tierarzt, sagt: "Ich glaube nicht, dass die Leave-Seite gewinnt. Aber ich stimme trotzdem für Out."

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Mehr als 46 Millionen Briten können an diesem Donnerstag wählen gehen. Es ist das dritte landesweite Referendum in der Geschichte des Landes. In 380 Wahlbezirken wird gewählt.

Vier Monate lang haben sich die Leave- und die Remain-Seite einen brutalen Wahlkampf geliefert. Sie haben sich gegenseitig als Lügner beschimpft, haben sich persönlich angegriffen, haben mit falschen Zahlen hantiert. In den letzten Umfragen liegen beide Lager Kopf an Kopf. Viele Briten schienen bis zuletzt unentschlossen zu sein. Auf etwa 15 Prozent wurde diese Gruppe geschätzt. Sie wird wohl den Ausschlag geben für diese Entscheidung.

Die britischen Medien sind am Wahltag zur Zurückhaltung verdammt. Das ist sogar gesetzlich so geregelt. Jede Form der Wählerbeeinflussung an Wahltagen ist zumindest den Medien untersagt. Die BBC schreibt auf ihrer Internetseite, veröffentlicht werden dürfe an diesem Tag nur, was unstrittig ist. Etwa, dass Politiker an ihren Wahllokalen ankommen, die Zahl der Wahlberechtigten. Oder alles über das Wetter.

Über das Wetter gibt es tatsächlich einiges zu sagen. Gewitter über London und England mit nachhaltigem Regen. Im Stadtteil Chessington ganz im Süden von London musste wegen des starken Regens ein Wahllokal umziehen. Im Süden des Landes sind Straßen überschwemmt worden. Manche Verkehrsverbindung ist unterbrochen.

Viele Stereotype wurden bemüht im Laufe der Brexit-Kampagne. Am Wahltag bestätigt sich ein uraltes: es regnet.

(Foto: AFP)

Sonne und nur ein paar kräftige Schauer dagegen über Nordirland und Schottland. Das Wetter scheint es mit den Gegenden besser zu meinen, die eher auf der Remain-Seite stehen.

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Tom nimmt den Regen hin wie wohl alle Londoner. Gehört halt dazu. Warum ist er für den Brexit? Weil sie alle immer nur gelogen haben. Premier David Cameron, der war doch immer gegen die EU. Jetzt wirbt er dafür. Wie soll er dem noch glauben?

Europa? In einem beklagenswerten Zustand, meint Tom. Alles geht den Bach runter. Die Griechen hätten doch längst austreten müssen. Und "Ängela Mörkel", der glauben die Deutschen doch auch nichts mehr, seit sie alle Flüchtlinge ins Land gelassen hat.

Tom vermisst etwas. Alte Größe womöglich. Ein Vorfahre von ihm, Alfred Yarrow, der hat Kriegsschiffe gebaut. Zerstörer und Kanonenboote. Die waren schneller als die meisten Schiffe heute, sagt Tom. Die wurden bis nach Russland und an die Niederländer verkauft. Glanz vergangener Tage. Die Werft gibt es heute so nicht mehr, wurde mal verstaatlicht in den 70er Jahren, dann verkauft.

Er wirkt nicht wütend oder sonderlich aufgebracht. Eher müde und enttäuscht. Noch Fragen? Nein? Dann dreht er sich um. Wählen gehen. Weil es vielleicht doch irgendetwas ändert.

Luise, 66, ist gerade als Lehrerin in Rente gegangen. Sie wünscht sich, dass die Briten in der EU bleiben.

(Foto: Thorsten Denkler)

Luise kommt aus dem Wahllokal. 66 Jahre alt, gerade erst in den Ruhestand versetzt. Praktischer Kurzhaarschnitt, in Würde ergraut. Lehrerin war sie, eine Springerkraft. Sie hat viele Schulen hier gesehen im Bezirk.

Sie kennt Tower Hamlets. Und liebt es. "Es ist großartig hier. So vielschichtig." Ihre Stimme ist samtweich - sie als Lehrerin gehabt zu haben, wäre bestimmt ein Grund, sich nur mit Wohlwollen an die Schulzeit zu erinnern. Ihren Nachnamen? Den behält sie lieber für sich, aber gegen ein Foto hat sie nichts einzuwenden.

Luise hat gerade für Remain gestimmt. Selbstverständlich. Was denn sonst? - Warum? - Weil die Zusammenarbeit der europäischen Staaten nach dem Zweiten Weltkrieg das Beste war, was Großbritannien, was ganz Europa passieren konnte, sagt sie. Die Leave-Seite, die will immer nur mehr Kontrolle zurück. "Aber, was bitte soll das heißen?", fragt sie. "Das ist doch naiv in einer Welt, in der Zusammenarbeit so wichtig ist."

Sie muss los. Aber eines will sie doch noch sagen. Und es klingt überraschend unfein aus ihrem Mund: "Europe needs a kick up the arse" - Europa braucht einen Tritt in den Hintern, damit es den endlich hochbekommt. Heißt? Mehr Demokratie, mehr Transparenz. Sonst sieht es düster aus.

So europäisch wie Luise denken längst nicht alle Briten. Ein Fernbus fährt vorbei. Er verbindet Großbritannien mit Europa, steht darauf zu lesen. Europa, das ist für viele Briten eben etwas anderes als Großbritannien. Festland halt, der Kontinent.

Conor McCone, 29, hat für Remain, gestimmt, für den Verbleib in der EU. Warum? Er ist Ire.

(Foto: Thorsten Denkler)

Nein, widerspricht Conor McCone, nicht die Briten denken so. Es sind die Engländer. Iren, Schotten oder die Waliser, die denken europäisch. Conor, 29, ist Umweltbeauftragter von Beruf. Die EU hat mehr für die britische Umwelt getan, als die Briten es selbst gekonnt hätten, findet er.

Er kommt aus Nordirland, fühlt sich durch und durch irisch. Der rötliche Bart und die blasse Haut hätten kaum etwas anderes vermuten lassen. Er hat für Remain gestimmt. Die Engländer, sagt er, die ticken da einfach anders. Die glauben, sie seien größer und wichtiger als der Rest der Welt. Er hofft, dass die Leave-Seite verliert. Damit alle wieder auf den Teppich kommen.

Um 22 Uhr Ortszeit schließen die Wahllokale. Dann werden die Stimmen gezählt. Erst am frühen Freitagmorgen werden die ersten Ergebnisse erwartet. Ob Großbritannien auf dem Teppich und damit in der EU bleibt? Am Freitagmorgen weiß Conor McCone mehr.

© SZ.de/ghe
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