Brexit-Referendum Boris Johnson sieht "keinen Grund zur Hast"

Camerons Parteifreund gilt als einer der wahrscheinlichsten Anwärter auf den Posten des Premierministers. Der hatte am Morgen seinen Rücktritt angekündigt.

Es scheint, als sei alles möglich, als an diesem Morgen die Sonne über Großbritannien aufgeht. Als gegen fünf Uhr früh britischer Zeit immer mehr Sender anfangen, einen Vorsprung für das Leave-Lager zu vermelden und die Statistiker des Fernsehsenders ITV einen Brexit mit 85-prozentiger Wahrscheinlichkeit vorhersagen, wird aus Nigel Farage, dem Verlierer, plötzlich ein Sieger. Und dabei weiß der Führer der europaskeptischen UK Independence Party (Ukip) zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal, dass nur wenige Stunden später Premierminister David Cameron zurücktreten wird.

"Ich wage es jetzt zu träumen, dass die Sonne über einem unabhängigen Vereinigten Königreich aufgeht", verkündete Farage schon um kurz vor fünf Uhr über Twitter. Kurz darauf sagte er dann, was ihm wie historische Worte scheinen müssen: "Lasst den 23. Juni als den Tag unserer Unabhängigkeit in die Geschichte eingehen." Sie gehen unter im Jubel seiner nicht mehr ganz nüchternen Anhänger.

Am späten Vormittag erklärt David Cameron seinen Rücktritt

Um halb zehn deutscher Zeit tritt dann endlich der britische Premier vor die Kameras. Eiligen Schrittes geht er zum Rednerpult, das seine Assistenten erst Minuten zuvor vor dem Eingang zur 10 Downing Street, seiner Residenz, aufgebaut haben. Seine Frau begleitet ihn, sie bleibt wenige Meter neben ihm stehen. Der Premier fängt an zu sprechen, sehr schnell, sehr deutlich, ein bisschen zu laut. "Der Wille des britischen Volkes ist eine Anweisung, die befolgt werden muss", sagt er. Und dass es an dem, was es wolle, keinen Zweifel geben könne: Den Austritt aus der EU. Was er nicht sagt: Dass er dieses Referendum selbst angezettelt hat, um die Europaskeptiker in den eigenen Reihen zu befrieden. Jahrelang hatte er auf die EU geschimpft, bis er dann wenige Wochen vor dem Referendum zum Verfechter Europas wurde.

Und dann sagt Cameron die Sätze, die vielleicht einmal als die wichtigsten seiner Amtszeit gelten werden: "Ich bin stolz und fühle mich geehrt, sechs Jahre lang Premierminister dieses Landes gewesen zu sein." Doch die britische Nation habe sich entschieden, einen anderen Weg zu wählen, als den, für den er stehe. "Daher denke ich, dass das Land eine neue Führung benötigt, die es in diese Richtung führen könnte."

Drei Monate noch will Cameron im Amt bleiben, um das "Schiff" Großbritannien so lange wie möglich stabil zu halten. Erst in etwa drei Monaten, wenn die Austrittsverhandlungen mit der EU richtig Fahrt aufnehmen, werde er das Ruder übergeben. "Ich denke nicht, dass ich der Kapitän sein sollte, der das Land zu diesem neuen Ziel steuert", sagt Cameron. Dann dreht er sich auf dem Absatz um und geht zurück ins Innere der Downing Street No. 10. Gefolgt nur noch von seiner Frau.

Boris Johnson ist für den Austritt - und sagt: "Wir sind Teil von Europa"

Später, am Mittag, tritt dann auch Boris Johnson vor die Presse. Viele sehen den in der Bevölkerung beliebten Konservativen als den wahrscheinlichsten Nachfolger für Cameron. Im Februar hatte er sich überraschend auf die Seite der Brexit-Befürworter geschlagen. In seiner Ansprache sagt Johnson als Erstes, wie traurig er sei, dass David Cameron als Premierminister abtreten wolle. Er würdigt ihn als "mutigen Mann mit Prinzipien" und fügt hinzu: "Es war sein Mut, der diesem Land das Referendum gegeben hat" - was er nicht sagt: Es ist das Referendum, das Cameron seinen Job kostet und den Posten womöglich für Johnson frei macht.

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Dann sagt er noch ein paar Dinge, die eigentlich mehr Fragen aufwerfen als beantworten. "Diese Entscheidung bedeutet nicht, dass das Vereinigte Königreich weniger vereinigt ist, und auch nicht, dass es weniger europäisch ist", sagt Johnson. Und dann: "Wir sind Teil Europas." Das Land werde auch weiterhin eine große europäische Macht sein. Er hebt damit auf den Unterschied zwischen Europa und der Europäischen Union ab: Europa findet Johnson toll, Briten würden weiterhin reisen und die europäische Kultur kennen- und schätzen lernen. Was er nicht mag, ist der supranationale Staatenverbund der EU. Der sei mal eine gute und edle Idee gewesen. Aber es gebe keinen Grund, findet Johnson, im 21. Jahrhundert noch ein Teil einer solchen Organisation zu sein. Hetzen wolle man sich jetzt aber nicht. "Es gibt keinen Grund zur Hast", sagt Johnson und deutet damit auf einen langen Prozess des Abschieds hin. Und das obwohl die EU-Spitzen explizit fordern, nun rasch klare Verhältnisse zu schaffen.