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Großbritannien:Der Einfluss der Libdems ist mit dem Brexit gewachsen

Traditionell halten Parteichefs auf britischen Parteitagen ihre große Rede zum Schluss; und so legt Swinson, die schon die Revoke-Debatte vom Sonntag angeführt hatte, am Dienstag noch einmal nach: Brexit - das sei so, als setze man sein eigenes Haus in Brand. Premier Boris Johnson sei ein Nationalist und beschädige die Demokratie, Labour-Chef Jeremy Corbyn sei radikal und regierungsunfähig. Johnsons No-Deal-Kurs mache sie krank.

Die 39-Jährige ist eine gute Rednerin, sie hat Power und Charisma, und die Erleichterung nach dem Rücktritt ihres 71-jährigen Vorgängers Vince Cable ist in Bournemouth mit Händen zu greifen. Aber das eigentliche Aphrodisiakum der Partei, die noch vor wenigen Jahren bei unter zehn Prozent gedümpelt war, ist der Brexit. Die LibDems haben endlich ein herausragendes Thema, sie waren und sind Europäer. Und je länger sich die Krise im Königreich hinschleppt, umso größer wird ihre Anziehungskraft.

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Sechs Abgeordnete von anderen Parteien waren zuletzt übergelaufen, das ist ein Drittel der derzeitigen liberalen Unterhaus-Abgeordneten. Philip Lee, für alle sichtbar, hatte das sogar während einer Parlamentsdebatte getan; der letzte Neuzugang war, kurz vor dem Parteitag, der Tory-Abgeordnete Sam Gyimah, gewesen, der den "Populismus" von Boris Johnson nicht mehr ertragen mochte.

Ebenso wie bei der "Stop-Brexit"-Entscheidung gibt es aber auch hier einiges Gegrummel im Hintergrund: Nicht alle LibDems, gesellschaftspolitisch traditionell linksliberal, finden es gut, dass sie nun Kollegen haben, die nicht auf einem liberalen Ticket ins Unterhaus gekommen sind und beispielsweise gegen die Homo-Ehe gestimmt haben.

Kritik an den zwei Männern ohne "moralischen Kompass"

Aber der Einfluss der Partei ist sichtlich gewachsen, und das finden dann wieder alle gut. Der prominente Überläufer Chuka Umunna, Ex-Labour, jetzt Schatten-Außenminister der LibDems, bedankt sich unter dem Jubel seiner neuen Parteifreunde für die warme Aufnahme, bevor er das Land vor Johnson und Corbyn warnt: Die pluralistischen Kräfte der liberalen Demokratie würden "weltweit bedroht von einem neuen Autoritarismus". Und im UK stünden zwei Männer an der Spitze von Regierung und Opposition, die "keinen moralischen Kompass" hätten.

Besonders erleichtert über das warme Klima drinnen im Konferenzzentrum und draußen im Spätsommer am Meer dürfte aber Luciana Berger gewesen sein. Die ehemalige Labour-Abgeordnete jüdischen Glaubens hatte ihre alte Partei wegen andauernder antisemitischer Übergriffe verlassen; sie hatte zuletzt Personenschutz gebraucht. In Bournemouth läuft sie mit ihrem Baby im Brustgurt herum; das Baby wird bewundert, und sie wird gefeiert.

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