Süddeutsche Zeitung

Brexit:Auf nach Kleinbritannien

Lesezeit: 4 min

Die Briten schwelgen in Empire-Nostalgie, Premierministerin May will ein "globales Großbritannien" formen. Dabei hat sich das Land isoliert und kleiner gemacht.

Kommentar von Christian Zaschke

Der britische Brexit-Minister David Davis sieht nicht gut aus dieser Tage. Er wirkt, als werde ihm nun erst bewusst, welch monumentale Aufgabe vor ihm liegt. Während Premierministerin Theresa May sich hinter Phrasen verschanzt wie der, man werde ein "wahrhaft globales Großbritannien" schaffen, liegt es an Davis, sich mit den Details des Austritts aus der EU zu beschäftigen. Bei seinem Auftritt diese Woche im Parlament wirkte er müde, seine sonst straffen Schultern hingen herab, er sprach monoton.

Das Ministerium, dem er vorsteht, ist klein und in einem Wohnhaus in der Downing Street neben Theresa Mays Amtssitz untergebracht. Als er kürzlich gefragt wurde, ob dieses Miniaturministerium überfordert sein könnte mit der größten politischen Aufgabe der vergangenen 70 Jahre, sagte er, britische Beamte hätten den Zweiten Weltkrieg geregelt. Da werde man ja wohl den Austritt aus der EU hinkriegen.

In dieser Äußerung und in Mays Vision eines "globalen Großbritanniens" kommen zwei Säulen britischer Identität zum Vorschein, die mit dem Brexit zu tun haben. Schaut man auf die britische Geschichte als Ganzes, so ist der faszinierendste Aspekt, dass diese kleine Insel einmal ein weltumspannendes Empire hervorgebracht hat. Dass dieser Aspekt im historischen Bewusstsein des Vereinigten Königreichs dennoch nur eine untergeordnete Rolle spielt, liegt daran, dass die Geschichte des Empires auch eine der Invasion, der Unterdrückung und der Ausbeutung ist.

Wichtigster Referenzpunkt in der Geschichte ist daher der Zweite Weltkrieg, der es den Briten erlaubt, ein Selbstbild zu entwickeln, in dem sie als unverwüstliche Kämpfer für das Gute dastehen, als Verteidiger der Werte, als Befreier. Als das Volk mit dem "Blitz-Spirit", das sich nie unterkriegen lässt und allein seinen Weg in der Welt findet. Die Erinnerung ans Empire ist in diesem Bild nur undeutlich im Hintergrund zu sehen, schemenhaft.

Dass die Briten sich entschieden haben, die EU zu verlassen, liegt laut May auch daran, dass sie "instinktiv" in die Welt schauten und nicht nur nach Europa. Das ist ein kaum verhohlener Anklang ans einstige Weltreich; Mays "globales Großbritannien" erscheint wie eine neue, von negativen Seiten befreite Version des Empires. Diese Form der Nostalgie, gepaart mit dem Glauben an einen britischen, oder eher: englischen Exzeptionalismus, birgt für viele Briten die Möglichkeit, sich in der globalisierten Welt weiter als bedeutende Nation zu fühlen, auch wenn man in Wahrheit nur eine Insel mit 60 Millionen Einwohnern im Nordwesten Europas ist. Von diesem Europa ist Großbritannien derzeit so weit entfernt wie lange nicht.

Theresa May hat gesagt, man werde lediglich die EU verlassen und nicht Europa. Das ist nur teilweise richtig. Europa ist nicht nur ein Kontinent, sondern auch eine Idee, die aus den Trümmern des Zweiten Weltkriegs geboren wurde. Eine Idee von Frieden und Zusammenhalt, von Dialog und Miteinander, auch in schwierigen Zeiten. Die EU ist der Versuch, dieser Idee eine politische Form zu geben.

Das aber haben viele Briten nie so gesehen. Als sich 1957 mit den Römischen Verträgen die ersten sechs europäischen Staaten zu einer Gemeinschaft zusammentaten, winkten die ebenfalls eingeladenen Briten ab. Man fühlte sich noch als ehemaliges Weltreich, zudem als Gewinner zweier Weltkriege. Man hatte es nicht nötig, diesem Klub beizutreten. Anfang der Sechzigerjahre wollten die Briten dann plötzlich doch Mitglied werden - allerdings nicht der größeren Idee wegen, sondern weil in dem Klub so eifrig Handel getrieben wurde. Damals waren es die Staaten auf dem Kontinent, die zunächst ablehnten. Es dauerte bis 1973, bis Großbritannien der Gemeinschaft beitrat.

Gerade weil sie dauernd Ärger machten, waren die Briten so ein wichtiges Mitglied des Klubs. Die EU ist alles andere als perfekt, und die britische Mischung aus Pragmatismus und Genörgele führte dazu, dass sie sich ständig prüfen und hinterfragen musste. Außerdem waren die Briten im Verhältnis zwischen Deutschland und Frankreich der unverzichtbare Dritte.

Mit seinem Austritt entzieht sich das Vereinigte Königreich dieser Verantwortung und damit auch der europäischen Idee. Ganz gleich, wie sehr May betont, man werde nun in die Welt schauen und wahrhaft global werden: Tatsächlich hat das Land sich isoliert und kleiner gemacht. Die Mischung aus Empire-Nostalgie und Exzeptionalismus hat in vielen Briten eine Fantasiewelt erstehen lassen, in der die Beziehungen zum Commonwealth wiederbelebt werden und Handel mit dem ganzen Globus getrieben wird.

Die Fantasie des "Make Britain Great Again" könnte zu ihrem Gegenteil führen

Abgesehen davon, dass das Handelsvolumen mit den Commonwealth-Staaten vergleichsweise gering ist, brauchen diese Länder die einstige Kolonialmacht nicht mehr. Vielmehr ist es so, dass indischen Firmen heute urbritische Marken wie Jaguar gehören. Und der Rest der Welt weiß, dass Großbritannien jetzt allein dasteht und dringend auf Handelsabkommen angewiesen ist. Keine sonderlich gute Verhandlungsposition.

Dazu kommen die Gefahren für den Fortbestand des Vereinigten Königreichs. Die Schotten, die mit großer Mehrheit für den Verbleib in der EU votierten, werden mittelfristig ein zweites Referendum über die Unabhängigkeit abhalten. Die Lage in Nordirland, wo die Mehrheit ebenfalls für den Verbleib war, ist vertrackt. Zunächst ist da die Frage, wie die Grenze zur Republik Irland künftig aussehen soll. Das allein ist schon kompliziert, aber noch das kleinere Problem. Denn über kurz oder lang wird sich die Frage stellen, ob es ein vereinigtes Irland geben soll. Dann könnten die Engländer froh sein, wenn immerhin das kleine Wales ihnen noch die Treue hält. Die Empire-Nostalgie, die Fantasie des "Make Britain Great Again", könnte also genau zu ihrem Gegenteil führen: zu Little England.

Bei Weitem nicht alle Briten hängen diesen Fantasien an. Er handelt sich, wenn man das so pauschal sagen kann, mehrheitlich noch immer um ein aufgeklärtes und pragmatisches Volk. Das Problem ist: Die Fantasten haben derzeit das Sagen. Und in Theresa May eine willige Erfüllungsgehilfin.

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Quelle:
SZ vom 01.04.2017
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