Brexit:Auf nach Kleinbritannien

Big Ben Brexit

Theresa May hat gesagt, man werde lediglich die EU verlassen und nicht Europa. Das ist nur teilweise richtig.

(Foto: AFP)

Die Briten schwelgen in Empire-Nostalgie, Premierministerin May will ein "globales Großbritannien" formen. Dabei hat sich das Land isoliert und kleiner gemacht.

Kommentar von Christian Zaschke

Der britische Brexit-Minister David Davis sieht nicht gut aus dieser Tage. Er wirkt, als werde ihm nun erst bewusst, welch monumentale Aufgabe vor ihm liegt. Während Premierministerin Theresa May sich hinter Phrasen verschanzt wie der, man werde ein "wahrhaft globales Großbritannien" schaffen, liegt es an Davis, sich mit den Details des Austritts aus der EU zu beschäftigen. Bei seinem Auftritt diese Woche im Parlament wirkte er müde, seine sonst straffen Schultern hingen herab, er sprach monoton.

Das Ministerium, dem er vorsteht, ist klein und in einem Wohnhaus in der Downing Street neben Theresa Mays Amtssitz untergebracht. Als er kürzlich gefragt wurde, ob dieses Miniaturministerium überfordert sein könnte mit der größten politischen Aufgabe der vergangenen 70 Jahre, sagte er, britische Beamte hätten den Zweiten Weltkrieg geregelt. Da werde man ja wohl den Austritt aus der EU hinkriegen.

In dieser Äußerung und in Mays Vision eines "globalen Großbritanniens" kommen zwei Säulen britischer Identität zum Vorschein, die mit dem Brexit zu tun haben. Schaut man auf die britische Geschichte als Ganzes, so ist der faszinierendste Aspekt, dass diese kleine Insel einmal ein weltumspannendes Empire hervorgebracht hat. Dass dieser Aspekt im historischen Bewusstsein des Vereinigten Königreichs dennoch nur eine untergeordnete Rolle spielt, liegt daran, dass die Geschichte des Empires auch eine der Invasion, der Unterdrückung und der Ausbeutung ist.

Wichtigster Referenzpunkt in der Geschichte ist daher der Zweite Weltkrieg, der es den Briten erlaubt, ein Selbstbild zu entwickeln, in dem sie als unverwüstliche Kämpfer für das Gute dastehen, als Verteidiger der Werte, als Befreier. Als das Volk mit dem "Blitz-Spirit", das sich nie unterkriegen lässt und allein seinen Weg in der Welt findet. Die Erinnerung ans Empire ist in diesem Bild nur undeutlich im Hintergrund zu sehen, schemenhaft.

Dass die Briten sich entschieden haben, die EU zu verlassen, liegt laut May auch daran, dass sie "instinktiv" in die Welt schauten und nicht nur nach Europa. Das ist ein kaum verhohlener Anklang ans einstige Weltreich; Mays "globales Großbritannien" erscheint wie eine neue, von negativen Seiten befreite Version des Empires. Diese Form der Nostalgie, gepaart mit dem Glauben an einen britischen, oder eher: englischen Exzeptionalismus, birgt für viele Briten die Möglichkeit, sich in der globalisierten Welt weiter als bedeutende Nation zu fühlen, auch wenn man in Wahrheit nur eine Insel mit 60 Millionen Einwohnern im Nordwesten Europas ist. Von diesem Europa ist Großbritannien derzeit so weit entfernt wie lange nicht.

Theresa May hat gesagt, man werde lediglich die EU verlassen und nicht Europa. Das ist nur teilweise richtig. Europa ist nicht nur ein Kontinent, sondern auch eine Idee, die aus den Trümmern des Zweiten Weltkriegs geboren wurde. Eine Idee von Frieden und Zusammenhalt, von Dialog und Miteinander, auch in schwierigen Zeiten. Die EU ist der Versuch, dieser Idee eine politische Form zu geben.

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