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Brexit:Britische Illusionen

Kanzlerin Merkel wird London nicht um jeden Preis einbinden.

Von Alexander Mühlauer

Seit Deutschland im Juli die EU-Ratspräsidentschaft übernommen hat, herrscht in London überraschend gute Laune. Die britische Regierung ist jedenfalls davon überzeugt, dass nun ein Staat die Geschicke in Brüssel lenkt, der alles daransetzt, bis zum Jahresende einen Vertrag über die künftige Beziehung zu erreichen. Ganz unrecht haben die Briten damit nicht, denn Bundeskanzlerin Angela Merkel hat ein offeneres Ohr für die britischen Brexit-Interessen als Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron.

Dennoch sollte man sich im Königreich keine falschen Hoffnungen machen. Wenn sich die Brexit-Unterhändler in dieser Woche zur nächsten Verhandlungsrunde in London treffen, geht es nämlich um eine entscheidende Frage: Entsteht vor der Haustür der EU ein Wettbewerber, der auf die Veränderungen der Globalisierung mitunter schneller reagieren kann als ein träger 27-Staaten-Bund? Genau davor hat die Kanzlerin stets gewarnt.

Fest steht: Ein Deal mit London ist im deutschen Interesse. Gelingt er nicht, wird Europas größte Volkswirtschaft das besonders stark spüren. Doch bei aller Hoffnung, die London jetzt in Merkel setzt, sollte man dort eines zur Kenntnis nehmen: Die Einheit der Europäischen Union ist für Deutschland bedeutender als ein Deal, der die Gemeinschaft zu zerreißen droht.

© SZ vom 06.07.2020

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