Brexit Boris Johnson kneift: Plötzlich nicht mehr die "richtige Person"

  • Boris Johnson verzichtet auf eine Kandidatur als Tory-Chef und britischer Premier.
  • Der Brexit-Befürworter sagt, er sei nicht die richtige Person, um Großbritannien zu einen.
  • Am Vormittag hatte Johnson einen wichtigen Unterstützer verloren: Justizminister Michael Gove will selbst kandidieren.
Von Benedikt Peters

Boris Johnson lässt sich Zeit. Um 12 Uhr am Donnerstagmittag läuft in Großbritannien die Frist ab, bis zu der sich die Kandidaten um die Nachfolge David Camerons als Parteichef der britischen Konservativen und als Premier bewerben konnten. Um 11:42 tritt Johnson vor Unterstützern in einem Hotel im Zentrum Londons vor die Kameras - zwölf Minuten später, als er angekündigt hatte.

Die BBC überträgt live, auch während der Wartezeit, in der die Spekulationen an Fahrt gewinnen: Der frühere Londoner Bürgermeister und Kopf der Brexit-Bewegung wolle seine Kandidatur wohl bis zur letzten Minute hinauszögern.

Das ist ein Trugschluss, und was für einer. Als Johnson endlich auftritt, verkündet er nicht seine Kandidatur, sondern eine Absage. Er will nicht Premier werden, zumindest nicht jetzt. Großbritannien brauche nach dem Brexit-Votum eine Person, die das Land einen könne. "Ich habe beschlossen, dass ich diese Person nicht sein kann."

Seine Absage läuft als Eilmeldung über die Agenturticker, Medien weltweit informieren ihre Leser per Pushnachricht: Der Mann, der angeblich nur seiner Karriere willen für den Brexit geworben hat, will nun, nachdem er sich durchgesetzt hat, nicht den nächsten Karriereschritt machen? Das ist eine Überraschung, die dem Personalkarussell einen ganz neuen Schub gibt.

Zumal Johnson bei seiner Rede betont staatsmännisch auftritt. Er trägt nicht, wie so oft, einen ausgebeulten Anzug und blonde Strubbelmähne. Die Haare hat er geglättet, der Anzug sitzt, dazu eine rote Krawatte.

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Zu Beginn klingt Johnson wie Cameron

Staatsmännisch klingt dann auch das, was Johnson in den folgenden zehn Minuten von sich gibt. Die Brexit-Entscheidung unterstütze er nach wie vor "mit Leidenschaft". Großbritannien werde durch den bevorstehenden EU-Austritt gestärkt.

Johnson greift die maritime Metapher auf, der sich der scheidende Premier Cameron bei seiner Rücktrittserklärung bedient hatte. "Ich denke nicht, dass ich der Kapitän sein sollte, der das Land zu diesem neuen Ziel steuert", so hatte es Cameron ausgedrückt. Johnson sagt nun, man dürfe nicht gegen den Strom der Geschichte kämpfen, sondern müsse vielmehr "weiter in Richtung Glück segeln".

Er prophezeit Großbritannien nach dem Brexit eine glänzende Zukunft: Die Wirtschaft werde "florieren", man werde starke Partnerschaften mit den großen Mächten der Welt eingehen, "allen voran mit den USA". Auch die Beziehungen zur EU würden sich schon regeln lassen, an einem freien Markt hätten schließlich beide Seiten Interesse.

Kehrtwende in letzter Minute

Dann lässt Johnson die Bombe platzen, mit der bis dahin, etwa fünf Minuten vor Ablauf der Bewerbungsfrist, niemand gerechnet hat: Er will nicht als Kapitän auf der Brücke stehen. Seine Rolle sei vielmehr, die nächste Regierung zu unterstützen und "die Agenda, an die ich glaube, zum Sieg zu führen". Im Saal macht sich Ernüchterung breit. Dann geht Johnson, Fragen sind nicht zugelassen.

Was ihn zu dieser Kehrtwende gebracht hat, darüber kann nur spekuliert werden. Dass er tatsächlich ganz für sich allein zu dem Schluss gekommen ist, als eindeutiger Brexit-Befürworter sei er jetzt nicht der richtige Mann für die Rolle des Premiers, ist kaum glaubwürdig. Mit solchen Skrupeln war Johnson als Machtpolitiker bislang eher nicht aufgefallen.

Auffällig ist aber, dass Johnson nur wenige Stunden zuvor einen seiner wichtigsten Unterstützer bei den Konservativen verloren hat. Justizminister Michael Gove sagte am Donnerstagmorgen, er sei zu dem Schluss gekommen, dass Johnson "die Führungsqualität für die kommenden Aufgaben" fehle. Daher werde er sich selbst für den Parteivorsitz und damit auch für den Posten des Premiers bewerben.

Bis zu diesem Moment war Johnson der Favorit für die Ämter des Vorsitzenden der Konservativen und des britischen Premiers. Jetzt, nach seiner Absage, heißt die Favoritin plötzlich Theresa May.

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