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Brettspiel: Wir sind das Volk!:Niemand wird gezwungen, eine Mauer zu bauen

Im Brettspiel "Wir sind das Volk!" von Peer Sylvester und Richard Sivél spielen zwei Spieler die Teilung Deutschlands nach.

(Foto: Histogame)

Sozialisten anlocken, Stasi einsetzen: Im Brettspiel "Wir sind das Volk!" wird die Teilung Deutschlands nachgespielt - mit offenem Ende.

Peer Sylvester ist Brettspieleentwickler. An seinem neuesten Spiel "Wir sind das Volk!" hat er sieben Jahre gearbeitet. Im Gespräch mit Süddeutsche.de erklärt er, welche Gewinnchancen die DDR hat und wie durchs Spielen politische Prozesse vermittelt werden sollen.

SZ.de: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, ein Brettspiel über die Teilung Deutschlands zu entwickeln?

Peer Sylvester: Ursprünglich wollte ich ein Spiel über Nord- und Südkorea machen. Zwei getrennte Staaten, die sich nebeneinander entwickeln und miteinander konkurrieren. Am Ende sollte man erkennen können, welches System das bessere ist. Leider gibt es zu wenig Material über Nordkorea. Da lag es nahe, die Geschichte Deutschlands zu verwenden.

Was ist das Ziel des Spiels?

"Wir sind das Volk!" ist ein Brettspiel für zwei Spieler: Einer spielt die BRD, der andere die DDR. Durch strategisches Ausspielen von Karten, die historische Ereignisse von 1945-1989 repräsentieren, versuchen beide, ihr Volk möglichst zufrieden zu machen und so den Nachbarn im direkten Vergleich auszustechen.

Das Spielbrett ist in BRD und DDR unterteilt. Die Spieler müssen versuchen, die Unruhen und Proteste in den Gebieten auf unterschiedliche Weisen zu unterbinden.

(Foto: Histogame)

Ein Kriegsspiel ohne Krieg?

Das ist eine treffende Beschreibung, denn Militär gibt es nicht. Es ist eine Simulation, bei der die Spieler die Wirtschaft ihres Landes zunächst wieder aufbauen müssen. Der Osten versucht das durch Sozialismus und bekommt automatisch Probleme mit Devisen. Seine Fabriken werden marode. Der Westen ist freier in der Gestaltung seines Wirtschaftswachstums. Wenn die Unzufriedenheit in einem Land zu groß wird, gibt es Unruhen und schließlich bricht das System zusammen. Das betrifft in erster Linie die DDR.

Hat der DDR-Spieler überhaupt eine realistische Chance, zu gewinnen?

Die Chancen sind für beide ziemlich gleich. Der Ost-Spieler gewinnt, wenn er es schafft, sein Volk vier Jahrzehnte bei Laune zu halten. Dies gelingt ihm, wenn er durch seine florierende Wirtschaft den Lebensstandard der Bevölkerung verbessert und Prestige im Ausland gewinnt. Wenn er es in vier Dekaden schafft, genünd Unruhen und Proteste zu verhindern, kommt es nicht zur Wiedervereinigung und die DDR gewinnt. Die BRD versucht, das zu verhindern.

Historische Ereignisse auf den Karten sollen die Geschichte widerspiegeln?

Der Bau und Fall der Berliner Mauer sind im Spiel optional. Die Karten liegen auf der Rückseite des Spielplans, der ein Foto der heutigen Berliner Mauer darstellt.

(Foto: Histogame)

Ich selbst bin Jahrgang 1974 und im Westen aufgewachsen. Während meiner Schulzeit war die Geschichte der DDR nie Thema. Natürlich war mir trotzdem bewusst, dass es da ein anderes Land gibt, das früher zu Deutschland gehörte. Als die Mauer fiel, war das dennoch ein unbeschreiblich emotionaler Moment. Wir haben lange für "Wir sind das Volk!" recherchiert und getestet. Am Ende haben wir folgende Kriterien für die Schlüsselereignisse festgelegt: Alle wichtige Ereiginisse sollten dabei sein. Die Karten sollten nicht nur politische und wirtschaftliche Wendepunkte, wie die Ausweisung Wolf Biermann und den Prager Frühling, wiederspiegeln, sondern auch kulturelle Einschnitte in das Leben der Deutschen zeigen, wie die ersten PCs und die Ost-Jeans.

Der DDR-Spieler hat die Option, das berühmte Versprechen "Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu bauen" im Gegensatz zu Walter Ulbricht wirklich einzuhalten?

Die Möglichkeit, die Mauer zu bauen, besteht das ganze Spiel über. Da die DDR konstant mit der Republikflucht zu kämpfen hatte, war es die einfachste Lösung, die Bürger einzusperren. Der Spieler kann natürlich versuchen, den Lebensstandard zu verbessern, seine Bevölkerung zu halten und sogar neue Sozialisten aus dem Westen anzulocken. Aber das ist sehr schwierig. Wenn man die Mauer im Spiel automatisch bauen müsste, könnte der Eindruck entstehen, die DDR hätte damals keine Wahl gehabt. Aber die hatte sie.

"Wir sind das Volk" ist keine Satire wie Martin Böttgers Brettspiel Bürokratopoly . Haben Sie Ihr Brettspiel als Lernspiel geplant?

In erster Linie soll es Spaß machen. Trotzdem haben wir versucht, Entscheidungen wie den Mauerbau und den Einsatz der Staatsgewalt nachvollziehbar zu machen. Die Spieler sollen merken, dass die Mauer nicht hätte gebaut werden müssen. Ähnlich verhält es sich mit der Staatssicherheit: Durch den Einsatz der Stasi können Unruhen relativ einfach beseitigt werden. Doch dieser Apparat kostet entsprechend. Ohne die Staatsgewalt hat der DDR-Spieler praktisch keine Chance, zu gewinnen. Wir wollen die Spieler zum Nachdenken bringen, ohne die Moralkeule zu schwingen. Nur so kann die DDR entglorifiziert werden.

Die Wiedervereinigung bleibt im Spiel aus?

Wir hatten diskutiert, ob die Wiedervereinigung noch zum Spiel gehört. Im Prinzip findet sie automatisch statt, wenn der DDR-Spieler verliert und Ost und West sich wiedervereinigen. Das geschieht oft in der vierten und letzten Dekade des Spiels. Sollte es der DDR gelingen, Unruhen und Proteste zu vermeiden, bleibt die Wiedervereinigung aus.

Das Brettspiel "Wir sind das Volk!" ist ab dem 15. Oktober bei dem Verlag Histogame erhältlich.