Brett Kavanaugh "Ich habe nie Bier bis zum Blackout getrunken"

Nicht die Vorwürfe der sexuellen Belästigung könnten Trumps Kandidaten für den Obersten Gerichtshof zum Verhängnis werden, sondern diese Aussage.

Von Thorsten Denkler, New York

Mitch McConnell wird keine weitere Verzögerung des Nominierungsverfahrens dulden. Daran lässt der Mehrheitsführer der Republikaner im US-Senat keinen Zweifel. Und am Montag hat er klargestellt, dass die Abstimmung über Richter Brett Kavanaugh noch in dieser Woche stattfinden soll. Wenn - aus Sicht der Republikaner - alles gut geht, dann wird Kavanaugh danach Richter auf Lebenszeit am Supreme Court sein, dem obersten Gericht der USA.

Wie die Abstimmung ausgeht, ist immer noch offen. Die Republikaner haben im Senat nur eine sehr knappe Mehrheit von 51 zu 49 Sitzen. Einen Ausreißer können sie sich gerade noch leisten. Auf republikanischer Seite aber gibt es mindestens drei mögliche Abweichler: Lisa Murkowski aus Alaska, ihre Kollegin Susan Collins aus Maine und Jeff Flake aus Arizona.

Einiges wird von der US-Bundespolizei abhängen, dem FBI. Es soll bis spätestens Ende der Woche seine Untersuchung der Vorwürfe gegen Kavanaugh abschließen. Der von US-Präsident Donald Trump für das Amt nominierte Kavanaugh soll sich in seinen Jugendjahren sexueller Übergriffe schuldig gemacht haben. Drei Frauen haben inzwischen öffentlich erklärt, von Kavanaugh mindestens sexuell belästigt worden zu sein. Erst als Senator Jeff Flake vergangenen Freitag erklärte, ohne FBI-Untersuchung könne er nicht für Kavanaugh stimmen, lenkte das Weiße Haus ein.

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Vergangenen Donnerstag hatte die Psychologie-Professorin Christine Blasey Ford vor dem Justizausschuss des Senates in einer bewegenden Anhörung ihr Vorwürfe gegen Kavanaugh wiederholt. Die hatte sie zuvor bereits in einem Brief an die demokratische Senatorin Dianne Feinstein erhoben: Kavanaugh habe sie zusammen mit einem Freund auf einer Haus-Party in betrunkenem Zustand auf ein Bett gezerrt und versucht, sie zu vergewaltigen. Sie sei sich "zu 100 Prozent" sicher, dass Kavanaugh einer der Beteiligten gewesen sei. Kavanaugh war zum fraglichen Zeitpunkt 17 Jahre alt, Ford erst 15.

Nach ihrer Anhörung haben selbst Kommentatoren des Trump überaus wohlgesonnenen Senders Fox News Ford eine hohe Glaubwürdigkeit bescheinigt. Gleichwohl mangelt es an Beweisen, die ihre Aussage stützen könnten. Nicht anders geht es Kavanaugh. Der bestreitet alles, hat aber nur einen Kalender aus der Zeit, der angeblich beweisen soll, dass er Besseres zu tun gehabt habe, als sich auf Partys zu betrinken.

Er räumt zwar ein, Bier getrunken zu haben. "Ich mag Bier, damals und heute", sagt er in seiner Anhörung. Auf Fragen aber, ob er mal einen Filmriss gehabt habe oder sich nach geselligen Abenden an Dinge nicht erinnern konnte, antwortete er unter Eid: "Ich habe nie Bier bis zu einem Blackout getrunken." Es ist dieser Satz, der Kavanaugh womöglich zum Verhängnis werden könnte.

Senator Jeff Flake, Republikaner und Trump-Gegner, hat sich am Wochenende im US-Sender CBS zumindest so weit festgelegt: Sollte das FBI herausfinden, dass Kavanaugh gelogen hat, dann sei für ihn der Nominierungsprozess beendet. Er hat offengelassen, ob sich das allein auf die mutmaßliche Tat selbst bezieht.

Hat Kavanaugh über seine Trinkgewohnheiten als Schüler gelogen?

Das FBI wird nämlich vermutlich kaum in der Lage sein, die angeblichen Übergriffe zu beweisen. Der Aussage von Kavanaugh aber, er habe nie einen Filmriss gehabt, haben inzwischen zahlreiche Zeugen vehement widersprochen. Sie beschreiben Kavanaugh in seinen Highschool- und College-Jahren als exzessiven Trinker. Sein damaliger Zimmernachbar Daniel Lawn sagt, er habe Kavanaugh mehrfach so sturzbetrunken erlebt, dass der keine Kontrolle mehr über sein Verhalten gehabt habe und sich später auch nicht mehr habe erinnern können. Ähnliches berichtet Kavanaughs damalige Mitschülerin Lynne Brookes.

Die Ärztin Liz Swisher, eine Kommilitonin von Kavanaugh am Yale College, erklärte auf CNN, sie kenne Kavanaugh aus jener Zeit als einen ausufernden Trinker, einen "sloppy drunk", jemanden, der immer aufgekratzter wird, je mehr Alkohol er trinkt. Sie habe ihn nie als aufdringlich Frauen gegenüber erlebt. Aber seine Selbstbeschreibung als eher zurückhaltendem Trinker, die "kaufe ich ihm nicht ab, das ist nicht der Brett, den ich damals kennengelernt habe".

Kavanaugh habe viel getrunken, gerne aus "Beer Bongs". Das sind spezielle Gefäße, über die sich jemand in kurzer Zeit viele Liter Bier einflössen kann. Swisher: "Er liebte Partys, er spielte Trinkspiele." Sie stellte aber auch klar: Das Problem sei nicht, dass er in seiner College-Zeit Bier getrunken habe. "Das Problem ist, dass er darüber lügt."

Die Frage ist allerdings, ob das FBI alle Aussagen von Kavanaugh untersucht. Trump hatte zwar erklärt, die Behörde dürfe alles tun, was sinnvoll erscheine, nur eben in der gesetzten Frist bis diesen Freitag. Es gibt aber Medienberichte, wonach das Weiße Haus die Untersuchung allein auf die Frage der sexuellen Übergriffe begrenzt habe - ein höchst ungewöhnlicher Schritt.

Die FBI-Ermittler hätten einiges zu tun, würden sie auch den Wahrheitsgehalt von Kavanaughs Anhörung untersuchen. Neben seiner weichgezeichneten Vergangenheit als ausufernder Trinker gibt es eine Reihe von Hinweisen auf weitere falsche oder irreführende Aussagen.

Er hat etwa gesagt, drei von Blasey Ford genannte Teilnehmer jener Party hätten mit ihren Aussagen Fords Angaben "widerlegt", dass es den sexuellen Übergriff gegeben habe. Davon kann keine Rede sein. Alle drei erklärten lediglich, sich nicht an die von Ford beschriebene Party erinnern zu können. Eine der drei erklärte, sie glaube dennoch, dass ihre Angaben stimmen.

Ein Klassenkamerad Kavanaughs aus dem College berichtet in einem Interview von aggressivem Verhalten des Richterkandidaten, nachdem dieser Alkohol getrunken habe. Der Vorfall soll sich Charles Ludington zufolge in einer Bar abseits der Yale-Universität zugetragen haben. Kavanaugh lieferte sich ein Wortgefecht mit einem Mann und warf diesem eine Bierflasche ins Gesicht. "Das passierte öfter, wenn man mit Brett im College aus war. Bier machte ihn aggressiv und kriegerisch", so Ludington.

In seinem Jahrbuch von 1983 beschreibt Kavanaugh sich - wie einige andere seiner Footballteam-Kameraden ebenso - als "Renate Alumnius". Der Begriff spielt auf eine Renate Schroeder an, die damals auf eine nahegelegene katholische Schule für Mädchen ging. Kavanaugh erklärte vor dem Senat, der Ausdruck sei der etwas unbeholfene Versuch gewesen, zu beschreiben, dass er und seine Team-Kollegen Schroeder mochten. Und dass sie eine von ihnen gewesen sei.

Seine Team-Kollegen erinnern sich heute anders: Sie hätten sich einen Spaß daraus gemacht, Renate Schroeder respektlos zu behandeln. "Renate Alumnius" sei eher als Geprahle über vermeintliche sexuelle Kontakte mit ihr zu verstehen, sagen Sean Hagan und drei weitere frühere Schulkameraden.

Kavanaughs Aussage vor dem Senat hält noch mehr Ungereimtheiten parat. Sie alle nähren Zweifel, ob Kavanaugh wirklich geeignet ist für das Amt, für das Donald Trump ihn vorgeschlagen hat. Einen Richter am höchsten Gericht der USA, der sich mit Halbwahrheiten durch ein Nominierungsverfahren wurschtelt, halten auch manche Republikaner nicht für erstrebenswert.

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