Süddeutsche Zeitung

Breitscheidplatz:Eine "virulente Situation von Wut, Schmerz und Enttäuschung"

Ein Jahr nach dem Anschlag auf dem Berliner Breitscheidplatz beklagen die Angehörigen, dass die Opfer anonym geblieben sind, während dem Attentäter weiter die ganze Aufmerksamkeit gilt.

Auf dem Berliner Breitscheidplatz verläuft ein goldener Riss. Er ist 14 Meter lang und zieht sich bis zu den Stufen der Gedächtniskirche, auf denen jetzt zwölf Namen stehen. Die Namen derjenigen, die starben, als ein Lkw durch den Weihnachtsmarkt pflügte, Menschen aus Israel, Italien, Tschechien, Polen, der Ukraine und Deutschland, 70 weitere wurden schwer verletzt. Der Riss soll für den Abgrund stehen, der sich hier vor einem Jahr hier auftat.

An diesem Dienstag wird das Mahnmal für die Opfer des Anschlags eingeweiht. Für manche Betroffene wird es dann das erste Mal sein, dass sie wieder über den Weihnachtsmarkt gehen. Viele von ihnen ertragen den Ort nicht, andere sind zu schwer verletzt, um zu kommen. Und allen Opfern ist gemeinsam, dass sich der Abgrund für sie längst nicht geschlossen hat.

Astrid Passin etwa, eine Berliner Grafikerin, die für die Gruppe der Opfer spricht. Sie hat bei dem Anschlag ihren Vater verloren, er wollte an dem Abend eigentlich ins Theater, bekam dann aber keine Karten mehr und ging auf den Weihnachtsmarkt. Passin, eine alleinerziehende Mutter, kann seither nicht mehr schlafen, ihre zehnjährige Tochter kommt jede Nacht zu ihr ins Bett. Und immer, wenn in den Nachrichten ein Anschlag gemeldet wird, wie kürzlich in New York, "ist man direkt wieder mittendrin", sagt Passin. "Der Tag hat 24 Stunden, aber wenn man nicht einmal schlafen kann, gibt es keinen Moment, in dem man nicht daran denkt."

Das liegt auch daran, dass immer neue Details ans Licht kommen, wie der Anschlag hätte verhindert werden können, wenn die Behörden den unzähligen Hinweisen auf den Attentäter nachgegangen wären. Passin sitzt oft im Untersuchungsausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses, der seit einem halben Jahr das Versagen der Sicherheitsbehörden aufarbeitet. Passin sagt, der Umgang mit Fehlern erinnere sie an die DDR, in der sie aufgewachsen ist. Dass Dinge nicht angesprochen oder vertuscht wurden. "Der Staat hat die Funktion des Beschützens, und dieses Vertrauen wurde eingerissen", sagt Passin.

Eine "virulente Situation von Wut, Schmerz und Enttäuschung" nennt Kurt Beck die Situation der Opfer ein Jahr danach. Der frühere Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz hat Betroffene, Angehörige, Standbesitzer und die Familie des ermordeten polnischen Lkw-Fahrers als Opferbeauftragter betreut. Die junge Frau, die beide Eltern verloren hat, den Vater, dessen Sohn gerade fertig mit seiner Ausbildung war, und dann ging er auf den Weihnachtsmarkt. Den jungen Mann, der "als Gesunder auf dem Breitscheidplatz war, und jetzt sitzt er den Rest des Lebens im Rollstuhl". Einen Mann Anfang vierzig, der noch immer in Rehabilitation ist, weil er außer seinen Augen nichts mehr bewegen kann.

Die juristische Aufarbeitung beginnt erst

Die Opfer verbinde, dass sie sich vom Staat nicht angemessen behandelt fühlten, sagt Beck, der vergangene Woche einen Bericht über seine Arbeit vorgelegt hat. Alleingelassen bei ihren Versuchen, Entschädigungen oder Hilfe zu erhalten, alleingelassen aber auch im Umgang mit der Trauer. Der Angriff habe allen gegolten, "unserem Leben, unserer Kultur", sagt Beck, "deshalb ist es die Gemeinschaft aller Bürger, die betroffen ist". Besonders von der Kanzlerin hätte er sich ein "deutlicheres öffentliches Zeichen" erwartet.

Die juristische Aufarbeitung beginnt erst. Der Berliner Opferanwalt Andreas Schulz sagt, 2018 werde das Jahr sein, von dem an "mit rechtlichen Maßnahmen gegen staatliche und nicht staatliche Akteure gerechnet werden kann". Schulz will Amtshaftungsansprüche gegen Bund und Land Berlin geltend machen, "Akteure in den Moscheen sowie Finanzdienstleister für Terrorfinanzierung" verklagen. Und er will Facebook "hinsichtlich der Bereitstellung von salafistischen Kommunikationsinhalten" in die Pflicht nehmen.

Schulz ist zuversichtlich, dass er damit Erfolg haben wird, denn er will einen direkten Zusammenhang zwischen dem Anschlag und der Kommunikation auf Facebook nachweisen können. Der marokkanische Geheimdienst habe ein Facebook-Profil von Anis Amri zur Verfügung gestellt, aus dem dies hervorgehe, sagt Schulz.

Astrid Passin, die Sprecherin der Opfer, will zumindest, dass die Erinnerung an den Anschlag im Sinne der Opfer ist. Bei Anschlägen und Amokläufen ist es oft so, dass die Opfer in der öffentlichen Wahrnehmung zu einer anonymen Masse zusammenschmelzen, während über den Täter zahlreiche Details bekannt werden. In den vergangenen Monaten fuhr Passin nach Nizza, wo im Juli 2016 bei einem Lkw-Anschlag 86 Menschen getötet worden waren. Sie recherchierte, wie in Frankreich der Opfer gedacht wurde: In dem Staatsakt kurz nach dem Anschlag auf den Pariser Club Bataclan etwa wurden alle Namen der Opfer verlesen.

Passin hat für die Gruppe der Opfer ein Logo gestaltet, ein Rautenkreuz aus verschiedenen Farben, das die Nationalitäten der Opfer darstellt, daneben stehen zwölf Namen: Łukasz Urban, Sebastian Berlin, Klaus Jacob, Dorit Krebs, Angelika Klösters, Dalia Elyakim, Fabrizia Di Lorenzo, Christoph Herrlich, Nada Čižmár, Peter Völker, Anna Bagratuni, Georgiy Bagratuni. Darüber hinaus, so regt Passin an, sollte man es wie in Norwegen halten, wo nach dem Anschlag von Utøya im offiziellen Untersuchungsbericht kein Name mehr genannt wird, sondern es nurmehr "der Täter" heißt. "Damit nicht immer nur der Attentäter abgebildet ist, dieser Mann mit seinen tausend Gesichtern und tausend Namen", sagt Passin. "Wir können ihn nicht mehr sehen."

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SZ vom 18.12.2017/dit
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