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Breitbart.com:Publizistische Offensive von rechts

Andrew Breitbart

Angetreten, um die "alte Garde der Medien" zu zerstören: Andrew Breitbart bei einer Pressekonferenz 2011.

(Foto: Kathy Willens/AP)

Pflegt den lauten Krawallton: Die Webseite breitbart.com trommelte für Trump, jetzt kommt sie nach Deutschland.

Im Februar 2012 ist Andrew Breitbart gerade dabei, eine Webseite umzubauen, die seinen Namen trägt. Aus einer reinen Sammlung aus Links will er ein redaktionelles Angebot formen. Doch er kommt nicht mehr dazu: Im selben Monat bricht der amerikanische Unternehmer auf einem Gehweg in Kalifornien zusammen und stirbt an Herzproblemen. Den Umbau seiner Seite breitbart.com übernehmen andere, allen voran Stephen Bannon, der nun Donald Trumps Chefstratege im Weißen Haus wird. Der ehemalige Marineoffizier und Investmentbanker formt die Seite zur Meinungsführerin in jenem Segment, dass die Amerikaner "alt-right" nennen, wörtlich: alternative Rechte. Es wird eine Publikation daraus, die zum Teil heftigen Widerspruch erregt, in der Verschwörungstheorien stehen, die aber zumeist professionell redigiert ist. Der Held dieser Szene heißt Donald Trump.

Breitbart.com unterstützt den Kandidaten durch alle Tiefen und Höhen des Wahlkampfes, auch als das Medium selbst betroffen ist. Im März 2016 zeigt Breitbart-Reporterin Michelle Fields den Wahlkampfmanager von Donald Trump, Corey Lewandowski, an, weil er sie geschlagen haben soll. Die Chefs von Breitbart stellen sich auf die Seite von Lewandowski. Fields verliert die Auseinandersetzung und ihren Arbeitsplatz. Nur Monate später verlässt auch Stephen Bannon Breitbart, allerdings nicht im Streit. Er will Trump direkt im Wahlkampf helfen, er wird dessen Wahlkampfmanager.

Breitbart pflegt den lauten Krawallton digitaler Start-ups einerseits, will aber andererseits im weitesten Sinn Journalismus betreiben. Verstöße gegen journalistische Gebote wie Distanz zum Objekt der Berichterstattung, umfassende Recherche, Trennung von Meinung und Nachricht sind allerdings Alltag bei der Webseite. Mit zweifelhaften Methoden gelingen ihr einige Scoops. Breitbart war die Webseite, auf der zum ersten Mal darüber berichtet wurde, dass Anthony Weiner, demokratischer Abgeordneter, ein Bild seines Geschlechtsteils an eine Studentin geschickt hatte. Weiners Eskapaden kosteten Hillary Clinton zweifellos Stimmen. Weiner ist der Ehemann von Clintons engster Helferin Huma Abedin, die sich allerdings von ihm getrennt hat.

Andrew Breitbart war einst angetreten, um die "alte Garde der Medien" zu zerstören, wie er öffentlich verkündete. Sein Ziel war es, den Erfolg der journalistisch umstrittenen, aber erfolgreichen Webseite Huffington Post zu wiederholen und sie zu überholen, und zwar von rechts. Sein Plan, wenn auch von anderen umgesetzt, zeigt Erfolg. Wer Gründung und Wachstum finanziert hat, ist bislang unklar. Einiges spricht dafür, dass Trump selbst das für ihn so hilfreiche Portal mit unterstützte. Im Alltagsgeschäft nimmt die Redaktion Geld durch Werbung auf der Webseite ein. Ein eigener Store verkauft T-Shirts mit Breitbart-Logo und Sprüchen, etwa in Anspielung auf Trumps Versprechen, Mexiko abzuschotten: "Mauerbau Konstruktionsfirma."

Breitbart hat mittlerweile Büros in London, Jerusalem und in verschiedenen amerikanischen Bundesstaaten. Einzelne Reporter, wie der schwule, schrille, hardcore-konservative Milo Yiannopoulos sind längst zu Stars der Alt-right-Szene aufgestiegen, Yiannopoulos auch deshalb, weil er wegen fortgesetzter Pöbeleien auf Twitter dort dauerhaft gesperrt wurde. Und nun möchte die Webseite nach Deutschland kommen.

In Deutschland gibt es weniger Risikokapital für journalistische Start-ups als in den USA

Zum möglichen Erfolg Breitbarts tragen mehrere Faktoren bei: Erstens sind die Online-Portale deutscher Zeitungen nach Meinung mancher Leser inhaltlich kaum voneinander zu unterscheiden. Ein dezidiert konservatives oder gar rechtskonservatives Portal aus einem großen Verlagshaus mit professioneller Redaktion gibt es nicht. Die Nachfrage nach Meinungen und Nachrichten innerhalb eines breiten konservativen Spektrums wird bislang von kleineren Anbietern ganz unterschiedlicher Natur und Ausrichtung bedient. Das beginnt am Rechtsaußen-Rand mit Pöbelseiten wie Politically Incorrect. Inhaltlich weit anspruchsvoller, aber technisch verzwickt sind Projekte wie das Weblog des Frauke-Petry-Beraters Michael Klonovsky. Dann gibt es laute, aber seriöse konservative Publikationen wie Tichys Einblick, ein Heft und eine Webseite des ehemaligen Chefredakteurs der Wirtschaftswoche, Roland Tichy. Weithin wahrgenommen und mitunter humororientiert ist der Autorenblog Achse des Guten. Irgendwo dazwischen sortiert sich das radikallibertäre Blatt eigentümlich frei ein, das allerdings online kaum wahrgenommen wird.

Alle diese unterschiedlichen Publikationen eint, dass sie deutsch sind - und dass sie somit deutsche Probleme haben. In Deutschland gibt es weit weniger Risikokapital für journalistische Start-ups als in den USA. Gerade konservative Milieus sind in Deutschland tendenziell der Auffassung, dass man mit Geld nicht wettet. Jedes Start-up ist aber eine Wette. Social-Media-Strategien fallen deutschen Konservativen, von denen sich manche in vornehmer Distinktion von Facebook ganz fern halten, deutlich schwerer als ihren amerikanischen Mitstreitern. Breitbart setzt nun an, das zu ändern.