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Brasiliens Staatschefin Rousseff:Knapper Sieg einer Technokratin

Brasiliens Staatschefin Dilma Rousseff konnte die Stichwahl knapp für sich entscheiden. Populär ist sie nach wie vor - doch ihr Modell erschöpft sich, für ihre Gegner steht sie für Stillstand und Korruption. In ihrer neuen Amtszeit wird sich Rousseff anstrengen müssen.

Von Peter Burghardt, Rio de Janeiro

Viel knapper hätte Brasiliens Präsidentschaftswahl nicht ausgehen können, so umkämpft war das höchste Amt der Republik seit der Rückkehr zur Demokratie 1985 nicht gewesen. Und viel länger hätte dieser Wahlmarathon auch nicht mehr dauern dürfen für Dilma Rousseff - der Titelverteidigerin schwanden sichtbar und hörbar die Kräfte. Doch es hat gerade noch gereicht für die umstrittene Amtsinhaberin und ihre Arbeiterpartei PT. Fast 54,5 Millionen Stimmen bekam sie, 51,64 Prozent.

Damit ist die ebenso resolute wie sperrige Frau Rousseff noch immer eine der populärsten Politikerinnen der Welt. Aber Brasiliens Regierung muss sich einer Sinnkrise stellen, denn 51 Millionen Protestwähler entschieden sich für den konservativen Rivalen Aécio Neves und wünschen sich eine politische Wende.

Nach wie vor sind die PT und ihre Verbündeten ein bisschen beliebter als ihre Gegner, dafür haben zu viele Menschen von ihnen profitiert. Seit dem ersten Sieg des früheren Gewerkschaftsführers Luiz Inácio Lula da Silva 2002 war es enorm aufwärts gegangen. Lateinamerikas einst verschlafener Riese fand Öl im Meeresboden, häufte statt Schulden Devisenberge an, baut Flugzeuge, bekam die Fußball-WM und Olympia. Die Basis dafür hatte durch die Einführung der relativ stabilen Währung Real zwar bereits der heutige Oppositionsmann Fernando Henrique Cardoso geschaffen, Lula und seine Erbin Rousseff indes schufen massenweise Jobs und hievten mit Sozialprogrammen viele Millionen Brasilianer aus der Misere in die Mittelschicht und Konsumgesellschaft.

Stillstand und Korruption

Deshalb werden die Staatschefin und ihr Vorgänger besonders im ärmlichen Nordosten verehrt, im wohlhabenderen Südosten mit der Metropole São Paulo dagegen gewann der Herausforderer Neves. Doch das Modell von Klientelismus, Zuschüssen und Kaufrausch hat sich erschöpft. Sündteure Fifa-Stadien und vielfach miserable Schulen, Krankenhäuser oder Busse trieben 2013 Hunderttausende Demonstranten auf die Straßen. Außerdem stieg die Inflation, das Wachstum stockt, und viele Kunden leben auf Kredit. Dazu kommen die Skandale um Stimmenkauf im Parlament und Schmiergeld des staatlichen Ölkonzerns Petrobras. So stehen diese Arbeiterpartei PT und das Gespann Lula/Dilma für ihre Gegner nach zwölf Jahren für Stillstand und Korruption. Selbst Sympathisanten werden ungeduldig, die Revolution frisst ihre Kinder.

Die Präsidentin wird sich anstrengen müssen, um die schlechte Laune zu verbessern und die gespaltene Nation zu einen. Brasilien hat nach wie vor gewaltige Möglichkeiten, muss sich jedoch dringend um Bildung und Gesundheit kümmern. Das Land braucht außerdem unbedingt die versprochene Politreform, bislang sind viele Abgeordnete fürstlich bezahlte und oft käufliche Stimmgeber; der Staatsapparat ist aufgeblasen. Brasilien muss seine Wirtschaft wieder in Schwung bringen und verhindern, dass wie im vergangenen Jahr mehr als 50.000 Bürger ermordet werden.

Linke Bewegung in Südamerika

Die mehr oder weniger linke Welle der Region hat auch in anderen Ländern eine mehr oder weniger rechte Gegenbewegung erzeugt, siehe Venezuela und Argentinien. Der obersten Brasilianerin fehlen Charisma und Volksnähe ihres Mentors Lula, aber die Technokratin Rousseff gilt als Kämpferin. Die ehemalige Guerillera überstand während der Militärdiktatur Gefängnis und Folter und in den vergangenen Jahren Krebs, Proteste sowie zwei Stichwahlen. Manche Anhänger träumen davon, dass 2018 nach ihr der dann 73-jährige Lula zurückkehrt. Es kann allerdings sein, dass die Ära PT langsam zu Ende geht.

© Süddeutsche.de/fran
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