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Brasilien:Positiv getestet, auch als Gegner

Der Gouverneur von Rio de Janeiro, Wilson Witzel, ist Corona-positiv.

(Foto: Mauro Pimentel/AFP)

Rio de Janeiros Gouverneur ist erkrankt und stärkster Konkurrent für Bolsonaro.

Von Christoph Gurk, Buenos Aires

Wilson Witzel ist jetzt Teil der Statistik. Per Videonachricht gab der Gouverneur des Bundesstaates Rio de Janeiro am Dienstag bekannt, dass er positiv auf das Coronavirus getestet wurde. Er ist damit einer von rund 25 000 offiziell mit Covid-19 erkrankten Patienten, die es in dem südamerikanischen Land gibt. Witzel ist also einer von vielen, gleichzeitig aber auch ein Sonderfall, schließlich war der rechtskonservative Politiker einst einer der engsten Verbündeten von Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro. Längst aber ist er zu dessen größtem Konkurrenten geworden und zu einem der schärfsten Widersacher in der Corona-Krise, die Bolsonaro im eigenen Land hat.

Brasilien war das erste Land in Lateinamerika, in dem das Virus auftrat. Heute hat es die meisten Infizierten der gesamten Region, allein zwischen Montag und Dienstag wurden 1832 neue Fälle registriert und 204 Menschen starben, so viele wie nie zuvor. Unter den Opfern sind auch Bewohner aus Favelas in Rio de Janeiro. Millionen Menschen leben hier dicht an dicht, Experten befürchten eine Katastrophe, sollte sich das Virus weiter in den Armenvierteln ausbreiten. Dazu kommt, dass in einigen Bundesstaaten schon jetzt die Betten in den Intensivstationen knapp werden, pessimistische Szenarien sagen einen Kollaps des Gesundheitssystems in den nächsten beiden Wochen voraus.

In Umfragen sackt der Präsident ab, der Corona ein "Grippchen" nennt

Während Länder wie Deutschland oder Frankreich darüber beraten, wann und wie soziale Isolationsmaßnahmen gelockert werden können, hat Brasiliens Präsident diese landesweit überhaupt noch nicht eingeführt. Im Gegenteil: Bolsonaro spielt das Virus als "Grippchen" herunter und ist gegen jedwede Isolationsmaßnahmen. Dies hat zu erbittertem Streit mit dem eigenen Gesundheitsminister geführt. Außerdem hat sich Bolsonaro auch mit nahezu allen Gouverneuren der Bundesstaaten überworfen. Sie haben auf eigene Faust Schutzmaßnahmen angeordnet, São Paulo und Rio de Janeiro stehen unter Quarantäne.

Während die Umfragewerte von Bolsonaro immer weiter in den Keller sacken, steigen die von Rios Gouverneur Wilson Witzel. Und während Jair Bolsonaro öffentlich immer wieder betont, stets negativ auf das Virus getestet worden zu sein, ohne aber Nachweise dafür zu liefern, geht Witzel nun mit seiner Erkrankung an die Öffentlichkeit. Dabei dürfte es ihm nicht nur um Aufklärung der Bevölkerung gehen, sondern auch um die Steigerung seiner Beliebtheitswerte. Schließlich will Witzel erklärtermaßen Bolsonaro ablösen und selbst Präsident Brasiliens werden.

So wie der aktuelle Präsident begann auch Witzel seine Karriere beim Militär. Später wurde er Bundesrichter, 2018 schloss er sich einer ultrakonservativen Partei an und gewann im Windschatten von Bolsonaro die Wahlen. Seitdem hat sich Witzel stets als Hardliner inszeniert. Vor allem den Drogenbanden, die weite Teile der Favelas in Rio kontrollieren, hat er den Kampf angesagt, nicht mit Sozialprogrammen, sondern mit Maschinengewehren und Kampfhubschraubern. "Auch Banditen haben Rechte", erklärte Witzel einmal: "Das Recht auf ein Begräbnis." Das Töten sieht er als normalen Teil der Polizeiarbeit. Dass dabei immer wieder auch Unschuldige umkommen, darunter auch Schulkinder, hält ihn nicht von seiner Strategie ab.

Gleichzeitig hat Witzel in der Vergangenheit aber immer wieder bewiesen, dass er seine Überzeugungen schnell ändern kann, wenn es opportun ist. Während Bolsonaro mit homophoben Kommentaren für Kritik sorgt, erwähnt Witzel gern mal seinen transsexuellen Sohn. Und nun, wo das Coronavirus in Brasilien nicht nur zum Gesundheitsproblem, sondern auch zur Glaubensfrage zwischen rechten Hardlinern und dem Rest der Bevölkerung geworden ist, nutzt Witzel die Gunst der Stunde und tritt in Opposition zum Präsidenten. Ihm gehe es gut, sagte der Gouverneur in seiner Videonachricht, "Gott sei Dank". Er könne arbeiten, halte sich aber an die Ratschläge der Mediziner, ebenso wie an die Quarantäneauflagen.

© SZ vom 16.04.2020

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