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Brasilien:Kahlschlag mit Folgen

Europäische Investoren streichen jetzt einen großen Lebensmittelkonzern und Fleischerzeuger aus ihrem Portfolio. Denn dieser habe die Verpflichtung auf "null Entwaldung" im Amazonas-Urawald-Gebiet nicht eingehalten.

Von Christoph Gurk, Buenos Aires

Einer der größten europäischen Investmentfonds hat den brasilianischen Fleischproduzenten JBS aus seinen Portfolios entfernt. Anna Cavazzini, Europa-Abgeordnete der Grünen und stellvertretende Vorsitzende der Brasilien-Delegation des Europäischen Parlaments, sagte, dies sei ein äußerst bedeutsamer Schritt. "JBS hat sich auf dem Papier zu null Entwaldung verpflichtet, kam seinen Verpflichtungen letztlich aber nicht nach. Diese Divestment-Entscheidung von Nordea ist ein deutliches Zeichen gegen die grassierende Entwaldung in Brasilien und Präsident Bolsonaros Politik."

Nordea Asset Management verwaltet einen Fonds von 230 Milliarden Euro und ist der Investitionsarm der größten Finanzdienstleistungsgruppe Nordeuropas. Schon letztes Jahr setzte Nordea nach der Krise der Brände im Amazonasgebiet den Kauf brasilianischer Staatsanleihen aus. Nach wiederholten Berichten über eine zumindest indirekte Beteiligung des Fleischkonzerns JBS an illegalen Rodungen im Amazonas, an deren Offenlegung zuletzt auch die Süddeutsche Zeitung beteiligt war, habe man die Firma nun aus allen Portfolios gestrichen, gab Nordea am Dienstag bekannt.

Rinder, die auf gerodeten Urwaldflächen geweidet haben, gelangen in die Lieferketten

JBS mit Hauptsitz in São Paulo ist der zweitgrößte Lebensmittelkonzern der Welt. Das Unternehmen verkauft Hühner-, Schweine- und vor allem Rindfleisch. Allein in Brasilien schlachtet JBS 35 000 Rinder pro Tag. Das Fleisch wird in die ganze Welt verkauft, darunter auch nach Deutschland. Allerdings wurde der Konzern in der Vergangenheit wegen eines riesigen Korruptionsnetzwerks zu einer Milliardenstrafe verurteilt. Und trotz Beteuerungen des Lebensmittelunternehmens, aktiv gegen illegale Abholzung vorzugehen, gibt es immer wieder Anzeichen, dass Rinder, die auf gerodeten Urwaldflächen geweidet haben, in die Lieferketten gelangen.

Die Vorwürfe kommen dabei zum Beispiel von Umweltschutzorganisationen wie Greenpeace, aber auch von Menschenrechtsgruppen wie Amnesty International. Sie beklagen Übergriffe auf indigene Gruppen.

Auch andere Investmentfonds haben in den vergangenen Wochen angekündigt, ihre Portfolios in Hinblick auf brasilianische Firmen und deren Verstrickung mit der Zerstörung des Amazonas überprüfen zu wollen. Drei Dutzend brasilianische und internationale Firmen haben sich dazu in einem Aufruf an die Regierung des Landes gewandt und einen größeren Schutz des Regenwaldes gefordert, unter ihnen auch Bayer und Siemens.

Viele Umweltschützer bezahlen ihren Einsatz für die Natur mit dem Leben

Immer mehr Umweltschützer bezahlen ihren Einsatz für die Natur, sauberes Wasser und die Landrechte indigener Gruppen mit dem Leben. Im vergangenen Jahr seien weltweit 212 Umweltaktivisten getötet worden, teilte die Nichtregierungsorganisation Global Witness am Mittwoch mit. Über zwei Drittel aller Fälle wurden demnach in Lateinamerika registriert, wobei mehr als die Hälfte der Morde auf die beiden Länder Philippinen und Kolumbien entfallen. Die Organisation geht davon aus, dass die tatsächliche Zahl der getöteten Umweltschützer noch deutlich höher liegt.

Hinter den Gewalttaten stecken meist Unternehmen, Bauern und teilweise auch staatliche Akteure sowie kriminelle Banden, paramilitärische Gruppen und Rebellen. "Landwirtschaft, Öl, Gas und Bergbau sorgen für die Gewalt gegen Umweltschützer - das sind genau die Industrien, die durch Abholzung und Emissionen auch den Klimawandel befeuern", sagte Rachel Cox von Global Witness.

© SZ vom 30.07.2020

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