bedeckt München 25°

Brasilien und die Pandemie:Und alles geht von vorne los

Bolsonaro names cardiologist as health minister to replace a General in Brasilia

Der Kardiologe Marcelo Queiroga ist neuer Gesundheitsminister Brasiliens.

(Foto: Ueslei Marcelino/Reuters)

Das Coronavirus wütet im Land so heftig wie nie zuvor. Nun soll ein neuer Gesundheitsminister die Lage in den Griff bekommen. Er ist schon der vierte seit Beginn der Pandemie.

Von Christoph Gurk, Buenos Aires

Es war keine leichte Suche, nun steht aber fest: Marcelo Queiroga wird neuer Gesundheitsminister Brasiliens. Der 55-jährige Arzt löst damit Eduardo Pazuello ab, einen General, der über keinerlei medizinische Ausbildung verfügt und wegen seines Krisenmanagements immer wieder in der Kritik stand.

Brasilien erlebt derzeit die bislang schlimmste Phase der Covid-19-Pandemie. Die Infektionszahlen liegen so hoch wie noch nie, letzte Woche starben erstmals mehr als 2000 Menschen an einem Tag an dem Virus. Die Krankenhäuser sind überlastet, es gibt in vielen Städten keine Betten mehr in den Intensivstationen.

Schuld an der Situation ist zum einen wohl die Verbreitung einer besonders aggressiven Variante des Coronavirus. Gleichzeitig aber stehen auch Präsident Jair Bolsonaro und seine Regierung immer stärker in der Kritik. Brasiliens Präsident hat seit Beginn der Pandemie die Gefahren durch das Virus verharmlost. Er stellte sich immer wieder öffentlich gegen Maskenpflicht und Isolationsmaßnahmen. Gleichzeitig propagierte er den Einsatz des umstrittenen Medikaments Chloroquin zur Bekämpfung des Erregers.

Diese Haltung führte zu Streit mit mehreren Gesundheitsministern. Den ersten entließ Präsident Bolsonaro im April letzten Jahres, der zweite legte nach nur einem Monat sein Amt nieder. Ihm folgte Eduardo Pazuello nach. Bei seiner Berufung Mitte Mai 2020 waren in Brasilien bereits 15 000 Menschen an dem Virus gestorben. Mittlerweile ist die Zahl auf etwa 280 000 Tote gestiegen.

Der Präsident stoppte den Versuch, Impfstoff in China zu kaufen

Pazuello machte dabei stets deutlich, dass er sich nur als Befehlsempfänger verstehe. "Es ist ganz einfach: Einer befiehlt, der andere folgt", sagte er im Oktober, nachdem Bolsonaro einen Versuch von ihm gestoppt hatte, Impfstoffe aus China zu kaufen. Tatsächlich hat Brasilien so auch erst vergleichsweise spät - Mitte Januar - mit der Massenimmunisierung gegen das Coronavirus begonnen. Es fehlt außerdem an Nachschub, teilweise müssen die Programme wegen des Mangels sogar pausieren.

Dazu gibt es in der brasilianischen Bevölkerung die Skepsis gegenüber den Impfungen, beflügelt von der Politik, allen voran durch Präsident Jair Bolsonaro. Er warnte in der Vergangenheit immer wieder öffentlich vor angeblichen Nebeneffekten und hat sich bis heute offiziell noch nicht impfen lassen.

Angesichts der stetig steigenden Infektions- und Todeszahlen haben einzelne brasilianische Bundesstaaten in den vergangenen Wochen Lockdowns verordnet, unter ihnen Sao Paulo mit der gleichnamigen Metropole. Gleichzeitig wächst der Druck auf die Regierung: Auf der einen Seite durch Proteste aus der Bevölkerung und der Wirtschaft, auf der anderen Seite aber auch durch die Opposition.

Vor allem die linke Arbeiterpartei hat neuen Rückenwind bekommen, nachdem ihr prominentestes Mitglied, Brasiliens Ex-Präsident Luiz Inácio Lula da Silva, nach einem Gerichtsurteil vor einigen Tagen wieder auf die politische Bühne zurückgekehrt ist.

Jair Bolsonaro will nun offensichtlich einen neuen Kurs einschlagen. Zuletzt zeigte er sich öffentlich mit Mundschutz, er lobte Impfungen. Und nun wechselt er auch noch den Gesundheitsminister aus. Die Suche nach einem Nachfolger war allerdings nicht ganz einfach. Eine erste Kandidatin, die Kardiologin Ludhmila Hajjar, lehnte ab, laut Medienberichten mit dem Hinweis, dass sie an die Wissenschaft glaube.

Am Montag gab Bolsonaro dann die Berufung von Marcelo Queiroga bekannt. Der Arzt ist Präsident der Vereinigung der Kardiologen in Brasilien. Er hat sich in der Vergangenheit in beschränktem Maß für Lockdowns ausgesprochen; gleichzeitig lehnt er den Einsatz des Malariamedikaments Chloroquin gegen das Coronavirus als unwirksam ab. Über den neuen Minister Queiroga sagte Jair Bolsonaro: "Er hat alles, was man braucht, um einen guten Job zu machen." Fest steht aber auch: Es wird kein leichter werden.

© SZ/kit
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB