bedeckt München 23°
vgwortpixel

Brasilien:Feuer frei in der Favela

Militärpolizisten patrouillieren in der Rocinha-Favela in Rio. Beim Kampf gegen Drogenbanden werden auch in dicht besiedelten Gebieten Maschinengewehre eingesetzt. Immer wieder sterben Unschuldige.

(Foto: Mauro Pimentel/AFP)

Erstmals seit Jahren fällt in Brasilien wieder die Mordrate. Die Regierung feiert das als Erfolg ihrer rigorosen Politik, doch der Preis ist hoch: Noch nie gab es so viel Gewalt durch Polizisten. Sogar Kinder werden Opfer.

Abgehacktes Rattern, dumpfes Knallen: Wie ein Maschinengewehr oder eine Pistole klingt, das wissen in Brasiliens Armenviertel meistens schon die Kleinkinder. Dann heißt es, sich verstecken, Deckung suchen hinter irgendeiner Ecke: Querschläger können jeden treffen, auch einen Kinderkörper. In den Favelas von Rio de Janeiro, São Paulo oder Manaus gehören Schüsse zur traurigen Realität; in keinem anderem Land der Welt sterben so viele Menschen durch Gewalt wie in Südamerikas größter Nation. Bislang jedenfalls. Denn erstmals seit Jahren fallen die Mordraten.

Laut einer Studie des brasilianischen Forschungsinstituts Forum öffentliche Sicherheit wurden im vorigen Jahr zwar immer noch über 57 000 Menschen in Brasilien umgebracht, also 157 Morde pro Tag und 6 pro Stunde, eine schwindelerregend hohe Zahl. Mit den nüchternen Augen der Statistik gesehen sanken die Tötungsdelikte jedoch. 27,5 Morde pro 100 000 Einwohner gab es 2018, damit fällt die Rate das erste Mal seit drei Jahren wieder. Rechnerisch gesehen ist es sogar der stärkste Rückgang seit über einem Jahrzehnt, und es gab elf Prozent weniger Tötungsdelikte im Vergleich mit 2017, dem schwärzesten Jahr in der ohnehin schon nicht gerade rosigen brasilianischen Kriminalstatistik.

Das Land versank im Strudel der Gewalt. Nur ein Bruchteil der Taten wird aufgeklärt

Für das südamerikanische Land ist das ein Hoffnungsschimmer. Zuvor war Brasilien immer tiefer in einer Spirale der Gewalt versunken. Hervorgerufen wurde sie vor allem durch Drogenkriminalität, es ging um Absatzgebiete und um die Kontrolle von Schmuggelrouten. 2016 brach zwischen den beiden größten brasilianischen Gangs ein offener Krieg aus. Die Mitglieder des Primeiro Comando da Capital aus São Paulo und des Comando Vermelho aus Rio de Janeiro massakrierten sich auf offener Straße genauso wie in Gefängniszellen. Dazu lieferten sie sich noch wahre Schlachten mit der Polizei. Oft kamen dabei auch Unschuldige ums Leben, das führte zu Angst und Unsicherheit in der Bevölkerung - und letztendlich auch dazu, dass 2018 ein ehemaliger Hauptmann der Fallschirmjäger ins Präsidentenamt gewählt wurde, der im Wahlkampf gerne mit Pistolen-Gesten posiert hatte und hartes Durchgreifen versprach. Jair Bolsonaro ist seit Januar 2019 im Amt, der Rückgang der Gewalt hat schon davor eingesetzt, dennoch zeigen erste Hochrechnungen, dass sich der Trend auch dieses Jahr fortsetzen wird, und das wiederum sei ein Beweis für die Wirksamkeit ihrer rigorosen Politik, sagt die aktuelle Regierung.

Zum einen ist da die Verlegung und Isolation von Drogenbossen in Haft. Es gebe einen klaren Zusammenhang zwischen Unordnung im Gefängnissystem und der allgemeinen Kriminalitätsrate, erklärte diese Woche Justizminister Sérgio Moro. Gleichzeitig hat die Polizei massiv aufgerüstet, nicht nur mit Waffen, sondern auch mit neuster Überwachungstechnik.

Experten bezweifeln aber, dass die Mordrate nur aufgrund des härteren Durchgreifens gesunken sei. Längst haben auch die Drogengangs gemerkt, dass die Gewalt geschäftsschädigend ist, und teilweise einen Waffenstillstand geschlossen. Wer in Brasilien mordet und warum, ist letzen Endes ohnehin schwer zu sagen: Nur ein Bruchteil der Taten wird aufgeklärt.

1500 Kinder bitten in einem Brief, auf Polizeieinsätze während der Schulzeit zu verzichten

Gleichzeitig hat der Rückgang der Mordrate auch eine Schattenseite: Denn während in Brasilien erstmals seit Jahren wieder weniger Menschen umgebracht werden, sind 2018 mehr als 6000 Menschen durch Polizeigewalt getötet worden, 20 Prozent mehr als noch im Vorjahr. Die Regierung von Jair Bolsonaro könnte diese Entwicklung noch befeuern. Im Wahlkampf hatte Brasiliens Präsident Übergriffe verharmlost, nun hat er für Ende des Jahres eine Amnestie für Beamte angekündigt, die an Tötungen beteiligt waren. Zudem soll das Strafrecht in Zukunft so geändert werden, dass Polizisten nicht belangt werden können, wenn sie im Dienst Unschuldige getötet haben.

Vor allem in den Armenvierteln der Millionenmetropole Rio de Janeiro ist die Situation außer Kontrolle geraten. Rund ein Viertel der Tötungen dort ging 2018 auf das Konto von Polizisten, mehr als 1500 Opfer gab es insgesamt im vergangenen Jahr, und allein in den ersten drei Monaten dieses Jahres starben schon 434 Menschen durch Beamte. Gleichzeitig nimmt die Zahl der im Dienst umgekommenen Beamten aber ab. Rios ultrakonservativer und evangelikaler Gouverneur Wilson Witzel fährt seit seinem Amtsantritt im Januar eine Offensive gegen Bandenkriminalität und Drogenhandel. Er kam zusammen mit Präsident Bolsonaro an die Macht und setzt bei der Verbrechensbekämpfung auf Angriffe aus Hubschraubern und auch auf Scharfschützen, die aus sicherer Entfernung auf Verdächtige schießen. Menschenrechtsorganisationen verurteilen die Strategie scharf und sprechen von außergerichtlichen Hinrichtungen, Witzel selbst beschrieb das Vorgehen öffentlich so: "Der Polizist schaut sich das Köpfchen an und: Feuer."

Oft werden auch Unbeteiligte bei den Einsätzen zu Opfern, darunter auch immer wieder Kinder. Anfang August starben in einer Woche sechs Minderjährige in Rio bei Schießereien. 1500 Kinder aus der Maré Favela schickten daraufhin Briefe an die Justizbehörde und baten darum, die Einsätze der Polizei zumindest während der Schulzeit einzuschränken. Rios Gouverneur Witzel reagierte auf die Bitte mit einer Absage: Er werde den Kampf gegen die "Drogenterroristen" nicht stoppen.