Brasilien:Die Intrige, die gescheiterte Rückkehr, der Showdown

Dritter Akt - Die Intrige

Die Stimme Eduardo Cunhas klingt metallisch, die Telefonverbindung ist schlecht. Doch die Botschaft, die er in einem TV-Interview im Herbst 2014 an die Regierung sendet, ist unmissverständlich. Seine Partei, der PMDB, werde nicht mehr der "automatische Verbündete" der Regierung sein, kündigt er an. Und Cunha, neben Temer der zweite starke Mann in der Partei, wird in den folgenden Monaten ernst machen. Offiziell geht der PMDB zwar erneut eine Koalition mit der wiedergewählten Präsidentin ein, Temer wird wieder ihr Stellvertreter. Inoffiziell aber tut Cunha, inzwischen mit dem mächtigen Amt des Parlamentspräsidenten versehen, alles, um die Regierungsarbeit zu unterlaufen. Ärgerlich ist für ihn: Bis heute gibt es keine plausiblen Hinweise auf Verstrickungen Rousseffs in den Petrobras-Skandal. Daher konstruiert Cunha einen anderen Vorwurf: Rousseff soll im Staatshaushalt Zahlen geschönt haben, um ihre Wiederwahl zu erreichen. Nach Ansicht vieler Juristen reicht das zwar kaum aus für eine Amtsenthebung. Cunha eröffnet das Verfahren im Dezember 2015 trotzdem, sein Amt befähigt ihn dazu. Allerdings: Die erforderliche Zwei-Drittel-Mehrheit im Parlament ist nicht zu erreichen, solange der PMDB offiziell an der Seite Rousseffs steht. Die PMDB-Strategen Cunha und Temer treffen sich zu Gesprächen.

Vierter Akt - Die gescheiterte Rückkehr

Im Morgengrauen des 4. März 2016 halten Streifenwagen vor einem Anwesen vor den Toren São Paulos, schwer bewaffnete Polizisten steigen aus. Sie verhaften den Hausherrn: Es ist der frühere Präsident Lula da Silva. Medienwirksam wird er zum Verhör gebracht, wenige Stunden später ist er wieder frei. Der Vorwurf gegen den Expräsidenten lautet auf Vermögensverschleierung und Geldwäsche - und er wird einen Plan vereiteln, mit dem Rousseff ihre Regierung stabilisieren will. Schon zuvor hatte Lula mit einem politischen Comeback geliebäugelt, Mitte März 2016 will ihn die Präsidentin zu ihrem Kabinettschef machen. Der Altmeister, beliebt und berühmt für sein Verhandlungsgeschick, soll die Koalition zusammenhalten und das Volk gewogener machen. Doch der Plan scheitert an den Korruptionsvorwürfen gegen Lula, die bis heute nicht bewiesen sind. Cunha und weitere Oppositionelle verbreiten ihre Version, nach der Lula nur das Ministeramt wolle, um einer Verurteilung zu entgehen. Der Richter Sergio Moro lässt Lulas Telefon abhören und veröffentlicht den Mitschnitt eines Gesprächsprotokolls zwischen Rousseff und Lula, der diesen Plan zweifelsfrei belegen soll - es aber nicht tut.

Fünfter Akt - Der Showdown

Der 11. April ist der Tag, an dem die Intrige offensichtlich wird. Auf dem Tonband klingt Michel Temers Stimme gelassen, ruhig, staatsmännisch. Er hält, wie er selbst sagt, seine "erste Rede an die Nation". Er gibt sich wie der Präsident, der er noch gar nicht ist. Er sei bereit, die gravierenden Probleme anzugehen, die Brasilien heute plagten - wenn der Senat nun bald die Absetzung Rousseffs endlich beschlossen habe. Die Tonbandaufnahme dokumentiert ein Politikertraining: Temer übt für den Moment, in dem er Rousseff die Schärpe abnimmt. Dieser Moment rückt näher. Tage zuvor hat seine Partei den endgültigen Koalitionsbruch verkündet. Ob das Tonband mit der Übungs-Antrittsrede geleakt wurde oder ob Temer die Veröffentlichung lancierte, steht nicht fest. Spätestens seit die Brasilianer dem Training ihres künftigen Staatschefs in Radio und Internet lauschen durften, ist aber jedem klar: Temer - und auch Cunha - geht es nicht um die angeblichen Haushaltstricksereien Rousseffs. Sondern um den Griff nach der Macht.

Fortsetzung folgt, oder wie es auf Portugiesisch heißt: Continua.

© SZ.de/ghe
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