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Brasilien:Der Warner muss gehen

Präsident Jair Bolsonaro feuert den Gesundheitsminister. Nicht nur, weil der strenge Maßnahmen gegen Corona für wichtig hält. Es geht auch um Macht und Eitelkeit.

Von Christoph Gurk, Buenos Aires

Mitten in der Coronakrise hat Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro seinen Gesundheitsminister entlassen. Die Trennung sei "einvernehmlich" gewesen, sagte Bolsonaro am Donnerstagnachmittag. Der Entscheidung war allerdings ein wochenlanger Machtkampf zwischen dem rechtsradikalen Staatschef und dem in der Bevölkerung beliebten Minister vorausgegangen. In vielen brasilianischen Großstädten schlugen die Menschen auf Töpfe und Pfannen, um gegen die Entlassung zu demonstrieren. In einer Pressekonferenz dankte Mandetta seinen Mitarbeitern: Sie hätten gute Arbeit abgeliefert, sagte er. "Aber wir stehen gerade erst am Anfang eines langen Kampfes."

Immer schneller steigt in Brasilien die Zahl der mit dem Coronavirus infizierten Patienten. Fast zeitgleich mit der Entlassung des Ministers überstieg sie die Marke von 30 000. Bei einer Einwohnerzahl von mehr als 200 Millionen ist das noch vergleichsweise gering, doch in einigen Bundesstaaten werden die Betten in Intensivstationen schon knapp, und Experten sagen den Höhepunkt des Ausbruchs erst für Mitte Mai voraus.

Als Gesundheitsminister hatte Luiz Henrique Mandetta bereits früh vor den Gefahren des Virus gewarnt und Isolationsmaßnahmen empfohlen. Sein Handeln, sagte der ausgebildete Arzt, folge stets der Wissenschaft. Dies führte immer öfter zu Problemen mit Brasiliens Präsident. Bolsonaro hatte schon bei anderen Gelegenheiten Studien und Empfehlungen von Forschern angezweifelt, beispielsweise im Zusammenhang mit den Folgen der fortschreitenden Abholzung im Amazonas. Bolsonaro bezeichnet die Lungenkrankheit als ein "Grippchen". Er ist trotz mangelnder Studienergebnisse für den Einsatz des umstrittenen Medikaments Chloroquin und dagegen, Schulen und Geschäfte zu schließen. Von seinen Anhängern wird der Präsident dafür gefeiert, gleichzeitig aber sinken seine Popularitätswerte. Nur ein Drittel der Brasilianer ist laut einer Umfrage noch mit dem Präsidenten zufrieden, derweil befanden mehr als drei Viertel der Befragten Mandettas Arbeit für gut.

Bei der Entlassung des Ministers ging es aber nicht nur um Eitelkeiten. In der Personalie spiegelt sich auch ein Machtkampf wider, bei dem der gemäßigte Flügel der brasilianischen Rechten auf der einen Seite steht, auf der anderen aber radikale Kräfte, zu denen auch Bolsonaro, seine Söhne und mehrere Minister gehören. Bereits vergangene Woche war der Machtkampf eskaliert, kurz hatte es so ausgesehen, als müsse Mandetta seinen Posten räumen. Dann schaltete sich das Militär ein, einer der wichtigsten Machtgaranten Bolsonaros. Mandetta durfte bleiben. Doch dann griff der Minister in einem TV-Interview direkt die Regierung an. Dies missfiel den Generälen, Mandetta verlor ihren Rückhalt, und am Ende gewann Bolsonaro den Machtkampf so für sich.

Nachfolger im Ministerium wird Nelson Teich. Auch er ist ausgebildeter Arzt, dazu noch Unternehmer. Wirtschaft und Menschenleben stünden in keiner Konkurrenz zueinander, erklärte der neue Minister. Er wolle zunächst keine abrupten Änderungen beim Kampf gegen den Coronavirus in Brasilien durchführen. Gleichzeitig betonte er aber, dass er und der Präsident bezüglich des Kampfes gegen das Coronavirus auf der gleichen Linie lägen.

© SZ vom 18.04.2020

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