Russische SabotageIm Paketbomben-Fall führt eine Spur in ein Berliner Hotel

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Löscharbeiten am Flughafen Leipzig: Im Juli 2024 hatte sich hier ein Paket entzündet.
Löscharbeiten am Flughafen Leipzig: Im Juli 2024 hatte sich hier ein Paket entzündet. NDR/WDR/SZ
  • Im Juli 2024 explodierten drei Pakete für europäische Frachtflüge in Leipzig, Birmingham und bei Warschau, hinter denen Ermittler russische Sabotage vermuten.
  • Eine Hausdurchsuchung in einem Berliner Hotel ergab neue Hinweise auf ein verdächtiges Paket und mögliche Verbindungen zu dem Sabotage-Netzwerk.
  • Litauische und polnische Ermittler haben rund 20 Verdächtige ausgemacht und sehen hinter den Sabotageakten ein Netzwerk russischer Geheimdienste.
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Im Juli 2024 explodierten drei Pakete, die für europäische Frachtflüge vorgesehen waren. Nun werfen Ermittlungen in Deutschland die Frage auf, ob weitere Anschläge geplant waren.

Von Manuel Bewarder, Laura Weigele und Lina Verschwele

Die Xantener Straße in Berlin schafft es nur selten in die Nachrichten. Gleich um die Ecke liegt der Kurfürstendamm, die historische Flaniermeile läuft der ruhigen Nebenstraße in aller Regel den Rang ab. Auch von einer Hausdurchsuchung dort erfuhr die Öffentlichkeit im vergangenen Sommer erst einmal nichts. Dabei ging es um Ermittlungen, die inzwischen mehr als zehn Länder beschäftigen.

Die Hausdurchsuchung in Berlin verbindet den sogenannten DHL-Fall nun einmal mehr mit Deutschland. Ein Jahr zuvor, im Juli 2024, waren innerhalb von drei Tagen Luftfracht-Pakete in Leipzig, Birmingham und in der Nähe von Warschau in Flammen aufgegangen. Nur durch Glück hatte sich keine der Sendungen an Bord eines Frachtflugzeugs entzündet. Wenig später vermuteten deutsche Ermittler hinter den Brandpaketen russische Sabotage. Die Süddeutsche Zeitung, NDR und WDR hatten im April ausführlich über diesen und weitere Sabotagefälle berichtet.

Hinter den Sabotageakten vermuten Ermittler ein Netzwerk, das bis in russische Geheimdienste reicht

Nach Informationen des Rechercheteams gab es im vergangenen Sommer dann neue Hinweise, dass ein verdächtiges Paket mit unbekanntem Inhalt an eine Adresse in der Xantener Straße in Berlin geschickt wurde. Polizisten durchsuchten dort ein ehemaliges Hotel. Der Paket-Empfänger soll womöglich Kontakt zu zentralen Figuren des Sabotage-Netzwerks gehabt haben. Die Ermittler befragten ihn ausführlich, noch ist seine Rolle offenbar unklar.

Ermittler gehen davon aus, dass im DHL-Fall sogenannte Wegwerfagenten die Sendungen präpariert und abgeschickt haben. Der Begriff hat sich für Personen etabliert, die ohne Ausbildung spionieren und sabotieren. Die Saboteure erhalten ihre Anweisungen dabei per Messenger, häufig von Unbekannten. Jeder Auftragnehmer übernimmt nur einen kleinen Schritt. Seit dem Beginn der russischen Invasion in der Ukraine häufen sich solche Sabotageakte, hinter denen europäische Ermittler russische Geheimdienste vermuten.

Bereits im Februar hatten Beamte die Wohnung eines Mannes in Magdeburg durchsucht. Der Ukrainer sagte dem Rechercheteam von SZ, NDR und WDR, Grund dafür seien wohl Nachrichten, die er wegen angeblich in der Post verloren gegangener Pakete geschrieben hatte. Er habe diese Nachrichten an einen Litauer gesendet, an Aleksandr S. Der schickte etwa zur selben Zeit jene Pakete ab, die sich später explosionsartig entzündeten. Überwachungskameras filmten ihn am DHL-Schalter in Vilnius, Aleksandr S. wurde in Litauen verhaftet.

In Litauen gab es ein erstes Urteil, in Polen wurde Anklage erhoben

Eine weitere Spur nach Deutschland führte zu einem mutmaßlichen Komplizen von S. Er steht im Verdacht, Drohnenteile mit Halterungen für Sprengstoff nach Düsseldorf transportiert zu haben. Er sitzt in Polen in Untersuchungshaft. Litauische und polnische Ermittler betrachten den DHL-Plot inzwischen als Tat eines Netzwerks, das noch weitere Sabotageakte koordinierte. An seiner Spitze vermuten sie einen kleinen Kreis aus Mitarbeitern russischer Geheimdienste. Insgesamt haben sie rund 20 Verdächtige ausgemacht.

Ende November gab es in Vilnius nun auch ein erstes Urteil. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass der Ukrainer Daniil B. im Mai 2024 den Brand in einer litauischen Ikea-Filiale legte. Danach sei der damals 17-Jährige nach Polen gereist und habe dort das Marywilska-Einkaufszentrum bei Warschau fotografiert. Kurz danach ging auch dieses in Flammen auf. Zwar wurde niemand verletzt, doch das Feuer zerstörte mehr als 1400 kleine Geschäfte. Daniil B. erhielt eine Haftstrafe von drei Jahren und vier Monaten. Sein Auftraggeber soll jeweils Jaroslaw M. gewesen sein, ein russischer Staatsbürger.

M. spielte nach Angaben der Warschauer Staatsanwaltschaft auch im DHL-Plot eine wichtige Rolle. Sie ließ ihn per internationalem Haftbefehl suchen und fand ihn in Aserbaidschan. Aktuell werde ein Auslieferungsersuchen dort „bearbeitet“. Die polnische Staatsanwaltschaft hat M. in Abwesenheit angeklagt. Der Washington Post zufolge ringen auch russische Beamte um seine Überstellung ins eigene Land. Dort wäre M. wohl vor einer Verurteilung sicher.

Mindestens fünf weitere Männer erwarten womöglich lebenslange Haftstrafen. Polnische Beamte nahmen sie als Verdächtige im DHL-Fall fest. Die Warschauer Staatsanwaltschaft wertet die mutmaßlichen Sabotageakte als Terrorismus. Ihre Ermittlungen sollen bald abgeschlossen sein.

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ExklusivRussische Sabotage
:Brandgefährlich

Sie sind leicht zu finden, billig – und entbehrlich, wenn sie auffliegen: Russlands sogenannte Wegwerfagenten verunsichern den Westen. Mit Paketbomben in DHL-Flugzeugen hätten sie beinahe eine Katastrophe verursacht. Eine Recherche von SZ, NDR und WDR beleuchtet das Sabotagesystem des Kreml aus Drahtziehern, Mittelsmännern und Handlangern.

SZ PlusVon Sebastian Erb, Jörg Schmitt, Lina Verschwele und Ralf Wiegand

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