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Brandanschläge auf Autos in Berlin:Porsche oder Passat - Hauptsache, es brennt

35 Autos in drei Tagen - noch nie sind in Berlin in so kurzer Zeit so viele Pkw in Flammen aufgegangen. Die Gewalt betrifft inzwischen auch brave Familienkutschen in biederen Stadtvierteln. Was tut die Politik? Während SPD und Grüne es im Wahlkampf mit Appellen versuchen, startet die CDU eine Kampagne - und setzt eine Belohnung für die Ergreifung der Täter aus.

Thorsten Denkler, Berlin

Es ist vermutlich recht einfach, ein Auto anzuzünden. Ein Zünder und ein unbeobachteter Moment in tiefer Nacht dürften reichen. Wenige Minuten später brennt das Fahrzeug. Stunden später bleibt davon nur noch ein Haufen verkokeltes Altmetall übrig.

In Berlin ist das Problem mit den Bränden eskaliert. Nach einer Hochphase 2009 mit 221 abgefackelten Autos sank die Zahl 2010 auf 54.

Jetzt aber melden sich die Feuerteufel zurück: Seit Jahresbeginn sind 135 Autos angezündet worden. Die Bilanz allein dieser Woche: Elf Autos brannten in der Nacht zum Dienstag, 15 in der Nacht zum Mittwoch, neun in der Nacht zum Donnerstag.

Bundeskanzlerin Angela Merkel warnte vor einer Ausweitung der Gewalt: Zwar seien deutsche Städte von Krawallen wie jüngst in Großbritannien weit entfernt. Doch es sei gefährlich, wenn die Täter nicht nur Autos, sondern auch Kinderwagen in den Fluren von Mietshäusern in Brand setzten.

Bisher waren die Brandanschläge auf Autos im Wesentlichen auf den Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg begrenzt. Ziel waren meist hochwertige Karossen namhafter Hersteller. Mehrere Bekennerschreiben machten anfangs offenkundig, dass linke Extremisten sich mit den Zündeleien gegen die sogenannte "Gentrifizierung" des Stadtteils zur Wehr setzen wollten. Sie befürchteten, dass mit jeder Haussanierung die Mieten steigen und sich irgendwann nur noch gut betuchte Bürger ein Leben dort würden leisten können.

Bekennerschreiben aber gibt es längst nicht mehr. Die Autos gehen vermehrt auch in eher braven Stadtteilen wie Charlottenburg-Wilmersdorf in Flammen auf. 32 Pkw wurden hier seit Jahresbegin abgefackelt. Oft auch gebrauchte Familienkutschen. Laut Polizei hatten 80 Prozent der Autos einen Wert von weniger als 30.000 Euro. Politische Absichten lassen sich da kaum noch vermuten. Ob Audi oder Opel: Die Brandstifter scheinen abzufackeln, was ihnen gerade in den Weg kommt.

Die Polizei geht von vielen Nachahmungstätern aus. Kriminalforscher wie Christian Pfeiffer aus Hannover haben dafür eine denkbar einfache Erklärung: Es erzeuge bei den Tätern offenbar eine Art "Powergefühl", ein Auto hochgehen zu lassen. Dazu kommt: Die Tat ist extrem leicht zu begehen, der Effekt gewaltig und die Chance, erwischt zu werden, geht gegen Null.

Polizeisprecher Frank Millert umreißt das Problem sehr plastisch: In Berlin gebe es 1,2 Millionen zugelassene Fahrzeuge und mehrere tausend Kilometer Straße. Für die Brandstifter bedeute das: "Tatgelegenheiten ohne Ende."

Berlins SPD-Innensenator Erhard Körting musste jetzt eingestehen, dass die Polizei noch immer so gut wie nichts über die Täter wisse. Vermutet werde lediglich, dass bei der jüngsten Anschlagsserie neben Nachahmern auch Versicherungsbetrüger am Werk waren. Einen Hinweis auf Täter aus der linksextremen Szene oder auf Terroristen gebe es nicht.

Klaus Wowereit, wahlkämpfender Regierender Bürgermeister mit deutlichem Vorsprung in den Umfragen, appellierte an "alle Berlinerinnen und Berliner, verdächtige Beobachtungen umgehend der Polizei zu melden." Mehr fällt dem SPD-Politiker dazu offenbar auch nicht mehr ein.

Tatenlosigkeit indes lässt sich der Polizei kaum vorwerfen: Jede Nacht durchstreifen 100 bis 160 Beamte in Zivil und Uniform die vermuteten Schwerpunktgegenden. Seit Jahren arbeitet - relativ erfolglos - eine Sonderermittlungsgruppe des Landeskriminalamtes mit 130 Beamten an der Aufklärung. Körting hat die Gruppe jetzt um 30 weitere Beamte verstärkt.

Auch dem rot-roten Senat weniger wohlgesonnenen Menschen dürfte klar sein, dass nicht jedes Auto von einem Polizisten bewacht werden kann. Ein gutes Dutzend Festnahmen hat es zwar gegeben. Die meisten aber endeten mit Freisprüchen. Eine Haftstrafe wurde verhängt - auf Bewährung. 5000 Euro Belohnung hat die Polizei ausgesetzt.

Da fällt es selbst den Oppositionsparteien schwer, das Thema für den Wahlkampf zu nutzen. CDU-Spitzenkandidat Frank Henkel, in Wahlumfragen abgeschlagen, versucht es mit angeblichen Versäumnissen im Kampf gegen linksextreme Gewalt, die er dem rot-roten Senat vorwirft: "Wie lange wollen Wowereit und Körting diesen Sittenverfall noch tolerieren? Die Angriffe auf unbescholtene Bürger dürfen vom Senat nicht länger tatenlos hingenommen werden."

Der Senat müsse endlich eingestehen, dass er die Berliner Polizei "kaputtgespart hat und nicht mehr in der Lage ist, die Bürger angemessen vor der Bedrohung zu schützen", sagte Henkel. Die "polizeilichen und nachrichtendienstlichen Mittel gegen die militante Linke" müssten ausgeweitet werden.

Seine Partei will 100 Großplakate mit brennenden Autos darauf aufstellen. Der CDU-Kreisverband Charlottenburg-Wilmersdorf hat die Belohnung der Polizei aus eigener Tasche nochmal um 2000 Euro erhöht.

Die Grünen liegen derzeit in Umfragen mit der CDU auf einer Höhe. Ihre Spitzenkandidatin Renate Künast fordert, alle Spitzenkandidaten sollten in einer "gemeinsamen Aktion darauf hinwirken, Brandanschläge gesellschaftlich zu ächten".

FDP-Frontmann Christoph Meyer - bei derzeit vier Prozent kämpft er um den Einzug in den Senat - wird da wohl nicht mitmachen. Er befürchtet eine "neue Gewaltdimension" und wirft den Grünen vor, die Gewalt zu verharmlosen. Teile der Partei hätten Sympathie für die Ziele der Extremisten. Sein Urteil: Der Senat und die Polizei würden das Problem nicht in den Griff bekommen. Mit letzterem hat Meyer wohl vollkommen Recht. Nur: Ein Rezept dagegen hat auch er nicht parat.

© sueddeutsche.de/mikö

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