Tod eines Studenten Bosnien ist in Aufruhr

Davor Dragičević (2. von links) initiierte nach dem Tod seines Sohnes David die Protestbewegung.

(Foto: AP)
  • Seit dem Tod eines Studenten vor acht Monaten protestieren immer mehr Bosnier gegen die Regierung.
  • Die Bewegung "Gerechtigkeit für David" eint verschiedene Ethnien und wird so zu einer Bedrohung für die regierenden Nationalisten.
  • Die EU sieht in den Ereignissen ein "alarmierendes Signal für den Zustand der Rechtsstaatlichkeit".
Von Peter Münch, Wien

In der bosnischen Serbenrepublik fordert ein trauernder Vater die Mächtigen heraus: Um den von den Behörden vertuschten gewaltsamen Tod seines Sohnes aufzuklären, hat Davor Dragičević in Banja Luka eine Protestbewegung initiiert, die seit acht Monaten täglich auf die Straße geht. Dies bringt auch die Regierung um den Nationalisten Milorad Dodik in Bedrängnis, weil sich der Zorn der Bürger über den Mordfall hinaus auch gegen Korruption und Machtmissbrauch richtet. Als Dragičević nun unter dem Vorwurf, die öffentliche Sicherheit zu gefährden, festgenommen wurde, kam es sogleich zu wütenden Demonstrationen. Nach einem Tag kam er wieder frei - und stand sogleich an der Spitze eines neuen Protestzugs.

Ausgelöst wurde die Bewegung, die unter dem Motto "Gerechtigkeit für David" auf Facebook fast 300 000 Menschen vereint, durch den Tod des 21-jährigen Studenten David Dragičević. Sein Vater Davor, ein Kellner und Kriegsveteran, hatte ihn am 18. März als vermisst gemeldet. Sechs Tage später wurde Davids Leiche in einem Abwasserkanal gefunden. Die Polizei sprach von einem Unfall und konstruierte die Geschichte, dass David unter Drogeneinfluss einen Einbruch verübt habe und auf der Flucht in den Kanal gestürzt sei. Der 49-jährige Vater entdeckte an der Leiche jedoch zahlreiche Wunden, die auf Folterungen schließen ließen. Er stellte Nachforschungen inklusive einer Obduktion an, die klar auf Mord hindeuteten. Für ihn ist David Opfer eines Komplotts, in das Kriminelle, Polizisten und Politiker verstrickt sind.

Für viele Menschen wirft dieser Fall ein Schlaglicht auf die Zustände in der Republika Srpska und in ganz Bosnien, wo die Macht oft mit purer Willkür ausgeübt wird. Auch die EU warnt nun, dass die "Ereignisse in Banja Luka ein alarmierendes Signal für den Zustand der Rechtsstaatlichkeit in Bosnien-Herzegowina" seien. Der Protest dagegen weitete sich schnell über die Serbenrepublik hinaus auf die muslimisch-kroatische Föderation und die bosnische Diaspora aus. Die Bewegung "Gerechtigkeit für David" ist so auch zu einem Symbol für die Überwindung ethnischer Grenzen geworden - und zu einer Bedrohung für die Nationalisten an der Macht.

Zeitgleich mit der Verhaftung Davor Dragičevićs räumte die Polizei auch die Gedenkstätte für David, die von der Protestbewegung auf dem zentralen Krajina-Platz in Banja Luka errichtet worden war. Weitere Zusammenkünfte dort wurden verboten. Offensichtlich sollte der Protest beendet werden. Doch die Regierenden in der Serbenrepublik haben sich verrechnet. Als Davor Dragičević nach nur einem Tag wieder auf freien Fuß gesetzt wurde, zeigte er sich ungebeugt: "Sie können mich nicht aufhalten", sagte er vor seinen Mitstreitern, "David wird Gerechtigkeit widerfahren."

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