Kriminalität in Großbritannien:Jetzt mal zu etwas ganz anderem

Boris Johnson will von Corona ablenken - und löst Ärger aus.

Von Michael Neudecker, London

Boris Johnson hatte es nicht leicht zuletzt. Immer wieder wurde sein seltsamer Umgang mit der Pandemie bemängelt, dann musste er auch noch nach Chequers, um auf dem Landsitz der britischen Premierminister seine Quarantäne zu verbringen. Zehn Tage eingesperrt in diesem jahrhundertealten Haus in der Londoner Vorstadteinöde, umgeben nur von Feldern und Gärten. Seit Dienstag aber ist die Quarantäne vorbei, Johnson darf zurück in seine dank Ehefrau Carrie hübsch renovierte Wohnung in 10 Downing Street. Es könnte eine gute Woche werden für ihn, denn diese Woche ist, wie es der Johnson-nahe Telegraph nennt, "crime week".

Boris Johnson ist passionierter Schlagwortpolitiker, auch seine Vorhaben zur Verbrechensbekämpfung, die er am Dienstag vorstellte, passen in drei Worte, er nennt sie "Beating Crime Plan". Es ist auch ein Versuch, endlich wegzukommen von den Schlagworten, die er selbst nicht erfunden hat, etwa "Pingdemic", jenem Boulevardbegriff, der das Problem der zunehmend steigenden Zahlen von Menschen in Quarantäne beschreiben soll.

Das Land könne nicht aufblühen und gedeihen, "wenn es in Angst und Schrecken lebt", sagte Johnson also und gab mehrere Punkte bekannt, wobei drei im Vordergrund standen. Erstens, künftig sollen Einbrecher, die länger als ein Jahr in Haft waren, nach ihrer Entlassung mit einer digitalen Fußfessel ausgestattet werden. Zweitens, die von Theresa May beschlossenen Einschränkungen für die Polizei, unter welchen Umständen Verdächtige durchsucht werden dürfen, werden aufgehoben. Drittens, Kriminelle, die als Teil ihrer Strafe Dienst an der Gemeinde zu verrichten haben, etwa Graffiti-Schmierereien entfernen, sollen eine Warnweste tragen, damit man sieht, dass sich Verbrechen nicht lohnt. Letzteres wurde aus dem Innenministerium tatsächlich als Begründung verlautbart.

Warnwesten als moderne Form des Prangers und Fußfesseln für Einbrecher passen gut zum Populismus der Johnson-Regierung, vor allem die Änderung der sogenannten Stop-and-Search-Regeln aber löste Kritik aus. Johnsons Vorgängerin hatte die Rechte auch deshalb eingeschränkt, weil einerseits unverhältnismäßig mehr schwarze Menschen durchsucht wurden und andererseits in Studien kein relevanter Zusammenhang zwischen Durchsuchungen und Verbrechenszahlen hergestellt werden konnte. Die Rücknahme bezeichneten Oppositionspolitiker als "alarmierend und kontraproduktiv".

Die Polizei ist auf Johnson ohnehin gerade nicht besonders gut zu sprechen. Erst vergangene Woche gab der Verband der Polizei für England und Wales bekannt, Innenministerin Priti Patel und überhaupt der Regierung das Vertrauen zu entziehen. Das war tatsächlich die Formulierung in dem Statement: Der Regierung könne man "nicht vertrauen". Kurz vorher war bekannt geworden, dass es bis 2022 keinerlei Gehaltserhöhungen für Polizisten geben wird. Er könne nicht "den Kollegen in die Augen schauen und nichts tun", sagte der Vorsitzende des Verbandes.

Dass der "Beating Crime Plan" die Polizei besänftigt, darf man bezweifeln. Der ganze Plan, sagte ein Polizeivertreter am Dienstag, bestehe nur "aus Gimmicks".

© SZ
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB