Großbritannien:Johnsons Fehltritte - eine Auswahl

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Großbritannien: Was hat er nur wieder angerichtet? Boris Johnsons Liste von Fehltritten ist lang (Symbolbild).

Was hat er nur wieder angerichtet? Boris Johnsons Liste von Fehltritten ist lang (Symbolbild).

(Foto: Frank Augstein/AFP)

Der britische Premier steht massiv unter Druck. Die Affäre um Lockdown-Partys in Downing Street ist die nächste Peinlichkeit in einer Reihe von kleinen und großen Skandalen.

Von Philipp Saul

Man hätte damit rechnen können. Als Boris Johnson im Sommer 2019 britischer Premierminister wurde, war der frühere Außenminister und Bürgermeister von London schon lange dafür bekannt, beschwingten Schrittes in ein Fettnäpfchen nach dem anderen zu treten. Und in höchsten Regierungswürden angekommen, machte er genau so weiter. "Chaos ist nicht so schlecht, Chaos bedeutet, dass alle zu mir blicken müssen, um zu sehen, wer der Chef ist", soll Johnson während der Corona-Pandemie einmal gesagt haben. Und so sichert er sich diese Art Aufmerksamkeit beständig. Eine Auswahl an Fehltritten und Affären aus seiner Amtszeit:

Urlaub in der Karibik

Großbritannien: Den Jahreswechsel 2019/2020 verbrachten Johnson und seine Partnerin auf der Karibikinsel Mustique. Aber wer zahlte dafür?

Den Jahreswechsel 2019/2020 verbrachten Johnson und seine Partnerin auf der Karibikinsel Mustique. Aber wer zahlte dafür?

(Foto: Hedelin F/Andia.fr via www.imago-images.de/imago images/Andia)

Immer mal wieder nimmt es Johnson mit der Frage nicht allzu genau, wer in seinem Umkreis wofür bezahlt hat. Mehrmals hält er sich nicht an parlamentarische Standards: Erst gibt er Einnahmen aus seiner Wohnung nicht ordnungsgemäß an, dann meldet er Tantiemen aus einem Buch nicht. Außerdem gibt es den Vorwurf, er habe sich die Kosten für die Nanny seines Sohnes Wilfred von Tory-Unterstützern bezahlen lassen.

Und dann ist da noch eine Reise zur Karibikinsel Mustique, wo Johnson mit seiner Freundin zum Jahreswechsel 2019/2020 eine Woche Ferien in einer Villa mit Butler, Koch und Gärtner macht. Gegenüber dem Parlament gibt er an, der britische Millionär David Ross sei für die Kosten der Unterbringung im Wert von 15 000 Pfund aufgekommen. Doch der will davon nichts wissen, es müsse ein "Fehler" vorliegen. Ross erklärt vielmehr, er habe eine andere Villa organisiert, nicht seine eigene zur Verfügung gestellt. Wer Johnsons Mietkosten bezahlt hat, bleibt lange unklar. Ein Ausschuss kommt dennoch später zu dem Schluss, Johnson habe nicht gegen parlamentarische Regeln verstoßen. Es sei aber ungewöhnlich schwer gewesen, in der Angelegenheit Einzelheiten zu ermitteln.

Teure Dienstwohnung

Britische Regierungschefs dürfen jährlich öffentliche Gelder in Höhe von bis zu 30 000 Pfund für Renovierungsarbeiten beanspruchen. Doch für die luxuriöse Renovierung seiner Dienstwohnung in der Londoner Downing Street gibt Johnson weit mehr als 100 000 Pfund aus. Für die Mehrkosten des Umbaus kommt auf Bitten des Premiers offenbar weitgehend der wohlhabende Tory-Spender David Brownlow auf. Monate später will Johnson davon in einer Befragung nichts gewusst haben.

Als Gegenleistung für Brownlows Zuschuss, so legen es veröffentlichte Whatsapp-Nachrichten aus dem November 2020 nahe, könnte der Regierungschef versprochen haben, ein von dem Multimillionär favorisiertes Kulturprojekt voranzubringen. Die Opposition wirft dem Premierminister deshalb Korruption vor. Weil das Geld nicht korrekt deklariert wird, müssen die Konservativen umgerechnet 20 000 Euro Strafe zahlen. Erst als die Finanzierung der Renovierung Schlagzeilen macht, greift Johnson in die Tasche und zahlt nachträglich selbst für den Umbau.

Lobbyismus: Johnson stellt sich vor Parteifreund - und muss nachgeben

Großbritannien: Owen Paterson nimmt von Unternehmen viel Geld, muss zurücktreten und die Tories verlieren seinen Wahlkreis - zum ersten Mal.

Owen Paterson nimmt von Unternehmen viel Geld, muss zurücktreten und die Tories verlieren seinen Wahlkreis - zum ersten Mal.

(Foto: OLI SCARFF/AFP)

Im Spätherbst 2021 steht Owen Paterson, langgedienter und treuer Tory-Abgeordneter, massiv in der Kritik. Der Kontrollausschuss des Unterhauses kommt nach einer Untersuchung zu dem Schluss, dass Paterson die Lobby-Regeln des Parlaments gebrochen hat. Er hatte hochbezahlte Nebenjobs nicht angegeben, die im Konflikt zu seinen Aufgaben als Abgeordneter standen. Zudem verwendete er sein Abgeordnetenbüro immer wieder für Geschäftsmeetings. Das Komitee schlägt vor, Paterson für 30 Tage zu suspendieren.

Was die Sache mit Johnson zu tun hat? Der Premier will seinen Parteifreund vor dem Ausschluss bewahren und versucht kurzfristig, die Regeln zu ändern, nach denen solche Fälle untersucht werden. Sofort setzt massiver öffentlicher Druck ein, es hagelt Kritik an der Regierung und diese rudert zurück.

Doch der Schaden ist angerichtet, wenig später tritt Paterson zurück, in seinem Wahlkreis wird ein neuer Abgeordneter gewählt. Den Wahlkreis North Shropshire gibt es seit 1932 und immer haben die Konservativen dort gewonnen. 2019 bekam Paterson fast 63 Prozent der Stimmen. Doch nun verliert die Partei fast die Hälfte der Stimmen und kommt auf lediglich 32 Prozent. Erstmals unterliegen die Tories in dem Wahlkreis, eine liberaldemokratische Kandidatin gewinnt.

"Schlag ins Gesicht aller Covid-Kranken"

Großbritannien: Johnson begrüßt Krankenschwestern in Northumberland - ohne Maske.

Johnson begrüßt Krankenschwestern in Northumberland - ohne Maske.

(Foto: Peter Summers/dpa)

Im Umgang mit der Pandemie tritt der britische Premier des Öfteren etwas sorglos auf. Das zeigt sich auch auf der Klimakonferenz 2021 in Glasgow, als Johnson ohne Maske neben dem 95 Jahre alten David Attenborough sitzt, dieser mit Maske. Jeder müsse doch selbst entscheiden, was er in welcher Situation zu tun habe, sagt Johnson später. Ein anderes Mal besucht der Premier ein Krankenhaus in Northumberland. Er grüßt Krankenschwestern mit dem Ellenbogen und lächelt fröhlich. Eine Maske trägt er nicht. Drei Mal wird Johnson auf die Maskenpflicht hingewiesen, schließlich wird ihm eine gereicht. Ein Oppositionsabgeordneter spricht von einem "Schlag ins Gesicht aller Covid-Kranken".

"Sollen sich halt die Leichen stapeln"

Großbritannien: Boris Johnson und sein früherer Berater Dominic Cummings waren mal enge Vertraute. Das ist lange vorbei.

Boris Johnson und sein früherer Berater Dominic Cummings waren mal enge Vertraute. Das ist lange vorbei.

(Foto: DANIEL LEAL-OLIVAS/AFP)

Immer wieder werden britischen Medien Details aus dem Innenleben der Regierung zugespielt, die den Premier belasten. Die Vermutung liegt nahe, dass dahinter Dominic Cummings steckt, der mal Johnsons wichtigster Berater war. Der Premier war so sehr auf ihn angewiesen, dass er sich sogar hinter Cummings stellte, als dieser die Corona-Regeln während des Lockdowns im Frühjahr 2020 brach und danach behauptete, nichts falsch gemacht zu haben.

Doch Johnson und sein Chefberater zerstritten sich und es entwickelte sich eine Schlammschlacht. Im Oktober 2020 soll der Premier in seinem Arbeitszimmer bei offener Tür im Zorn gerufen haben: "Keine verdammten Lockdowns mehr! Sollen sich halt die Leichen stapeln!" ("Let the bodies pile high in their thousands!")Einige Wochen vorher soll er Lockdowns als "verrückt" bezeichnet und gesagt haben, er wolle das Virus lieber einfach laufen lassen, statt die Wirtschaft zu beschädigen. Wie so oft bestreitet Johnson die Aussagen. "Toter, totaler Blödsinn" sei das alles.

Ein Minister küsst im Lockdown fremd

Großbritannien: Selbst strengen Kontaktverzicht anmahnen und dann eine Beraterin küssen? Das kostet Gesundheitsminister Matt Hancock den Job.

Selbst strengen Kontaktverzicht anmahnen und dann eine Beraterin küssen? Das kostet Gesundheitsminister Matt Hancock den Job.

(Foto: TOLGA AKMEN/AFP)

Mai 2021, im Vereinigten Königreich gelten strenge Corona-Kontaktregeln. Es ist explizit nicht erlaubt, Menschen zu umarmen, die nicht zum eigenen Hausstand gehören. Doch auf den Aufnahmen einer Überwachungskamera im Büro von Gesundheitsminister Matt Hancock ist dieser in innigem Kontakt mit Gina Coladangelo zu sehen, sie umarmen und küssen sich. Er kennt die Lobbyistin und Beraterin offenbar schon aus Studienzeiten, hat sie selbst eingestellt. Sie wird als Beraterin aus Steuergeldern bezahlt.

Hancock entschuldigt sich bei Johnson. Der erklärt die Angelegenheit für erledigt, eine drastische Fehleinschätzung des Premiers. Die Rufe nach einem Rücktritt des Gesundheitsministers, der immer wieder dazu aufgerufen hatte, den Kontakt zu Mitmenschen einzuschränken, werden auch aus der eigenen Partei lauter. Hancock ist nicht mehr zu halten, er tritt zurück.

Johnson und Peppa Pig

Großbritannien: Nicht jede Rede Johnsons ist ein Erfolg, die Peppa-Pig-Rede erst recht nicht (Symbolbild).

Nicht jede Rede Johnsons ist ein Erfolg, die Peppa-Pig-Rede erst recht nicht (Symbolbild).

(Foto: BEN STANSALL/AFP)

Es ist einer der peinlichsten Momente in der Amtszeit des Premiers. Als Johnson bei einer Konferenz im November 2021 als "Keynote Speaker" vor Wirtschaftsvertretern auftritt, erzählt er ausführlich von seinem Besuch im Freizeitpark Peppa Pig World tags zuvor mit seinem Sohn. Er zieht Parallelen zwischen dem Zeichentrickschwein und der Leistungsfähigkeit Großbritanniens. Es soll ein Witz sein, aber er zündet nicht.

Zwischendurch kramt Johnson quälende 30 Sekunden lang in seinen Unterlagen und stammelt immer wieder "Forgive me": Vergeben Sie mir. Er röhrt wie ein Rennauto, als er beschreibt, ein Elektroauto habe eine Beschleunigung wie ein Ferrari, und sagt, er habe wie einst Moses einen Zehn-Punkte-Plan für nachhaltige Energieversorgung geschrieben. Großbritannien schüttelt irritiert den Kopf , und der Reporter eines Fernsehsenders fragt ihn später: "Ganz ehrlich, Premierminister, ist alles in Ordnung mit Ihnen?" Johnson antwortet: "Ich glaube, die meisten Leute haben meine Punkte verstanden." Seine Rede sei doch gut gelaufen.

Lockdown-Party: "Bringt euren eigenen Alkohol mit"

In der Downing Street lässt es sich feiern, offenbar auch im Lockdown. Im Mai 2020 lädt Johnsons Büroleiter per E-Mail etwa 100 Mitarbeiter zu einer Gartenparty ein. 30 bis 40 Menschen kommen, auch der Premierminister ist einige Zeit dabei. Erlaubt sind damals aber nur Treffen im Freien mit einer weiteren Person. Johnson entschuldigt sich später, er habe fälschlicherweise angenommen, es handle sich um ein Arbeitstreffen. Eine Feier, bei der in der Einladung steht: "Bringt euren eigenen Alkohol mit"? Klingt nicht nach einem Arbeitstreffen.

Als die Affäre ihn längst in seinem Amt bedroht, ringt Johnson in einem Interview stotternd nach Worten und beteuert: Niemand habe ihn darauf aufmerksam gemacht, dass die Veranstaltung gegen die Corona-Auflagen verstoßen könnte. Dabei kann man die Regeln als Regierungschef doch durchaus auch selbst kennen.

Die Party im Mai ist nicht die einzige, die der britischen Öffentlichkeit übel aufstößt. Auch für Weihnachtsfeiern in der Downing Street im Dezember 2020 muss sich der Premier rechtfertigen.

Großbritannien: Queen Elizabeth trauert pandemiebedingt alleine um ihren verstorbenen Mann. Am Abend zuvor ging es in der Downing Street hoch her.

Queen Elizabeth trauert pandemiebedingt alleine um ihren verstorbenen Mann. Am Abend zuvor ging es in der Downing Street hoch her.

(Foto: POOL New/REUTERS)

Besonders laut ist die Empörung über eine Feier am 16. April 2021. Am Vorabend der Beisetzung von Prinz Philip, dem Gemahl von Königin Elizabeth, feiern Berichten zufolge Dutzende Mitarbeiter Johnsons in dessen Amtssitz. Etwa 30 Menschen tanzen trotz strenger Beschränkungen und trinken Alkohol. Die Queen sitzt am nächsten Tag wegen der Kontakt- und Abstandsregeln ganz alleine bei der Bestattung in der Kapelle auf Schloss Windsor. Das Foto der einsamen Queen ist einer der prägenden Eindrücke der Pandemie und berührt die Herzen von Millionen Briten.

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