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Covid-19:Johnsons Erkrankung sollte die Briten aufhorchen lassen

Ende März leitete der britische Premier Johnson noch Konferenzen, nach seiner Corona-Infektion aber hat sich sein Zustand erheblich verschlechtert.

(Foto: AFP)

Der britische Premier stilisiert sich gern als Anführer, aber er ist kein Putin. Die Regierung funktioniert auch ohne ihn - ein Segen in diesen Zeiten.

Es ist eine Binsenweisheit, dass Menschen in schwierigen Zeiten nach Orientierung suchen. Wer selbst verunsichert ist, wer sich gar fürchtet, der möchte stärker als sonst das Gefühl haben, dass man denen, die erklären und Entscheidungen treffen, vertrauen kann. In Deutschland schlägt sich dies in der erneuerten Popularität der Bundeskanzlerin nieder, aber auch darin, dass CDU und CSU gerade Umfrageergebnisse erzielen, die in vorcoronaren Zeiten als unmöglich erschienen sind. Die Union ist, so gesehen, die Viren-Volkspartei geworden.

Wie wichtig für sehr viele Leute das Verhalten, aber auch das Schicksal von Führungspersonen ist, zeigt sich in Großbritannien an den Reaktionen auf die schwere Viruserkrankung des Premierministers Boris Johnson. Abgesehen von den leider nicht wenigen Trotteln, die sich im Netz darüber erfreut zeigen, dass es "so einen" nun auch erwischt hat, herrscht Bestürzung vor.

Johnson hat das Land polarisiert, nicht nur im Streit um den Brexit, sondern auch wegen seiner anfangs nahezu nonchalanten Art, mit der Seuche umzugehen. Es hat gedauert, bis man auf der Insel das tat, was auf dem Kontinent in verschiedenen Ausprägungen bereits in Kraft war. Das Hinauszögern der Kontaktbeschränkungen war eine falsche politische Entscheidung.

Nun gehört der Premierminister zu jenem Typus von Politikern, bei dem die oft überdeutliche Selbststilisierung als Führungsperson das entscheidende Element einerseits ihres Auftretens und Handelns, andererseits aber auch ihrer Fremdwahrnehmung ist. Es ist der Typus Trump, der derzeit in manchen alten Demokratien wie den USA oder eben Großbritannien genauso gefragt zu sein scheint wie in Staaten, die neuerdings oder seit jeher eher autoritäre Herrschaftsprofile bevorzugen wie Russland, Brasilien oder die Türkei. Es fällt auf, dass in den vom Typus Trump regierten Staaten das Virus tendenziell deutlich länger als anderswo verharmlost worden ist.

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Jenseits des individuellen Elends durch schwere Krankheit sind allerdings die politischen und gesellschaftlichen Auswirkungen einer solchen Erkrankung in einer sehr persönlichkeitszentrierten Regierung viel größer. Ein System Putin oder, so unterschiedlich Moskau und Washington auch sind, ein System Trump funktioniert nicht ohne die jeweilige Person. In Großbritannien dagegen würde auch ein längerer Klinikaufenthalt des Premiers die grundsätzliche Funktionsfähigkeit der Regierung nicht untergraben. Selbst das Brexit-Chaos haben die Institutionen im Königreich letztlich überstanden - und Johnsons Anhänger würden sagen: gemeistert.

Als Angela Merkel in die Quarantäne musste, war auch das eine sehr wichtige Nachricht. Sie war dennoch nicht so alles bestimmend, auch weil die Entwarnung - negatives Testergebnis - schnell kam. Viele, die gerade jetzt Merkels Führung schätzen, wissen auch, dass es spätestens 2021 ohne sie weitergehen wird. Weil sie eben kein Trump-Typus ist, findet sie diese Aussicht auch durchaus gut.

Es ist zu hoffen, dass es Boris Johnson bald besser geht. Genauso wichtig aber ist das Schicksal vieler, die so wie er im Moment auf der Intensivstation sind. Möglicherweise aber trägt Johnsons Krankheit dazu bei, dass mehr Menschen den Ernst der Lage erkennen und nicht mehr von einer "Grippe" faseln.

© SZ vom 08.04.2020
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