bedeckt München 31°

Bombennacht vom 13. Februar 1945:Der einzige freundliche Deutsche brachte sich um

Josef Salomonovič mit seiner Mutter.

(Foto: Oliver Das Gupta)

"Morgens sind wir aus dem Keller rausgekommen. Um uns herum war alles kaputt, die Bäume waren verbrannt. Die Straßen waren so heiß, dass sie klebten. Wir mussten Trümmer räumen. Ich habe mithelfen müssen, nicht gezündete Bomben und Bombenteile freizulegen. Die erwachsenen Häftlinge haben Leichen herausgezogen.

Dass mein Bruder getötet werden sollte, hatte die SS wegen des Luftangriffs vergessen. Das Bombardement hat ihm das Leben gerettet. Der Luftwaffenoffizier, der immer freundlich zu uns war, ist kurz danach gestorben. Er hat sich aufgehängt.

Wenig später wurden wir Häftlinge nach Pirna gebracht und dann wieder nach Dresden. Wir mussten dort wieder aufräumen."

Die SS trieb Michal, Josef, seine Mutter und andere KZ-Häftlinge von Dresden nach Süden, ins "Protektorat Böhmen und Mähren", wie die deutschen Besatzer die tschechische Heimat nach der Invasion von 1939 nannten ( hier mehr dazu). Der Todesmarsch endete für die Familie Salomonovič erst nach mehreren Wochen und etwa 200 Kilometern mit einem alliierten Tieffliegerangriff Ende April oder Anfang Mai.

"Wir liefen durch Westböhmen, immer wieder drangsalierte die SS uns. Offensichtlich sollten wir ins KZ Flossenbürg nach Bayern laufen. Doch dazu kam es nicht. Ein Jagdflieger griff an. Die SS-Leute befahlen, dass wir uns in den Graben neben der Straße legen. Nachdem das Flugzeug gefeuert hatte, befahlen unsere Bewacher, weiterzumarschieren.

'Dalli, dalli', riefen die SS-Leute und: 'Weiter, Saujuden'. Sie schossen in die Luft. Unsere Mutter sagte uns, dass wir still im Graben bleiben sollten. Die SS-Bewacher hatten es sehr eilig, weil sie die Rote Armee fürchteten. Sie jagten die anderen Häftlinge weiter. Bei uns haben sie nicht mehr nachgesehen, das war unser Glück. Die SS glaubte offenbar, der Flieger hätte uns getötet. So haben wir uns liegend befreit."

Michal Salomonovič

Michal Salomonovič während des Gesprächs im niederbayerischen Straubing.

(Foto: Oliver Das Gupta)

Nach dem Krieg studierte Michal Salomonovič Maschinenbau. Er lebt heute in Ostrava und besucht Schulen in Tschechien und Deutschland. Zeitzeugen wie er sollten weitergeben, was sie erlebt haben, solange sie noch könnten, sagt Salomonovič.

Ihm ist es wichtig, zu differenzieren: "Es gab nicht nur Nazis, sondern auch andere Deutsche", sagt er nach einem Schulbesuch im niederbayerischen Straubing. Dort hat er vor Neuntklässlern gesprochen. Salomonovič findet, dass deutsche Schüler viel über die NS-Zeit wüssten, er erlebt sie offen und interessiert: "Was ich ihnen immer sage: Euch junge Deutsche trifft keine Schuld."

Als die Rechten am Jahrestag der Bombardierung Dresdens marschierten, war Michal Salomonovič bei den Gegendemonstranten.

Die ehemalige Fabrik in Dresden wurde nach dem Krieg wiederaufgebaut. Während der DDR-Zeit hat Salomonovič nach Dresden wegen des Gebäudes geschrieben. Die Antwort der Behörden: Es gab keine solche Fabrik in der Schandauer Straße. Inzwischen ist an dem Gebäude eine Tafel angebracht, auf der an die Sklavenarbeit der KZ-Häftlinge erinnert wird.

Bei der Autorisierung seiner Zitate hat Salomonovič nur eine Anmerkung. Ihm sei noch ein unbedeutendes Detail eingefallen, sagt er. Die Familie habe früher Salomonowitsch geheißen. Zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg habe man den Eltern zur Änderung in Salomonovič geraten. "Weil die Endung '-witsch' deutsch war."