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Bolivien:Zurück zur Bibel

Bolivia's interim President Jeanine Anez poses for a photo during an event with indigenous Bolivian women known as 'Cholas' in La Paz

Jeanine Áñez im Kreis von bolivianischen Frauen, die die traditonelle Kopfbedeckung tragen.

(Foto: Manuel Claure/Reuters)

Eigentlich sollte Jeanine Áñez nur vorübergehend regieren. Doch jetzt findet sie Gefallen an dem Job und kandidiert - das gefällt vielen gar nicht.

Vor wenigen Wochen kannte sie kaum jemand in Bolivien, jetzt ist sie Präsidentin des Landes - und will es auch bleiben: Jeanine Áñez war bis Oktober zweite Vizepräsidentin des Senats und wurde nach dem Rücktritt von Evo Morales Interimspräsidentin, weil alle laut Verfassung vor ihr infrage kommenden Kandidaten als enge Gefolgsleute von Morales ebenfalls zurückgetreten oder getürmt waren. Anfangs sagte die Vertreterin einer Splitterpartei, sie würde es für "unehrenhaft" halten, die Übergangspräsidentschaft zu nutzen, um sich selbst als Kandidatin in Stellung zu bringen. Doch dann hat sie Geschmack an dem Amt gefunden und ihre Meinung geändert. Jeanine Áñez will am 3. Mai zur Wahl antreten.

Tatsächlich hat ihre Regierung das aufgewühlte Land nach dem missglückten Urnengang vom Oktober und der Flucht von Morales erstaunlich schnell befriedet - allerdings mit zum Teil rabiaten Mitteln und unter starker Polizei- und Militärpräsenz. Parteigänger des Ex-Präsidenten waren und sind teils heftiger und willkürlich anmutender Verfolgung ausgesetzt, wie auch ausländische Diplomaten kritisieren. Überraschend schnell wurden immerhin Neuwahlen angesetzt. Sie fühle sich zuständig, den demokratischen Erneuerungsprozess in Bolivien voranzutreiben, sagte Áñez der Financial Times.

Nach 14 Jahren Andensozialismus von Evo Morales, der vor allem eine Stärkung der Teilnahme der indigenen Völker betrieb, will Áñez zurück zu liberalem Konservativismus und zur Bibel, die sie im Präsidentenpalast neu auflegte, nachdem sie Che-Guevara-Porträts und anderes mutmaßliches Teufelszeug ihres Vorgängers entfernt hatte. Sie sucht die Nähe der USA, die Beziehungen zu Kuba, das Bolivien mit Ärzten versorgt hatte, hat sie aufgekündigt. Áñez, früher Anwältin und TV-Moderatorin, die aus der tropischen Amazonasprovinz Beni stammt, bezeichnet sich als gläubige Katholikin. Im Financial Times-Interview nennt sie ihren Vorgänger Morales einen Atheisten und "Machista". Die bolivianische Feministin, Aktivistin und Künstlerin María Galindo hingegen hat Áñez als "Barbie-Puppe" bezeichnet.

Morales sitzt im Exil und zieht von dort die Fäden in seiner Partei "Bewegung zum Sozialismus", die lange Zeit unangefochten regierte in Bolivien und immer noch den mit Abstand höchsten Mobilisierungsgrad hat. Sein früherer Wirtschaftsminister Luis Arce tritt am 3. Mai ebenfalls an, zusammen mit Ex-Außenminister David Choquehuanca als Kandidat für die Vizepräsidentschaft: Ein Vertreter der weißen Oberschicht und ein Indigener, das ist die Formel, mit der auch Morales und sein Vize Álvaro García Linera jahrelang Wahlen gewonnen hatten.

Nach seiner Agententhriller-tauglichen Flucht an Bord eines mexikanischen Militärflugzeugs gelangte Morales über Umwege ins neuerdings wieder links regierte Argentinien. Dort gibt er unermüdlich Interviews, in denen er ankündigt, im Wahlkampf mitzumischen. Seine Parteigänger im bolivianischen Cochabamba haben ihn sogar in die Kandidatenliste für einen Parlamentssitz eingeschrieben. Dabei droht dem Ex-Präsidenten die sofortige Verhaftung, würde er die Grenze zu Bolivien überschreiten.

Das Duo Arce/Choquehuanca führt die Umfragen an, gegen ein buntes Panorama auf der Rechten, das sich - auch das Tradition in Bolivien - am 3. Mai wohl wieder gegenseitig die Stimmen wegnehmen wird: Neben Áñez sind das Luis Fernando Camacho, Vertreter der Oberschicht in der Wirtschaftsmetropole Santa Cruz, die historisch im Gegensatz steht zu den Anden, wo Morales' Parteigänger stark sind. Camacho bietet eine Mischung aus Machismo und Bibelfestigkeit, weshalb er als bolivianischer Bolsonaro gilt. Daneben kandidieren unter anderem auch wieder der blasse Ex-Präsident Carlos Mesa, der im Oktober ziemlich nah an Morales herangekommen war, sowie der Prediger Chi Hyun Chung, der sich gegen die gleichgeschlechtliche Ehe und gegen Abtreibungen ausspricht.

Interessant für ausländische Investoren ist vor allem, wie sich eine künftige Regierung zum Export des gesuchten Rohstoffs Lithium verhalten wird, von dem es in Bolivien große Vorkommen gilt. Evo Morales hatte kurz vor seinem Rücktritt einen Deal mit einem deutschen Unternehmen auf Eis gelegt. Ziel des Präsidenten war es, möglichst große Anteile an der Wertschöpfung im Land zu halten. Die Nachfolgeregierung setzte zunächst einen ihr genehmen Kandidaten auf den Posten des Direktors der nationalen Lithium-Gesellschaft. Jetzt musste sie ihn wieder absetzen, weil es scharfe soziale Proteste gab. Nach Meinung der Interimsregierung werden diese von niemand anderem gesteuert als von Evo Morales.

© SZ vom 11.02.2020